Bice Curiger

Biennale Venedig

Sichere Hand für die 54. Kunstbiennale Venedig
"Bice Curiger kann eine immense Erfahrung in der Erforschung zeitgenössischer Kunst, ihrer Kritik und Präsentation vorweisen", sagte Biennale-Präsident Paolo Baratta. (Courtesy Biennale Venedig)

SICHERE HAND FÜR DIE 54. KUNSTBIENNALE VENEDIG

Die Schweizer Kunsthistorikerin, Kuratorin, Autorin und Chefredakteurin Bice Curiger wurde mit der Leitung der nächsten Biennale beauftragt. Ein Porträt.
// GERHARD MACK, ZÜRICH

Dass der Vorstand der Biennale Venedig die künstlerische Leitung der 54. Kunstbiennale Venedig im nächsten Jahr Bice Curiger anvertraut, ist keine Überraschung. Überraschend ist allenfalls der Zeitpunkt, zu dem dies geschieht. Die 1948 geborene Schweizer Kunsthistorikerin gehört seit Jahren zu den Kuratorinnen mit großer Erfahrung, weitem Überblick und hervorragendem Engagement für Gegenwartskunst. In zahllosen Jurys hat sie Künstlerinnen und Künstler gefördert, in vielen Ausstellungen internationale wie auch Schweizer Positionen dem Publikum vermittelt.

Entsprechend begründet Biennale-Präsident Paolo Baratta die Entscheidung des Biennale-Vorstands auch: "Bice Curiger kann eine immense Erfahrung in der Erforschung zeitgenössischer Kunst, ihrer Kritik und Präsentation vorweisen." Und impliziert vielleicht im Stillen, dass es der Biennale gut tun würde, wenn ihr eine sichere Hand zu Hilfe käme.

Nach Harald Szeemann ist Bice Curiger die zweite kuratorische Kraft aus der Schweiz, der die Leitung der Kunstbiennale von Venedig anvertraut wird. Sie hat den Übervater und Erfinder des Kuratorenberufs 1993 im Kunsthaus Zürich beerbt, als sie eine halbe Stelle als Kuratorin für zeitgenössische Kunst übernommen hat. Schaut man auf die vielen Ausstellungen zurück, die Bice Curiger dort und in anderen Museen verantwortet hat, so fällt ihr prononciertes Interesse für die Gegenwart auf. Den georgischen Künstler Nikos Pirosmani hat sie ebenso auf sein Potenzial für junge Kunst hin befragt wie Emma Kunz und die hoch verehrte Meret Oppenheim, deren Werk sie neben Ausstellungen auch früh eine Studie gewidmet hat.

Dabei ist an die Stelle der Obsession, die das Szeemann’sche Kunstpanoptikum durchdrungen hat, die Assoziation getreten. Wirkliche Besessenheit passte nicht mehr recht für junge Künstler, die sich mit soziologischem Interesse um den Zustand der Kunst, um ihre Rolle in der Gesellschaft Gedanken machten und auf der Akademie mit größtem Interesse lernten, wie sie sich in einer Welt positionieren können, die alles dem schnellen Euro unterordnet. Locker, fast unverbindlich, vielleicht auch am Amusement interessiert, kamen viele Ausstellungen daher. Nicht weil Bice Curiger an Oberflächlichkeiten interessiert wäre, sondern weil der schöne Glanz der Oberfläche und der kecke Titel, auf den sie gerne setzte, Mittel der Verführung zu komplexeren Anliegen waren.

Freunde und Gesprächspartner der Künstler – statt Kritiker

Dabei zehrte der Blick der Ausstellungskuratorin stets vom Kalkül der Magazin-Redakteurin, die Zusammenhänge im Hinterkopf trägt und weiss, wen sie mit wem zusammenbringen und welche Arbeit wie zu fotografieren ist. Mit Jacqueline Burckhardt und Dieter von Graffenried hat Bice Curiger 1984 in schwierigem Umfeld die Kunstzeitschrift "Parkett" gegründet und einen Markstein gesetzt für einen anderen Kunstjournalismus: Sowohl die Chefredaktorin wie auch die Autoren, die in den anspruchsvoll gestalteten Bänden zu Wort kamen, verstanden sich nicht als Kritiker, sondern als Freunde und Gesprächspartner der Künstler, die sie vorstellen wollten. Kunst ist erklärungsbedürftig, und der Königsweg zu ihrem Verständnis führt immer noch über diejenigen, die sie herstellen oder mit diesen eng zusammenarbeiten – so lautete das implizierte Credo.

Konsequenter Ausdruck dieser freundschaftlichen Nähe ist die Edition, für die zu jedem Heft eine Künstlerin oder ein Künstler gewonnen werden konnten. Anfangs vielleicht auch als Finanzierungshilfe gedacht, sind diese Beigaben längst zu einer eigenen Sammlung angewachsen, die zurückhaltend, aber selbstbewusst die Entwicklung der Kunst der letzten 30 Jahre zu spiegeln vermögen – originell und eigenwillig wie kaum etwas sonst. Sogar das Museum of Modern Art in New York hat diese Kollektion gezeigt.

Wenn Paolo Baratta sagt, Curiger "hat eine profunde Kenntnis und Wertschätzung der Welt der Künstler erworben", ist darunter vermutlich ebendiese Neugierde und Offenheit für die Persönlichkeiten der Künstler und ihre Werkprozesse zu verstehen, die die Chefredakteurin über Jahrzehnte an den Tag gelegt hat. So dürfen die Besucher wohl eine Biennale erwarten, in der die Künstler zu sehen sind, die Bice Curiger besonders schätzt – Sigmar Polke, Martin Kippenberger, Katharina Fritsch und Jeff Koons gehören sicherlich dazu – aber sie können darüber hinaus auch gewiss sein, dass nicht irgendein schicker Diskurs über die Werke gegossen wird, sondern diese selbst möglichst gut zur Wirkung kommen sollen. Dass die Kunst davon profitiert, darf man beruhigt annehmen.

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