art im Gespräch
Catherine David
"RELIGION IST OFT EIN ALIBI"
art: Bereits seit 2001 beschäftigen Sie sich in dem Langzeitprojekt „Contemporary Arab Representations“ mit der Kultur der arabischen Welt, das "Di/Visions"-Projekt ist eng mit Ihren Ergebnissen dort verknüpft. Für Beobachter aus der westlichen Welt scheinen die Verhältnisse im Nahen Osten oft sehr schwer durchschaubar zu sein. Haben Sie ähnliche Erfahrungen gemacht?
Catherine David: Jeder sagt, der Nahe Osten sei so kompliziert, so mysteriös. Aber sobald man beginnt, sich wirklich damit zu beschäftigen, ist nichts mehr mysteriös. Die Situation dort mag komplex sein, aber sie ist der Analyse genauso zugänglich wie irgendwo anders. Genau das ist ja mein Ziel. Ich möchte die zeitgenössische arabische Kultur präzise untersuchen und darstellen, als ein Weg, um die flachen Klischees, die über die arabische Welt und Kultur zirkulieren, zu dekonstruieren. Klischees, die seit dem 11. September noch drückender geworden sind, wie wir alle wissen.
Die westliche Welt nimmt vor allem Fundamentalismus, Tyrannei und Krieg wahr. Dinge, die allerdings auch existieren.
Aber es gibt da immer wieder große Missverständnisse. Nehmen Sie die Berichterstattung über den Irak. Da teilt man immer in Schiiten, Sunniten und Kurden. Das wäre, als wenn man in Frankreich sagen würde: Es gibt Christen, Protestanten und Korsen. Man muss zurück zu den Fakten kommen. Natürlich gibt es im Moment ein religiöses Sektierertum. Aber es gibt auch viele Arten, das zu instrumentalisieren. Diese Gruppen haben lange sehr gut zusammengelebt, ohne Konflikte. Wenn man mit Irakern meiner Generation spricht, erzählen sie, dass sie seit dreißig Jahren mit Leuten befreundet sind, von denen sie gar nicht wissen, ob sie Schiiten oder Sunniten sind. Und die Gewalt, die wir heute im Irak sehen, ist nichts, was der irakischen Kultur und Geschichte essentiell anhaften würde. Sie kam mit der Besetzung des Landes. Das Problem ist die systematische Simplifikation der Dinge: Die Leute beachten die historischen Gegebenheiten nicht mehr, sie beachten die Komplexitäten nicht.

