Berlin Biennale

Kathrin Rhomberg

"Kann Kunst Wirklichkeit produzieren?"
Kathrin Rhomberg, Kuratorin der 6. Berlin Biennale für Zeitgenössische Kunst (Foto: Manfred Unger, 2009)

"KANN KUNST WIRKLICHKEIT PRODUZIEREN?"

Kathrin Rhomberg ist die Kuratorin der diesjährigen Biennale für zeitgenössische Kunst in Berlin. art sprach mit ihr über Themen, Künstler und Ausstellungsorte.
// KITO NEDO, BERLIN

Frau Rhomberg, welches Thema hat die 6. Berlin Biennale?

Kathrin Rhomberg: Die Biennale vermeidet ausdrücklich ein Thema, unter dessen Titel und Anleitung die künstlerischen Arbeiten zu sehen wären. Sie versucht stattdessen, von den künstlerischen Arbeiten ausgehend Fragen nach der Gegenwart zu stellen und die Routine der Wahrnehmung zu brechen. Auch vor dem Hintergrund der beiden Ereignisse des vergangenen Jahrzehnts, die sinnbildlich für die Krise der Gegenwart stehen, die Anschläge vom 11. September 2001 und der Crash der Investmentbank Lehman Brothers vom 15. September 2008, stellt die Biennale die Frage, was zeitgenössische Kunst heute sein kann. Haben diese Ereignisse, hat die soziale, wirtschaftliche und politische Realität, in die sie eingebrochen sind wie etwas, das bis dahin unvorstellbar schien, überhaupt einen Einfluss auf das gegenwärtige künstlerische Denken? Welches Verhältnis nimmt die Kunst zur Realität ein? Kann Kunst Wirklichkeit produzieren?

Realitätsproduktion in der Kunst – werden nun Film und Fotografie bevorzugt?

Nein, es gibt keine Bevorzugungen oder gar Einschränkungen auf bestimmte Medien. Die Auswahl der Projekte und Arbeiten, die zu sehen sein werden, hat sich nicht nach medialen Gesichtspunkten gerichtet.

Der Start wurde vom April auf den Juni verlegt – warum?

Ein Grund war, dass sich die Suche nach Ausstellungsorten nicht so einfach gestaltete wie ursprünglich erwartet. Der Berliner Immobilienmarkt hat sich, trotz relativ großem Leerstand nach wie vor, in den letzten Jahren verändert. Die Eröffnung im Juni macht aber auch eine zukünftige Bündelung mit weiteren Terminen möglich. Und Berlin zeigt sich im Sommer einfach von der besten Seite.

Wie lang ist ihre Künstlerliste?

Die Liste ist noch nicht abgeschlossen. Ich würde sie auch gerne so lange wie irgend möglich offen halten. Mein kuratorischer Zugang ist seit jeher prozessual, ich will auf Entwicklungen und Findungen, wie sie sich während der Arbeit an einer Ausstellung und in der Zusammenschau von eingeladenen Positionen immer ergeben, möglichst lange reagieren können. Die ideale Ausstellung für mich wäre wahrscheinlich eine, die nie fertig oder abgeschlossen ist. Konkret zur Frage: Die Biennale wird sich auf eine eher kleinere Gruppe von Künstlerinnen und Künstlern beschränken, dabei aber versuchen, auch umfassendere Einblicke in deren Positionen zu ermöglichen. Es wird eine sehr konzentrierte Biennale, die mit unterschiedlichen Formaten arbeitet.

Zum Beispiel?

Einige Namen sind ja durch unser Projekt „Artist beyond“ schon bekannt, etwa Nilbar Güres, Petrit Halilaj, Phil Collins oder Marie Voignier. In Kürze werden auch die fotografischen Arbeiten von Michael Schmidt im öffentlichen und medialen Raum zu sehen sein, die die Biennale bereits im Vorfeld und während ihrer gesamten Dauer auf Plakaten und in Zeitungsanzeigen begleiten sollen.

Was noch?

Ein Künstler aus dem Berlin des 19. Jahrhunderts: Adolph Menzel. Ich habe den amerikanischen Kunsthistoriker Michael Fried eingeladen, mit Unterstützung der Alten Nationalgalerie und dem Kupferstichkabinett der Staatlichen Museen zu Berlin eine kleine Einzelausstellung mit Menzels Zeichnungen zu kuratieren. Dabei geht es mir wieder um einen Blick von außen auf vermeintlich Festgeschriebenes, um einen Blick darauf, wie sich Kunst zur Wirklichkeit verhält.

Gibt es neben dem KW Institute for Contemporary Art in der Auguststraße und neben der Alten Nationalgalerie noch weitere Ausstellungsorte?

Ja, unter anderem ein großes Gebäude am Kreuzberger Oranienplatz. Kreuzberg ist ein migrantisch geprägter Stadtteil und steht damit für einen elementaren Aspekt unserer gegenwärtigen und zukünftigen Wirklichkeiten. Unsere Gesellschaft ist eine migrantisch geprägte Gesellschaft und wird es in zunehmendem Maße sein. Im Straßenbild von Kreuzberg ist diese soziale Wirklichkeit deutlicher spürbar als in Berlin Mitte.

"6. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst"

Termin: 11. Juni bis 8. August 2010, Orte: KW – Institute for Contemporary Art, Auguststraße 69, Oranienplatz 17, Alte Nationalgalerie Bodestr. 1–3

http://www.berlinbiennale.de

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