Egbert Rühl

Hamburg



"HAUSBESETZUNGEN SIND EIN AKZEPTABLES MITTEL"

Besetzte Häuser, demonstrierende Künstler und zahllose Bürgerbegehren – die Stadt Hamburg hat aus den Problemen der jüngsten Vergangenheit gelernt und die Einrichtung einer "Hamburger Kreativ GmbH" forciert, die sich ab März um die Vernetzung der Kreativindustrie, die Vermittlung von Immobilien und Förderung von Kulturprojekten kümmern wird. Als Geschäftsführer wurde jetzt der Kulturmanager Egbert Rühl ernannt. art sprach mit ihm über Kunst, Konflikte und Kommerzialisierung.
// ALAIN BIEBER, HAMBURG

Herr Rühl, hat man Sie von Mannheim nach Hamburg geholt, weil Sie nicht Teil des Hamburger Klüngels sind?

Egbert Rühl: Ich weiß nichts von einem Hamburger Klüngel. Ich hoffe, dass meine Herkunft nicht der einzige Punkt ist, der für mich gesprochen hat. Aber ich würde das auch als Vorteil empfinden.

Es wurde ja monatelang gesucht. Warum war es so schwer, diese Stelle zu besetzen?

Das Ungewöhnliche an dieser Stelle ist ja, dass eine Position besetzt wird, deren Aufgaben noch gar nicht klar definiert sind. Wenn man einen Schauspieldirektor sucht, weiß man ungefähr, was man von einem Schauspieldirektor zu erwarten hat. Wenn man aber einen Leiter einer Hamburg Kreativ GmbH sucht, dann ist dies eine Aufgabe, bei der es zwar Vorstellungen gibt, aber noch keine konkreten Erfahrungen. Das macht es schwierig, aber auch sehr spannend.

Bisher waren Sie Leiter der Kultureinrichtung Mannheimer Feuerwache – was gehörte dort zu Ihren Aufgaben?

Die Feuerwache ist eine der wichtigsten Kultureinrichtungen Mannheims, neben Kunsthalle, Reiss-Engelhorn-Museen und Nationaltheater – und ich bin dort künstlerischer und kaufmännischer Leiter. Wir sind ein Haus, das sich vor allem der darstellenden Kunst widmet, bei uns findet das internationale Jazzfestival "Enjoy Jazz" statt, wir haben einen Kunstraum betrieben und veranstalten jährlich auch ein großes Literaturfest.

Was erhofft sich Hamburg mit der Gründung einer Kreativ GmbH?

Dahinter steckt der ausdrückliche Wunsch, die Kreativwirtschaft in Hamburg zu fördern. Es geht um neue Perspektiven für die Stadtentwicklung und die Entwicklung neuer Strategien. Natürlich erhofft sich Hamburg primär eine Stärkung dieses Wirtschaftszweigs.

Bei solchen Förderprogrammen geht es ja meist um Mehreinnahmen, mehr Attraktivität für Touristen oder die Aufwertung von Immobilien – mit den bekannten Folgen der Gentrifizierung.

Das Thema ist natürlich nicht unproblematisch. Aber für die GmbH geht es, ein wenig losgelöst vom Verwertungsprozess, auch darum, zu fragen, welche Instrumente entwickelt werden können, um die individuelle Situation der Akteure oder Unternehmen zu verbessern.

Sie kommen in Hamburg an einen noch immer schwelenden Brandherd, und zunächst wird es wohl sehr schwer werden, die Akzeptanz der Akteure zu gewinnen. Haben sich darauf schon vorbereitet?

Kann man sich darauf vorbereiten? Die Stelle ist umstritten, das ist mir bewusst. Und ich finde es sehr spannend, dass in Hamburg gerade exemplarisch für die ganze Republik Konflikte ausgetragen werden. Das ist gut so, denn immerhin liegen die Konflikte schon einmal offen auf dem Tisch. Jetzt man kann überlegen, in welche Richtung man gehen möchte. Grundsätzlich gilt: Die Stadt kann die Instrumente zur Förderung von Kreativen nicht an den Akteuren vorbei entwickeln. Daher wird mein erster Schritt sein, mit möglichst vielen Akteuren ins Gespräch zu kommen, um die Bedürfnisse abzufragen, um dann im nächsten Schritt zu überlegen, welche Bedürfnisse wir befriedigen können und wollen.

Wie sieht das konkret aus? Kann ich dann als Akteur der Kreativindustrie Ihnen persönlich mein Leid klagen?

Der Katalog der Aufgaben, die angedacht sind, ist schon sehr umfangreich: Wir vermitteln Beratung in juristischen Fragen und werden um Qualifizierung der wirtschaftlichen Kraft von Akteuren oder Unternehmen bemüht sein. Es geht dabei zum Beispiel auch darum, die finanzielle Lage zu stärken, um Möglichkeiten auf dem Kreditmarkt zu schaffen, damit Unternehmen es einfacher haben, an Risikokapital zu kommen. Und das muss alles sehr genau abgewägt werden: Den Musikern muss man helfen, möglichst viel Geld aus der Gema herauszuziehen, und den Clubs muss man dabei helfen, möglichst wenig Gema-Gebühren zu zahlen. Es geht auch um konkrete Hilfe, um die Vernetzung und Selbstvermarktung, um zum Beispiel die Produkte der Kreativwirtschaft zu einem potenziellen Kunden zu bringen. Wir befinden uns hier an einer Schnittstelle der Gesellschaft, deshalb gibt es ja auch diese großen Verwerfungen und Unsicherheiten.

Konkret gehören rund 64 000 Menschen zur Kreativwirtschaft – von Presse, Werbung, Film, Software bis Kunst. Nicht unbedingt homogene Bereiche. Wie wollen Sie diese denn vernetzen?

Man kann Dinge nicht zusammen zwingen, die nicht zusammen passen. Aber man kann natürlich versuchen, Berührungsängste abzubauen. Das ist eine kommunikative und integrative Aufgabe. Aber die authentische Kunst muss natürlich unangetastet bleiben. Das ist ganz wichtig, es geht nicht darum die Produkte dem Markt anzupassen. Wir sagen keinem Maler, weil gerade die Farbe Gelb angesagt ist, male bitte nur gelbe Bilder. Die sollen, um Gottes Willen, das machen, was sie machen wollen. Die Förderung der Kreativwirtschaft steht neben der klassischen Kulturförderung und ersetzt sie nicht. Da sind oft Ängste im Spiel, die keinen realen Anlass haben.

Der US-Ökonom Richard Florida hat viel über Kreativität in Städten geschrieben und glaubt, dass Städte nur wachsen und attraktiv bleiben, wenn es genug Mitglieder der "kreativen Klasse" gibt. Welche Faktoren muss eine Stadt wie Hamburg erfüllen, damit die Kreativen nicht auswandern?

Kreative müssen sich in den Städten willkommen fühlen. Und man muss die Kreativen in ihrer Arbeit ernst nehmen – und in der Haltung zu ihrer Arbeit. Man darf das nicht vereinheitlichen. Ich habe mein ganzes berufliches Leben in der Kreativwirtschaft verbracht – ich weiß sehr genau, wie dort gedacht, gefühlt und gelebt wird.

Was sagen Sie denn zu den jüngsten Hamburger Entwicklungen im Gängeviertel und Frappant?

Meine Kenntnisse sind da zu gering, deshalb halte ich mich da zurück. Ich muss erst mit den Akteuren reden, um ein Gefühl für die Situation zu bekommen. Die Frage dahinter ist ja: Warum ziehen Künstler nach Berlin? Dahinter steckt auch eine gefühlte Konkurrenzsituation zwischen den Städten, bei der das Marketing wieder eine Rolle spielt. Aber welche Vorteile hat ein Künstler, wenn er nach Berlin geht? Kann er sich dann damit schmücken, ein Künstler aus Berlin zu sein? Oder hat er bessere Arbeitsbedingungen, Vermarktungschancen, bessere Galerien?

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