Bedürfnisanstalt Hamburg

Off-Spaces

Off-Spaces: Die Bedürfnisanstalt Hamburg
Vom WC zum Off-Space: "Das kleine Örtchen, wo Ideen zu Hause sind"

OFF-SPACES: DIE BEDÜRFNISANSTALT HAMBURG

Trainingslager der Subkultur: Jede Woche präsentiert art die angesagtesten alternativen Kunstorte Deutschlands. Diesmal: Die Bedürfnisanstalt in Hamburg.
// ALAIN BIEBER

Welches war Ihre bestbesuchte Ausstellung? Und warum?

Die Eröffnungsveranstaltung im Mai 2007. Um das ehemalige, von Gustav Oelsner 1928 erbaute Klohäuschen zu mieten, haben wir mit unserem Konzept der Bedürfnisanstalt an einer Ausschreibung der Kulturbehörde und der Lawaetz-Stiftung teilgenommen. Alle Kollegen und Freunde haben in den Wochen bis zur Entscheidung mitgefiebert.

Als wir dann die Zusage erhielten, waren sie sehr gespannt auf die Bedürfnisanstalt und wollten unbedingt mit uns die Eröffnung feiern. Auch die Nachbarn in den umliegenden Wohnhäusern waren gespannt, was denn in dem kleinen Häuschen passiert, das so lange leer gestanden hatte. Wir waren sehr überrascht über die viele Besucher, die wir am ersten Tag hatten.

Und der größte Misserfolg?

Alle Ausstellungen waren bisher sehr speziell, besonders und außergewöhnlich. Vor einem richtigen Misserfolg sind wir bisher noch bewahrt geblieben. Oh, vielleicht doch: Eine Künstlerin hat ihre Ausstellung eine Woche vor der Eröffnung abgesagt. Das war wirklich ärgerlich. Wir nutzten dann die frei gewordene Zeit für Renovierungsarbeiten.

Welche Ausstellung würden Sie gerne einmal realisieren, wenn Geld keine Rolle spielt?

Seit 2007 haben wir die Idee, das Örtchen in eine Installation im öffentlichen Raum zu integrieren. Nicht nur Kunst im Örtchen, sondern auch Kunst auf und rund um das Örtchen. Leider scheiterte die Umsetzung bisher immer an den hohen Materialkosten und der Zeit, die wir dazu benötigen würden.

Ihre Philosophie bzw. Ihr Konzept in einem Satz?

Das kleine Örtchen, wo Ideen zu Hause sind.

Was ist Ihre Motivation einen solchen Off-Space zu betreiben?

Spaß. Und die Freiheit zu besitzen, Ideen und Kunst nicht nach kommerziellen Gesichtspunkten zu präsentieren, sondern einzig aus der Idee heraus. Unabhängig davon, ob es sich verkauft oder nicht.

Nach welchen Kriterien wählen Sie die Künstler aus?

Der Künstler und seine Kunst müssen zur Bedürfnisanstalt passen. Dabei kommt es uns nicht darauf an, welches Medium benutzt wird; Musik, Bilder, Worte. Die Idee muss einfach gut sein. Wir bemühen uns, abwechslungsreiche Ausstellungen zu zeigen. Aber es finden nicht nur Ausstellungen bei uns statt. Wir verstehen uns vielmehr als Plattform für kreative Menschen. In der Bedürfnisanstalt soll man sich ausprobieren können. Dabei spielt der kommerzielle Gedanke keine Rolle, da die Bedürfnisanstalt lediglich kostendeckend arbeiten sollte.

Bitte eine abenteuerliche oder skurrile Anekdote aus Ihrem Off-Space:

Bei gutem Wetter lässt sich unsere Glasfront öffnen, so dass die Ausstellungsfläche fast ein Teil des öffentlichen Raumes wird. Während einer Fotoausstellung von Nina Kolle lief ein zirka 40-jähriger Vater mit seinem zirka sechsjährigen Sohn an unseren geöffneten Türen vorbei. Der Sohn verlangsamte seinen Schritt, schaute höchst interessiert in den Raum mit den Fotografien und fragt: "Papa was ist das?" Dieser antwortete genervt: "Das ist nur Kunst, komm weiter!" und zog seinen Sohn am Arm an unserem Örtchen vorbei. Wir saßen in der Bedürfnisanstalt und beobachteten diese Szene mit großem Staunen.

Wo und wann hört die Freiheit alternativer Kunstorte auf?

Wenn die Kosten zu hoch werden oder Restriktionen die Ideen beschneiden.

Wenn Sie kein Off-Space wären, was für ein Raum wären Sie dann?

Schwer zu sagen. Aber eine Alternative zur Bedürfnisanstalt können wir uns nicht vorstellen.

Was wäre Ihr größter Wunsch für die Zukunft?

Das wir weiterhin so tolle Ausstellungen in der Bedürfnisanstalt zu Gast haben und problemlos die monatlichen Mietkosten zusammen bekommen. Ein weiteres Projekt wäre, endlich eine eigene Website zu erstellen.

Fakten, Fakten, Fakten: Gründungsjahr: 2007. Leitung: Arne Schandrach, Mella Frank und Heidi Berck. Wie viele Helfer/Mitarbeiter: Keine. Unbezahlter Arbeitsaufwand pro Woche: zirka 10 Stunden. Ausstellungsfläche: 34 Quadratmeter. Altersdurchschnitt der Besucher: drei bis 70 Jahre, Altersdurchschnitt 37 Jahre. Jahresbudget: 2200 Euro

Die Bedürfnisanstalt

Adresse: Bleickenallee 26a, 22765 Hamburg. Aktuelle Ausstellung: "12schuss" – ein Fotoprojekt von Marco Heckler. Öffnungszeiten: Freitag 19–21 Uhr, Samstag 16–19 Uhr, Sonntag 14–17 Uhr, Beleuchtungszeiten täglich bis 24 Uhr

http://www.myspace.com

diebeduerfnisanstalt@web.de

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