04 / 11 / 2009
Off-Spaces
Neue Serie
TRAININGSLAGER DER SUBKULTUR
Finster erhebt sich ein Parkhaus. Kein Mensch ist zu sehen; zu hören sind nur die eigenen Schritte und das Wasser, das aus undichten Stellen in der Decke kontinuierlich auf den Boden tropft. Nebel zieht von außen herein und macht das Ganze nicht unbedingt behaglicher: Hier soll also eine Vernissage stattfinden. Wer dort hin will, muss erst die unbeleuchtete Auffahrt voller Schlaglöcher und zwei weitläufige Parkdecks durchqueren.
Die Zeiten, in denen hier Kunden von Karstadt, Neckermann und einem Musikgeschäft geparkt haben, sind vorbei, die Läden sind alle ausgezogen. Wurzeln und Gräser haben sich durch den Beton gekämpft. Entlang einer weißen Linie am Boden gelangt man in einen hoch gelegenen Teil des Gebäudekomplexes, ein ehemaliges Arbeitsamt. Wo einst Arbeitslose zwischen Gummibäumen und Raufasertapeten Formulare ausfüllten, sitzt nun ein unkommerzieller Kunstraum namens "Frappant": ein so genannter "Off-Space". Das Büromobiliar ist noch da, wird nun aber kreativ in die Kunst integriert: Im obersten Stockwerk angelangt, ist es plötzlich hell und voller Menschen, die bei dezenter elektronischer Musik die Skulpturen, Installationen und Bilder in zahlreichen Ausstellungsräume ansehen.
Ob in Privatwohnungen, Industriebrachen, Kneipen, Kirchen, direkt auf Hauswänden oder eben in einem leer stehenden Siebziger-Jahre-Vielzweck-Betonbunker – "Off-Spaces" können überall sein. Es sind Orte, wo Kunst "off", also außerhalb etablierter Galerien und Museen gezeigt wird. Das Museum wurde in der progressiven Kunstszene immer wieder als starrer, unkreativer Ort empfunden; ihr Bedürfnis, ohne Anbiederung an den Geschmack der Galerien und Sammler ausstellen zu können, war immer da. Der Ursprung der Off-Spaces liegt im 17. Jahrhundert: "Michelangelo Merisi da Caravaggio war ja berühmt dafür, dass seine Bilder oft abgelehnt wurden", erzählt Anne-Marie Bonnet, Off-Space-Expertin, Vorsitzende des Bonner Kunstvereins und Professorin für Neuere Kunstgeschichte an der Universität Bonn. "Ohne einen Abnehmer dafür wurden einfach Ausstellungen im eigenen Atelier oder in Klosterhöfen organisiert." Im 19. Jahrhundert gab es eine große Bewegung von Künstlern, die eigene Ausstellungsräume eröffneten, die so genannte künstlerische Sezession. Der "Salon des Refusés" (Salon der Zurückgewiesenen) wurde als Gegenpol zum etablierten "Pariser Salon" ins Leben gerufen. Kaiser Napoleon III. initiierte dort 1863 die bekannteste Ausstellung mit Skulpturen und Bildern, die man in der offiziellen Kunstausstellung "Pariser Salon" nicht zeigen wollte – darunter auch Édouard Manets "Frühstück im Grünen". Auch der "Pavillon du Réalisme" von Gustave Courbet war Ort solch einer Gegenausstellung: Ab 1855 präsentierte der damals schon bekannte Maler in dieser Baracke Gemälde, die dem Geschmack des königlichen Hofes nicht entsprachen. Im Laufe der Zeit gab es eine regelrechte Schwemme solcher Salons und Pavillons. Künstler konnten so plötzlich ihre Bilder verkaufen, ohne sie im Auftrag gemalt zu haben; eine wichtige Wandlung in der Kunstgeschichte.
"Immer nur die üblichen Immendorfs, Polkes oder Lüperz'"
Heute heißen diese Räume Off-Spaces, und ihr Zweck ist nach wie vor, Machtstrukturen in der Kunstwelt umzukrempeln. Im Gegensatz zum 19. Jahrhundert dominiert aber eine unkommerzielle Ausrichtung. "Es geht primär darum, Kunst zu zeigen, und nicht zu verkaufen", sagt Bonnet. So bekommen Künstler leichter die Chance, bekannt zu werden, was der Kunst einerseits das Elitäre nimmt, andererseits für Vielfalt sorgt. "In den Museen sind immer nur die üblichen Immendorfs, Polkes oder Lüperz', die man sowieso kennt", sagt die Kunstprofessorin. "Das ist so langweilig." Auch Christian Nagel, der heute eine renommierte Galerie in Berlin und eine weitere in Köln besitzt, gründete eine Gegenveranstaltung zu einer etablierten Kunstausstellung und störte so die Macht der Großen: 1992 rief er die "Unfair" ins Leben. Nagel fand es nicht gerecht, dass die Kunstmesse Art Cologne "fast alle jungen Galerien nicht zulassen wollte" und schaffte seine Version des Salon des Refusés. Auch heute steht der Galerist noch in Kontakt mit alternativen Kunsträumen, besuchte "den kürzlich geschlossenen 'Orchard' in New York, 'Art after the Butcher' in Berlin, k.j.u.b.h. in Köln und viele mehr". Den Unterschied zu Galerien beschreibt Nagel so: Dort "muss letztendlich verkauft werden, dies geht oft mit der Etablierung der Künstler einher, während ein Off-Space eher dem Experiment verschrieben ist".
Gianna Schade ist im Vorstand des Frappant e.V. und weiß, was die ungezügelte Experimentierfreiheit der Künstler bedeuten kann. In dem ehemaligen Arbeitsamt findet eine Schau pro Woche statt: Mal stellt einer der 120 Maler, Bildhauer, Fotografen oder, wie am heutigen Abend, Illustratoren aus, die dem Verein angehören und dort ihr Atelier haben, mal zeigen externe Künstler ihre Arbeiten. "Ich bin morgens mal hier hoch gekommen und mich hat fast der Schlag getroffen", sagt die Fotografin. "Einer der Künstler hat über Nacht einfach eine Wand entfernt, weil er meinte, er brauche mehr Platz. Im Flur hat er die Decke abgetragen und die Kabel hingen heraus." Ein anderer habe kurzerhand einen gesamten Raum mitsamt dem Fußboden schwarz gestrichen. "Aber wir sind halt frei, das gehört dazu", sagt Schade. Sich nicht wie in Galerien Vorgaben unterzuordnen heißt eben auch, mit solchen Aktionen rechnen zu müssen.
04 / 11 / 2009
4 Leserkommentare vorhanden
max sensei
17:42
04 / 11 / 09 //
sehr hevorragend...
...diese bewegungen - als gegensatz zur erstarrung - einmal ausführlich darzustellen. max
lights on lights off
21:48
04 / 11 / 09 //
Zweifel
"Bis dahin stören Frappant und SKAM, wie Hunderte andere Off-Spaces, das Machtverhältnis der Kunstszene: " -nicht wirklich, oder? Die Deutungsmacht der Professoren, Kuratoren, Kritiker, Magazine und Institutionen? Die finanzielle Macht der Galeristen, Prestige-Stipendien und Sammler-Investoren? Die immer erst die Hierarchie teure Künstler, billige Künstler, und Off-Künstler produziert? Aus Romantik und Spaß an der Freude wird man sicher nicht zum Offkünstler, vielleicht zum Off-Space-Macher. Und Galeristen sagen ihren ex-off-Künstlern gerne mal: Stell blos nicht mehr in off-spaces aus. Aber schön, dass nach Gängeviertel und Notinourname nun die tw. jahrelang existierenden Räume und die Subkultur auch ihre 15 minutes of fame bekommen, bevor dann die Karawane wieder weiterzieht, zu all den wichtigen und richtigen Art-Fairs und Mussmangesehenhabens in Basel, Miami, N.Y. und Dhubai, die wirklich "zählen" ($$$).
lights on lights off
22:02
04 / 11 / 09 //
Zweifel zwei
Und auf der anderen Seite heisst "off" ja oft genug auch nur "bin unwillig, mich mit Theorie, Kunstgeschichte, anderer Kunst oder mit Kunstdiskussionen auseinanderzusetzen, will einfach nur als einmaliges Künstlergenie meinen Gefühlen aus dem Bauch heraus freien Lauf lassen", und kommt dann entsprechend konservativ daher.
Carla Orthen
12:32
12 / 11 / 09 //
"Es gibt kein offizielles 'Verzeichnis der Off-Spaces'..."
Ich arbeite daran: www.produzentenraum.de
