Absolut Art Award

Stockholm

Kunst, Werbung und Wodka
Absolut Ofili: Das Motiv von Chris Ofili (Foto: The Absolut Company)

KUNST, WERBUNG UND WODKA

In Stockholm wurde der Absolut Art Award präsentiert. Die globale Kunstelite feierte dabei vor allem sich selbst – und künstlerische Werbekampagnen
// CLEMENS BOMSDORF, STOCKHOLM

"So, you are from New York then?" – "Yes, I've just arrived in Stockholm. But I've been living in Berlin as well and from time to time I'm still curating a show there." Es sind die typischen Small-Talk-Begrüßungsgespräche, die abgehalten werden, wenn Teile der so genannten "Global Art World" mal wieder irgendwo auf dieser Welt aufeinander treffen. Diesmal also in Schwedens Hauptstadt Stockholm.

Seit Niki de Saint Phalle dort vor mehr als vier Jahrzehnten ihre Riesen-Nanna Hon mit begehbarer Vagina aufgestellt hat, ist die Stadt künstlerisch zwar nicht in der Versenkung verschwunden, aber international eher selten im Zentrum des Interesses gewesen. Zumindest an den letzten drei Oktobertagen hat sich das geändert, und mit Daniel Birnbaum, Sylvie Fleury, Douglas Gordon sowie etlichen anderen war die internationale Kunstszene prominent in Stockholm vertreten. Wenn alles gut geht, soll das dort Verkündete der schwedischen Hauptstadt auch längerfristig mehr Aufmerksamkeit bescheren. Der Wodka-Hersteller Absolut nämlich hat mit dem "Absolut Art Award" einen neuen Kunstpreis ins Leben gerufen, der fortan jährlich vergeben werden soll, und lud zur ersten Preisvergabe nach Stockholm ein.

Vorsitzender der Jury ist kein Geringerer als der Schwede, Städel-Chef und diesjährige Venedig-Biennale-Direktor Daniel Birnbaum. Er und seine drei Mitjuroren haben die junge, aus Israel stammende und in Berlin lebende, Künstlerin Keren Cytter als erste Preisträgerin auserkoren. Zur Verkündung war Birnbaum allerdings nicht anwesend. Dabei kam auch wieder die Frage auf, wie viel Absolut dem Star wohl hat zahlen müssen, um ihn in diese Jury zu locken. Vielleicht war es aber auch einfach Birnbaums Interesse, seine Heimat Schweden voranzubringen, das ihn zur Teilnahme bewegte.

Absolut und die Kunst: eine symbiotische Beziehung

Doch im Mittelpunkt der Veranstaltung stand etwas anderes: die weltberühmte Werbekampagne für den Wodka Absolut und die dafür von Andy Warhol, Dan Wolgers, Louise Bourgeois, Sylvie Fleury, Rosemarie Trockel, Douglas Gordon, David Shrigley und anderen produzierten Kunstwerke. Zumindest einige der Werke kennt fast jeder: die Flasche in Keith Haring-Manier etwa oder Dan Wolgers leere Absolut-Flasche, die auf einem Stativ hängt, dass von Duchamp geklaut sein könnte. Absolut und die Kunst, das ist eine Art symbiotische Beziehung. Die Werbeagentur der schwedischen Wodka-Marke, die mittlerweile jedoch zum französischen Pernod-Ricard-Konzern gehört, ist vor drei Jahrzehnten darauf gekommen, Künstler mit der Flasche arbeiten zu lassen. Die Künstler halfen die Marke Absolut bekannt zu machen, doch ebenso half Absolut dabei, Kunst in die Werbung zu bringen und adelte damit sicherlich einige Künstler. Wer von Absolut eingeladen wurde, konnte sicher sein, nun auch zu den globalen Stars zu gehören.

Eine klassische Win-Win-Situation sozusagen. Oder nicht? Schadet es dem Künstler und seinem Werk, sich von einem Alkoholhersteller kaufen zu lassen? "Commissioned Art – career boost or selling out?" war deshalb auch eine Podiumsdiskussion betitelt, die Fleury, Wolgers, Shrigley, Gordon, die Stockholmer Galeristin Natalia Goldin sowie Cecilia Strandell von Absolut bestritten. Die Künstler waren sich schnell einig, dass für Absolut zu arbeiten nun wirklich kein Ausverkauf bedeute. Nachdem Gordon erst einmal eingestand, dass er viele dumme Sachen gemacht habe, womit er wohl meinte, seine Kunst in den Dienst anderer gestellt zu haben, wurde das zum Credo. Auch Shrigley sagte, er habe viele dumme Sachen gemacht und das Publikum lachte. Künstler, die für Großkonzerne arbeiten, rufen nicht mehr Verachtung hervor, sondern wenn sie es ironisch eingestehen, allenfalls Gelächter. Schade, dass die Diskussion so unseriös geführt wurde, hieß es denn auch später von enttäuschten Zuhörern. Doch es müsse Grenzen geben, schloss Gordon: "Wenn eine Nazi-Partei ein Kunstwerk in Auftrag gibt, das wäre ein Ausverkauf, nicht aber Absolut."

Klar, dass Absolut die Künstler benutzt, um für sich selber Werbung zu machen, doch kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass es dem Spirituosen-Hersteller an der Kunst liegt. So blieb die eigentlich zu bewerbende Flasche von Absolut-Wodka diskret im Hintergrund. Weder wurden den Teilnehmern ständig Wodka-Drinks aufgedrängt, noch war irgendwo in den Räumlichkeiten, in denen die Veranstaltungen stattfanden, die Flasche werbewirksam platziert. Einzig die Kunstwerke aus der Absolut-Kampagne waren zu sehen und dazu neue Motive von Shrigley und Fleury. Also sozusagen: alkoholfreie Kunst.

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