The Power 100
ArtReview
DIE 100 MÄCHTIGSTEN IM KUNSTBETRIEB
Die Erwartungen und Folgen für die Karriere sind vielleicht nicht ganz so dramatisch wie die Verleihung des Nobel-Preises. Aber in der Kunstwelt wird die alljährliche "The Power 100"-Liste mit ähnlich großer Spannung erwartet. Auch das Verfahren, mit dem das Londoner Kunstmagazin "Artreview" die 100 mächtigsten Personen des internationalen Kunstbetriebs ermittelt, ist ähnlich geheimniskrämerisch wie beim Nobelpreis-Komittee in Oslo. Die Jury bleibt anonym, die Kriterien nebulös. Und am Ende gibt es neben den Platzierten immer mindestens genauso viele verdiente Künstler, Kuratoren und Sammler, die es nicht auf die Liste geschafft haben. Im art-Interview erklärt "ArtReview"-Chefredakteur Mark Rappolt, was an seinem Kunstranking so wichtig ist.
Herr Rappolt, der teuerste Künstler, die beste Ausstellung, der mächtigste Kurator... Irgendwie scheint die ganze Kunstwelt besessen von Rankings zu sein. Was ist so wichtig an Ihrer "The Power 100"-Liste?
Mark Rappolt: Es liegt an der Struktur der Kunstwelt. Das ist ein ganz besonderes politisches Netzwerk aus Kuratoren, Galeristen, Sammlern und Künstlern. Nicht jeder wird in Museen gezeigt, und das hat seine Gründe. "Macht" ist vielleicht ein zu starkes Wort, aber in diesem Netzwerk gibt es Kräfte, die darüber entscheiden, was gezeigt wird und was nicht. Der Grund, warum wir diese Liste veröffentlichen, ist, dass wir diesen Prozess für die Öffentlichkeit ein bisschen transparenter machen wollen.
Welches Gremium entscheidet darüber, wer die 100 mächtigsten Art World Players sind?
Es sind zwischen 20 und 30 Personen aus der ganzen Welt. Es werden jedes Jahr mehr. Sie bleiben anonym – aus persönlichen Gründen, weil einige in Kunstinstitutionen arbeiten. Zudem sind natürlich auch Redaktionsmitglieder involviert. Der Auswahlprozess läuft in zwei Schritten. Einerseits schauen sich die Juroren die Liste vom letzten Jahr an und entscheiden, ob diese Rankings noch Bestand haben. Andererseits nominieren sie entsprechend ihrer Expertise die wichtigsten Kunstmacher ihrer jeweiligen Region, also in Asien, Afrika, Amerika oder Deutschland, und dann versucht man aus all den Informationen eine neue Liste zu erstellen, auf die sich alle einigen können.
Nummer Eins ihrer neuesten Liste ist Hans Ulrich Obrist, der Schweizer Ausstellungsmacher, Autor und Kurator an der Londoner Serpentine Gallery. Heißt das wirklich, dass er weltweit der mächtigste Mann im Kunstbetrieb ist?
Wir haben jedesmal extreme Auseinandersetzungen darüber, wer die Nummer Eins sein soll, und es gab auch Überlegungen, gar keinen Spitzenplatz zu vergeben, doch das hätten wir feige gefunden. Hans Ulrich Obrist verkörpert wie kein zweiter diesen neuen Geist des Networking. Er steht für eine beständige, freigeistige, nicht so sehr an Institutionen gebundene Arbeitsweise, ähnlich auch wie Daniel Birnbaum und die Leute von E-flux.
Die Gründer des Online-Newsletters E-flux, Anton Vidokle, Julieta Aranda und Brian Kuan Wood, stehen auf Platz 8, gleich hinter den Supersammlern François Pinault und Eli Broad. Dabei waren sie letztes Jahr noch gar nicht auf der Liste.
Sie stehen für diese neue fließende, ständig wechselnde Form des Engagements in der Kunstwelt. Sie bieten einen Presseservice an, sind involviert in Kunsthochschulen, sie organisieren Ausstellungen und haben ihr eigenes Magazin. Deshalb wollten wir unbedingt, dass sie unter die Top 10 kommen.
Bekommen Sie viele Anrufe von Leuten, die unbedingt auf der Liste sein wollen?
Ja. Es gibt sehr viele Leute, die diese Liste sehr ernst nehmen. Andere amüsieren sich eher darüber.
Auf der Liste finden sich auch viele Galeristen. Hilft es, regelmäßig Anzeigen in Ihrem Magazin zu schalten, um auf die "The Power 100"-Liste zu kommen?
Nein, da gibt es keine Verbindung. Ich würde sagen, von all denen, die bei uns Anzeigen schalten, schaffen es weniger als 10 Prozent auf die Liste.
Diesmal haben es auffallend viele Deutsche auf Ihre Liste geschafft: David Zwirner, Isa Genzken, Diedrich Diederichsen, Udo Kittelmann, Monika Sprüth... Sind die Deutschen gerade besonders einflussreich?
Ja, das fällt erst jetzt richtig auf, wo die Kunstwelt nicht mehr so marktorientiert ist. Deutschland ist nicht der wichtigste Marktplatz für Kunst, aber dort passieren unglaublich spannende Dinge. Und weil man dort nicht so auf den Markt fixiert gedacht hat, ist man jetzt besser ausgestattet für die Zeit danach.
Überraschend ist auch die Platzierung eines bedeutenden deutschen Künstlers: Gerhard Richter landet auf Rang 57, ein Absturz von fast 40 Punkten im Vergleich zum Vorjahr. Was ist mit seiner Karriere los?
Es geht weniger um Richters Absturz als darum, dass andere nach oben gerückt sind. Bei unserem Ranking beurteilen wir, was die Leute in den letzten zwölf Monaten geleistet haben, und da haben andere vielleicht größere Aufmerksamkeit erzeugt. Das bezieht sich also keinesfalls auf die gesamte Karriere. Auch andere berühmte Künstler haben übrigens dramatische Abstürze, etwa Jasper Johns, der letztes Jahr auf Platz 9 stand und diesmal nur auf Platz 74 landete. Doch grundsätzlich ist es immer ganz schwer, den Stellenwert eines einzelnen Künstlers richtig einzuschätzen. Dennoch ist es uns wichtig, auch Künstler auf der Liste zu haben.
Auffällig ist aber, dass der erste Künstler, der überhaupt auf Ihrer Liste auftaucht, auf Platz 10 steht. Es ist Bruce Nauman. Daraus lässt sich schließen, dass Künstler nicht zu den wirklich mächtigen Leuten im Kunstbetrieb gehören.
Ja, besonders in diesen Zeiten. Unsere Liste will deutlich machen, wie und wo Kunst gezeigt wird, und deshalb werden dort Kuratoren und Galeristen leicht bevorzugt, weil sie die Wächter zum Zugang zur Kunst sind. Im übrigen gibt es – mit Ausnahme von Berlin vielleicht – nur noch wenige von Künstlern organisierte Ausstellungsorte, und auch der Künstlertyp, der die Machtstrukturen des Kunstbetriebs bewusst meidet, ist eher selten geworden.
Der letzte Rang auf ihrer Liste wird immer an einen kuriosen Außenseiter vergeben. Letztes Jahr war das der amerikanische Kitschmaler Thomas Kinkade. Diesmal küren Sie Glenn Beck, einen erzkonvervativen amerikanischen Radio- und TV-Moderator. Was hat der mit Kunst zu tun?
Beck hat sich gegen staatliche Künstlerförderung in den USA ausgesprochen. Für ihn besteht die Kunstszene aus links gerichteten Typen, die man nicht noch unterstützen dürfe. Zunächst einmal ist das natürlich eine schräge Weltsicht. Aber mit seiner Platzierung auf der Liste wollen wir auch darauf hinweisen, dass es da draußen eine mächtige politische Lobby gegen die Kunst gibt und dass das gerade in Zeiten wirtschaftlicher Rezession Einfluss auf die Entscheidungen von Institutionen haben kann. Es war uns wichtig, diesen Kontrapunkt zu setzen und damit daran zu erinnern: Nicht jeder mag Kunst, oder zumindest die Richtung, die die zeitgenössische Kunst eingeschlagen hat.
Aber mussten Sie sich dafür extra einen Buhmann aus Amerika holen? In Deutschland zumindest kennt kaum jemand den konservativen Kunsthasser Beck.
Aus England fiel uns niemand ein, der so offen und feindselig gegen die zeitgenössische Kunst wettert. Dort denkt man das eher im Stillen. Es war eine Frage, wie öffentlich man diese Einstellung macht. Da ist Beck ein abschreckendes Beispiel.
Wer war denn für Sie diesmal die größte Überraschung auf der Liste?
Fischli & Weiss! Wir mussten zu unserer Überraschung feststellen, dass das Schweizer Künstlerduo in all den Jahren noch nie auf unserer Liste gewesen war, obwohl sie dort sicher längst hingehört hätten. Aber so etwas passiert manchmal.
Sie verkünden die "The Power 100"-Liste zum Start der Frieze Art Fair, wenn viele der Power Player in London sind. Erwarten Sie viele böse Anrufe?
Ja, in der Regel kriegen wir ziemlich viele Anrufe danach. Aber erstmal tauchen wir unter. Es wird schwer sein, uns zu finden. Das ist der Vorteil von Kunstmessen, dass man sich dort gut verstecken kann – zum Beispiel an der Bar. Die meisten Künstler finden die Liste lustig, die Galeristen eher nicht. Deshalb hängen wir dann lieber mit den Künstlern ab.
The Power 100: Das "ArtReview"-Ranking
1. Hans Ulrich Obrist
2. Glenn D. Lowry
3. Sir Nicholas Serota
4. Daniel Birnbaum
5. Larry Gagosian
6. Francois Pinault
7. Eli Broad
8. Anton Vidokle, Julieta Aranda & Brian Kuan Wood
9. Iwona Blazwick
10. Bruce Nauman
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