Documenta-Konferenz
Turin
POESIE AUS DER PROVINZ
Bis zum Start der nächsten Documenta in Kassel vergehen noch knapp drei Jahre. Doch im Hintergrund läuft sich die Maschinerie langsam warm. Bisher hat sich Carolyn Christov-Bakargiev, die designierte künstlerische Leiterin des deutschen Kunstgroßereignisses, mit öffentlichen Verlautbarungen zurückgehalten.
Am vergangenen Wochenende nun lud sie – gemeinsam mit dem Goethe-Institut, dem Auswärtigen Amt und dem Institut für Auslandsbeziehungen (ifa) – zur "konferenz auf dem weg zur dOCUMENTA (13)" nach Rivoli bei Turin ein. Auf der Rednerliste fanden sich illustre Namen: alle noch lebenden Documenta-Leiter, Manfred Schneckenburger, Rudi Fuchs, Jan Hoet, Catherine David, Okwui Enwezor und Roger Buergel, frühere Mitarbeiter und Zeitzeugen wie Heiner Georgsdorf und Jean-Christophe Ammann, der Kunsthistoriker Walter Graskamp sowie Documenta-Künstler wie Michelangelo Pistoletto und Netko Solakov. Ein Gipfeltreffen der Ehemaligen also, ein Archäologie-Seminar und auch der späte Versuch einer Analyse eines unfreiwilligen Staffellaufs.
Dabei hatte das Piemont nicht nur wegen landschaftlicher und kulinarischer Vorzüge das oberhessische Bergland als Veranstaltungsort ausgestochen. Die neue Documenta-Leiterin war bis jetzt Chefkuratorin und Interimsdirektorin des Castello di Rivoli, eines bedeutenden Museums für zeitgenössische Kunst in Oberitalien. Die Konferenz war somit auch ein Abschiedsgeschenk der scheidenden Chefin an ihre alte Wirkungsstätte. Und vielleicht auch ein Bewerbungsangebot. Denn ihre Stelle ist noch nicht wieder besetzt – noch nicht einmal neu ausgeschrieben, wie man hört.
Das Interessse war groß: über 600 Anmeldungen für 240 Plätze. (Erstaunlicher Weise hat es solch ein Ehemaligentreffen vorher nie gegeben – trotz der enormen Bedeutung, die die Documenta als Gradmesser des zeitgenössischen Kunstdiskurses weltweit genießt.) Im Publikum saßen gewetterte Museumskuratoren und junge Curatorial Studies-Absolventen, Künstler und Galeristen, Kritiker und Sammler aus aller Welt. Hinter den dicken Mauern der Burgruine in den Bergen oberhalb Turins lauschten sie andächtig den Vorträgen. Die Szenerie erinnerte an einen Gottesdienst. Als erster trat Heiner Georgsdorf, Vorsitzender der Arnold-Bode-Stiftung und einstiger Mitarbeiter des legendären Documenta-Gründers, auf die Kanzel. Er berichtete von den märchenhaften Anfängen in Kassel, von der "neuen Kunstdemokratie" und der "sensationellen Plastikfolie", die Bode 1955 bei der ersten Documenta als billige Wandbespannung benutzt hatte ("Welchen Erfolg hätte die Documenta mit Nessel gehabt?"), von Bodes Inszenierungskunst, Gemälden an der Stange und Ernst Wilhelm Nay an der Decke. Dabei konnte man den vielleicht kuriosesten Gründungsaspekt leicht vergessen, nämlich dass die Documenta eigentlich nur als Nebenschauplatz zur großen Bundesgartenschau 1955 geplant war.
"Von einer diskursiven Kunst zurück zur Poesie"
Walter Graskamp wiederlegte denn auch mit ein paar nüchternen Zahlen den gern gehegten Mythos, es habe sich bereits bei der ersten Kasseler Kunstschau um eine repräsentative, weltumspannende Veranstaltung gehandelt. "Die Documenta war eine sehr deutsche Angelegenheit", konstatierte Graskamp. Von 148 Künstlern kamen 58 aus Deutschland, insgesamt waren nur sechs Nationen beteiligt. Eigentlich habe sich alles in dem Dreieck Paris, Rom und Berlin abgespielt. Die amerikanische Avantgarde kam erst bei der vierten Ausgabe zum Zug. Die Documenta sei zunächst in guten Sinne "eher provinziell als nationalistisch" gewesen.
Der "Urknall" vollzog sich erst mit Harald Szeemanns epochaler Documenta 5 (1972). Auch wenn sich Jean-Christophe Ammann, seinerzeit Mitarbeiter Szeemanns, an vieles nur noch "verschwommen, in weiter Ferne" erinnern kann, gilt Szeemanns Ausstellung, in der er etablierte künstlerischen Positionen mit Popkultur, Film und Outsider-Kunst mischte, noch heute als Meilenstein. Damals konnten sich die Kuratoren noch an "individuellen Mythologien" abarbeiten. Statt theorielastiger Konzepte waren abenteuerliche Inszenierungen gefragt. So lamentierte Ammann denn auch, dass ihm die heutigen Ausstellungen zu didaktisch seien: "Wir müssen von einer diskursiven Kunst zur Poesie zurückkommen, ich habe es satt, aufgeklärt zu werden. Ohne Poesie läuft nix", grantelte der Schweizer Ausstellungsmacher. Und gab damit das entscheidende Stichwort. Für den Rest der Konferenz ziterten die Redner immer wieder Gedichte, wenn sie die Tiefe, Sensibilität und Unerklärbarkeit ihrer kuratorischen Bemühungen betonen wollten.

