17. Filmfest Hamburg

Festival

Pulsierende Metropolen
Aus dem Film von Miraz Bezar: "Before My Eyes" (Courtesy Filmfest Hamburg / Bezar Films)

PULSIERENDE METROPOLEN

Am 24. September startet das 17. Filmfest Hamburg und zeigt mit seinem Thema "Pulsierende Metropolen" hektische Stadteinblicke und bewegende Geschichten. Während der Künstler Stefan Szczygiel Stadtlandschaften entschleunigt, dokumentiert Cedric Venail das Lebensprojekt des französisch-israelischen Künstler Absalon.
// ROSA RABE, HAMBURG

Gesichter ziehen hektisch vorüber, fügen sich in den Strom der Metropole. Alles rast, schreit, keiner kennt keinen. Gesichter verschwinden und werden vergessen. So sieht der Alltag auf den Straßen zahlreicher Metropolen dieser Welt aus.

Das 17. Filmfest Hamburg widmet sich mit dem diesjährigen Fokus "Pulsierende Metropolen" urbanen Räumen und präsentiert insgesamt 12 internationale Spiel- und Dokumentarfilme. Kurator Claus Friede hatte Monate zuvor insgesamt 100 bis 150 Filme gesichtet und kam so zu der Auswahl von zwölf gelungenen Werken, die sich sowohl mit positiven als auch negativen Auswirkungen im Stadtraum beschäftigen. Mal sind es Filme mit einer philosophischen und lebensfrohen Seite und dann wieder bitter ernst und brutal, wie zum Beispiel die Dokumentation "Al Ghaba (Demons of Cairo)" des Regisseurs Ahmed Atef über den Überlebenskampf von zwei Millionen Straßenkindern in Kairo.

Der Künstler Stefan Szczygiel schafft in seinen Filmen "Zeitflug Hamburg" und "Zeitflug Warschau" aus der Serie "Urban space" einen ganz eigenen urbanen Rhythmus. Der Künstler zeigt Bilder aus Hamburg und Warschau, und verlangsamt die Drehgeschwindigkeit, erreicht einen zeitlupenähnlichen Effekt und entschleunigt so die Stadtlandschaft. Szczygiel stoppt die Geschwindigkeit, um das urbane Leben klarer und frei von jeglicher Oberflächlichkeit zu betrachten. Der Künstler aus der ehemaligen Düsseldorfer Becher-Klasse filmte 2008 seine ersten Kurzfilme, die er mit seiner digitalen Filmkamera aufnahm. So entstanden die Filme "Zeitflug", aufgenommen in verschiedenen europäischen Metropolen. Im Film herrscht eine Teilung der Leinwand in bis zu vier gleichwertig nebeneinander sich abspielende Geschehnisse. Diese besondere Darstellungsform erklärt sich aus der Wahrnehmung des Künstlers: "Sobald ich meine Kamera in der Hand habe, ist meine Wahrnehmung sofort eine andere. Ich sehe dann in einzelnen Bildern und Sequenzen, weniger in großflächigen Zusammenhängen." Der Künstler erhält so einzelne fotografische Puzzelteile, die er dann künstlerisch neu sortiert. Durch diese Umsortierung ergeben sich für ihn neue Beziehungsgeflechte, die in der täglichen urbanen Auseinandersetzung nicht wahrgenommen werden. Der ehemalige Student von Nam June Paik sieht in seinen Filmen einen klaren Unterschied zum restlichen Filmfestprogramm und erklärt: "Es ist eine gute Art und Weise, die Frage nach den 'pulsierenden Metropolen' dieser Welt auch durch eine oder mehrere künstlerische Blickwinkel ergänzend zu präsentieren."

Erinnerungen und Hoffnungen

Gespannt über die Reaktion des Publikums ist Stefan Szczygiel in jedem Fall, da er seinen Film nicht wie üblich auf der großen Leinwand eines Kinos präsentiert, sondern im Foyer des Metropolis-Kinos. Das Publikum spielt beim Filmfest Hamburg eine ganz besondere Rolle, das weiß auch der Kurator Claus Friede: "Das Filmfest Hamburg ist ein Publikumsfestival und somit weniger für die Branche gedacht. Hier steht der direkte Kontakt zum Publikum im Mittelpunkt."

Einen anderen Blick auf die Metropolen dieser Welt bekommt das Publikum mit einer Dokumentation namens "A virus in the city" von Cedric Venail. Der Regisseur dokumentiert die Arbeit des französisch-israelischen Künstlers Absalon, welches sich drastisch von den gewöhnlichen Sehnsüchten nach einem besserem Leben unterschied. Der Künstler konzipierte zu Beginn der neunziger Jahre sechs kleine, unterschiedliche Zellen, die wie sechs individuelle Häuser in den Städten Paris, Zürich, New York, Tel-Aviv, Frankfurt und Tokio stehen sollten. Absalon blieb mit seinem frühen Tod im Alter von 28 Jahren nie die Möglichkeit, in seinen Zellen zu leben. Dennoch findet man sie heute in zahlreichen internationalen Museen. "A Virus in the City" begegnet allen sechs Orten und dem Konzept des Künstlers und geht der Frage nach, was seither zwischen Erinnerungen und Hoffnungen geblieben ist.

Subkulturelles Leben und Sterben

Ein wichtiger Einfluss ist dieses Jahr "das junge Kino aus der Türkei". Das Schwerpunktthema bezieht sich auf internationale Metropolen und deren subkulturelles Leben und Sterben, da liefern die Filme aus der Türkei einen interessanten Beitrag. Seit den neunziger Jahren begeistern türkische Filmemacher mit ihrer Vielfalt und ihrem künstlerischen Ausdruck die Filmlandschaft. Nun hat sich eine junge Filmszene etabliert, die auf dem Filmfest Hamburg höchst unterschiedliche Produktionen von jungen Regisseuren aus der Türkei zeigt. Zu sehen ist unter anderen der Film "Before My Eyes" von dem in Berlin lebenden kurdischen Regisseur Miraz Bezar, der das Schicksal eines kurdischen Geschwisterpaars dokumentiert, dessen Eltern brutal ermordet wurden. Die Regisseurin Yesim Ustaoglu widmet sich mit dem Film "Pandora’s Box", der dieses Jahr bereits beim Festival in San Sebastián einen Preis erhielt, dem Alter und Familie.

Insgesamt sind bislang 142 Filme aus 42 Ländern in zahlreichen Programmsektionen zum Filmfest Hamburg bestätigt worden. Weiter mit dabei ist die diesjährige Locarno-Gewinnerin Xiaolu Guo mit gleich zwei Filmen, einer ungeschönten Dokumentation über das heutige Leben in China und dem Film "She, a Chinese", der in der Sektion Nordlichter zu sehen ist. Zu den Teilnehmern zählen auch bekannte Namen wie die US-amerikanische Regie-Ikone Woody Allen und der Hamburger Regisseur Fatih Akin, der mit seinem Eröffnungsfilm "Soul Kitchen" den diesjährigen Startschuss zum Festival gibt. So unterschiedlich Metropolen auch sein können, so unterschiedlich zeigt sich das 17. Filmfest Hamburg und bietet den Besuchern ab dem 24. September spannende, persönliche und emotionale Filme.

"Filmfest Hamburg"

Termin: vom 24. September bis zum 3. Oktober, Hamburg

http://www.filmfest-hamburg.de

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