Kommentar

Angriff auf die Documenta

Als das Millionen-Defizit der Documenta bekannt wurde, waren mit Adam Szymczyk und Annette Kulenkampff die Hauptschuldigen schnell ausgemacht. Vielleicht zu schnell? Nach dem Ausscheiden der Geschäftsführerin gilt es, die politische Demontage einer öffentlichen Kulturinstitution zu verhindern.
Angriff auf die Documenta

Adam Szymczyk, künstlerischer Leiter der Documenta 14, und Geschäftsführerin Annette Kulenkampff

Knapp einen Monat vor Eröffnung der Documenta 14 in Athen sprach deren Geschäftsführerin Annette Kulenkampff im Interview mit der "Huffington Post" eine Sorge aus, die man jetzt möglicherweise als prophetisch bezeichnen muss. "Wenn man der künstlerischen Leitung vorschreibt, was sie zu tun und zu lassen hat, dann ist die Idee der Documenta tot", sagte sie. "Sollten unsere Finanzmittel stark eingeschränkt oder gar an Vorgaben gebunden werden, ist die künstlerische Freiheit in Gefahr. Die künstlerische Freiheit ist aber das Herz der Documenta."

Die Angriffe auf die Documenta, die sie selbsterfüllend vorhersagte, kamen dann aber aus einem ganz anderen Lager, als gedacht: nicht aus der AfD, wie von Kulenkampff befürchtet, beziehungsweise nicht in erster Linie – ein AfD-Politiker reichte immerhin im Spätsommer Klage ein (man wird sehen, was daraus wird). Nein, der viel existenzgefährdendere Angriff auf die Documenta kam aus dem eigenen Aufsichtsrat.

Angriff auf die Documenta

Das Büro vom Oberbürgermeister: Christian Geselle gibt Einblick in seinen Kunstgeschmack.

Es ist hilfreich zu wissen, dass der Aufsichtsratsvorsitz der Documenta gGmbH im Sommer 2017 wechselte, wenige Wochen bevor das von der Documenta-Leitung eingefahrene Millionendefizit bekannt gemacht wurde. Bekannt gemacht heißt in diesem Fall: Informationen aus dem Aufsichtsrat wurden der Lokalpresse zugespielt. Kurz nachdem Christian Geselle das Bürgermeisteramt und damit qua Amt auch den Aufsichtsratsvorsitz der Documenta gGmbH von Bertram Hilgen übernommen hatte, kam die "Hessische Niedersächsische Allgemeine" (HNA) nicht nur mit ihrem Defizit-Scoop. Auch die Schuldzuweisungen kamen wie aus der Pistole geschossen. Sie passten fast zu gut zur Kritik und dem"Documenta-bleibt-hier-Gepolter" (FAZ), mit dem die d14 von Anfang an auf lokaler Ebene attackiert worden war: Athen als zweiter Standort war als Schuldiger ausgemacht; Annette Kulenkampff, von der sogleich als "sicher" galt, dass sie "ihren Job als Documenta-Geschäftsführerin verlieren wird"; Adam Szymczyk als immer als etwas bockig wahrgenommener künstlerischer Leiter und schließlich Geselles Vorgänger, Ex-OB Bertram Hilgen, der als Ex-Aufsichtsratsvorsitzender sämtliche Entscheidungen mit gestützt und "den Ritt ins zügellose Finanz-Abenteuer naiv und willenlos zugelassen" (HNA) hatte.

Hilgens Nachfolger, von der Lokalzeitung als "Glücksfall" und Retter in der Not inszeniert, ließ im Verbund mit dem hessischen Minister für Wissenschaft und Kunst Boris Rhein, acht Millionen Euro aus Stadt- und Landeskasse springen. Nicht ohne allerdings, offensichtlich mit allen populistischen Wassern gewaschen, kurzzeitig noch die Nach-Finanzierung der Documenta gegen die Finanzierung von Kasseler Kitas auszuspielen.

Politische Übernahme der Documenta

Und nicht nur die Buhmänner waren schnell beim Namen genannt, sondern, und hier wird es interessant, auch die Ideen für eine Umstrukturierung der Documenta. Postwendend kündigte nämlich Geselle eine "veränderte Basis" der Documenta an und schlug vor, der Documenta gGmbH doch einfach einmal das kleine g zu streichen. Also die gemeinnützigen Gesellschaft in eine nicht gemeinnützige Gesellschaft umzuwandeln. Denn, so der neue Bürgermeister und Aufsichtsratsvorsitzende, eine nicht-gemeinnützige GmbH sei viel besser in der Lage, Erträge zu erwirtschaften und "zeitgemäßes Merchandising" als Einnahmequelle zu etablieren. Man hat plötzlich eine Vorstellung davon, was gemeint gewesen sein könnte, als Adam Szymczyk und sein Team in einer Stellungnahme von einer "politischen Übernahme" der Documenta sprachen, die sich darin ausdrücke, dass "eine öffentliche Kulturinstitution eine primär ökonomisch ausgerichtete Institution wird und so den Ansprüchen von Profit und Erfolg unterliegt".

Documenta-Geschäftsführerin legt Amt nieder
Die Documenta erwartet ein Millionendefizit. Der Aufsichtsrat hatte deswegen Konsequenzen angekündigt. Nun gibt es eine erste Personalentscheidung.

Annette Kulenkampffs Vorgänger, Bernd Leifeld, 18 Jahre lang erfolgreicher Geschäftsführer der Documenta, habe "zum Tier werden" können, wenn er Begehrlichkeiten abwehrte, an der Documenta mitzuverdienen, erzählte Hortensia Völckers (Kulturstiftung des Bundes) bei Leifelds Verabschiedungsgala 2014. Man konnte in den vergangenen Wochen den Eindruck gewinnen, dass das lautstark skandalisierte d14-Defizit dem neuen Aufsichtsratvorsitz fast ein bisschen zu gelegen kam, um die geplanten Veränderungen an der Basis umzusetzen und eine Geschäftsführung nach eigenen Interessen zu installieren. Denn Kulenkampffs Vertrag, der 2019 ausgelaufen wäre, wird nun zum 1. Juni 2018 vorzeitig beendet, obgleich ein von Geselle beauftragter und seit seinem Abschluss unter Verschluss gehaltener Wirtschaftsprüfungsbericht höchstwahrscheinlich keinen Anhalt für ein Fehlverhalten gibt. Immerhin soll die Geschäftsführerin in beiderseitigem Einvernehmen ausscheiden. Denn wer wollte schon einen Job machen, gegen den mit geballter lokalpolitischer Macht intrigiert wird? Jemand, der zum Tier wird, sollte es sein, wenn er/sie die künstlerische Freiheit der Documenta in Gefahr sieht.

Documenta 14
So gigantisch, dass sie nur alle fünf Jahre stattfinden kann: Die Documenta in Kassel ist eine der weltweit bedeutendsten Ausstellungsreihen zeitgenössischer Kunst. Hier finden Sie Bilder, Berichte und Highlights aus Kassel und Athen