Neue Aktion des Zentrums für politische Schönheit

Schandart

Das Zentrum für politische Schönheit hat es wieder getan. Mit dem "Denkmal der Schande" vor dem Wohnhaus des AfD-Politikers Björn Höcke thematisiert es jetzt den Rechtspopulismus auf seine Weise. Nämlich mit einem "Akt der politischen Schönheit", der zynisch, provokant, zugleich ästhetisch für Aufklärung sorgen soll.
Schandart

Stelenfeld im thüringischen Bornagen, relaisiert vom Zentrum für politische Schönheit

24 massive Betonstelen stehen ab jetzt direkt vor dem Haus des Thüringer AfD-Chefs Björn Höcke und leisten dort künstlerisch aktivistische Erinnerungsarbeit. Einerseits nämlich spielt diese Reinszenierung des Berliner Holocaust-Mahnmals von Architekt Peter Eisenman an die sechs Millionen während der Nazi-Zeit ermordeten Juden an, andererseits gemahnt die aktivistische Appropriation Art daran, dass Höcke diese Zeit wohl am liebsten aus dem kollektiven Gedächtnis der Bevölkerung auslöschen möchte. 

In diesem Sinne nämlich hatte der AfD-Politiker in einer Rede im Januar 2017 das Holocaust-Mahnmal bekanntlich als "Denkmal der Schande" bezeichnet, dass "die deutsche Geschichte mies und lächerlich macht". Stattdessen sei an Deutschlands ruhmreiche Geschichte zu erinnern, an seine "großen Wohltäter, weltbewegenden Philosophen, ... Musiker ...".

Das Zentrum für politische Schönheit spielt bei dieser Geschichtsvergessenheit, die den Boden für weitere rechtspopulistische Wahlerfolge bereiten soll, nicht mit, sondern mahnt mit seinem Projekt "Denkmal der Schande" entschieden daran, was in der aktuellen Diskussion rund um die AfD und bei der Frage danach, "wie man mit Rechten reden" sollte, gerne verharmlosend vergessen wird: Es gibt Positionen der AfD, die im Kern rassistisch sind. Viele Anhänger sind dazu alles andere als nur enttäuschte Protestwähler.

Identität der Vielfalt
Der "Berliner Herbstsalon" hat sich längst zum wichtigsten Festival für politische Kunst in Deutschland gemausert. Das Maxim Gorki Theater zeigt unter dem Motto "Desintegriert euch" Arbeiten von rund 100 Künstlern, die sich gegen dumpfen Rechtspopulismus und religiösen Fundamentalismus engagieren

Das Projekt "Denkmal der Schande", das heute im Rahmen des derzeitigen "Herbstsalons" des Berliner Gorki-Theaters eröffnet wurde, sieht daher nicht nur die Reinszenierung des Berliner Holocaust-Mahnmals im thüringischen Bornhagen vor, sondern auch eine "Langzeitbeobachtung" in Form einer "zivilgesellschaftlichen Überwachung" (ZPS) des Wohnhauses Höckes. Dazu haben die Berliner Kunstaktivisten bereits seit zehn Monaten ein Haus in der unmittelbaren Nachbarschaft des AfD-Politikers angemietet. Die Frage, ob diese Observation unter dem Motto "Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser" einen Eingriff in die Privatsphäre des Politikers, der in den Jahren 2011 und 2012 unter dem Pseudonym Landolf Ladig nationalsozialistischen Unfug in diversen NPD-Zeitschriften publizierte, sei, diese Frage wird natürlich gestellt werden und dies durchaus zu Recht. Werden die Gleichen aber auch danach fragen, ob diese Observation nicht längst vom Verfassungsschutz hätte geleistet werden müssen?

Dem "aggressiven Humanismus" des Zentrums für politische Schönheit jedenfalls gelingt mit dieser Langzeitbeobachtung medienwirksam, den Fokus erneut auf Höckes verstörendes Geschichtsbild zu richten. Und sie bietet ihm, den der aktuelle Fraktionsvorsitzende der AfD im Bundestag, Alexander Gauland, einmal als "Seele der AfD" bezeichnet hat, einen Deal an: Wäre er bereit vor den Betonstelen des Holocaust-Mahnmals, entweder in Berlin oder in Bornhagen, "auf die Knie zu fallen wie einst Willy Brandt" in Warschau 1970, dann würde die "zivilgesellschaftliche Überwachung vorläufig eingestellt" (ZPS) werden. Ansonsten aber würden "Dossiers" über die im Rahmen der Langzeitüberwachung gewonnen Erkenntnisse veröffentlicht werden. Man darf also gespannt sein.

Zentrum für politische Schönheit
Eine neue Generation von Kunstaktivisten erobert den öffentlichen Raum – unsere Reihe stellt sie vor. Heute spricht Philipp Ruch vom Berliner Zentrum für politische Schönheit über deutschen Kleingeist und dystopische Zeitreisen