Erweiterungsbau für Saarlandmuseum

Ende gut. Architektur gut.

Am vergangenen Wochenende ist der Erweiterungsbau der Modernen Galerie des Saarlandmuseums eröffnet worden. Nach zehn Jahren Streit und Skandalen. Zwischendurch stand der Rohbau sogar leer. Fertig gebaut wurde er nach Plänen der Kölner Architekten Kuehn Malvezzi zusammen mit dem Künstler Michael Riedel. Entstanden ist eine Hommage an den Baumeister des denkmalgeschützten Bestandsbaus: Hanns Schönecker (1928 bis 2005), ein Architekt aus dem saarländischen St. Ingbert.
Ende gut. Architektur gut.

Außenansicht der Moderne Galerie in Saarbrücken, links der Erweiterungsbau

Der Bau kündigt sich schon von weitem selbst an. Aus allen Perspektiven. Selbst von oben. Aus der Luft. Ein Wort beherrscht die Ansicht: "Museum". Schwarz auf Zementgrau steht es unzählige Male wie ein "Hallo! Hier!" auf Terrazzoplatten. Sie überziehen den Vorplatz, und wo sie auf den erdfarbenen, dick verputzten Kubus des Erweiterungsbaus des Saarlandmuseums trifft, falten sie sich hoch und werden Teil der Fassade.

Wer näher tritt, bemerkt, nicht nur das Hauptwort "Museum" steht immer wieder auf den Platten, alles ist überzogen von Textfetzen, einem Buchstabenornament aus Satzfragmenten, halben Zeilen, Zahlen, Namen, die sich ineinander schieben, Kopf stehen, sich verlieren. Diese Kunst am Bau hat sich der 1972 geborene Michael Riedel ausgedacht. Ein sehr gefragter Konzeptkünstler, dessen Werk sich um das Prinzip der sinnstiftenden Wiederholung dreht. Seit März diesen Jahres ist er Professor für Malerei in Leipzig. Der von ihm ausgewählte Text stellt ein Palimpsest der Skandalgeschichte dar, die das nun fertiggestellte Gebäude nun mal hat.

Der Rohbau stand als Monument der Misere in der Stadtlandschaft.

Ende gut. Architektur gut.

Außenansicht der Moderne Galerie, mit Schriftelementen von Michael Riedel

Dokumentiert sind zusammenhanglose Auszüge einer hitzigen Debatte im saarländischen Landtag aus dem Jahr 2015. Das Projekt Erweiterungsbau stand am Anfang nämlich unter gar keinem guten Stern. Schon der Architektenwettbewerb endete 2008 in einem Eklat. Wegen Verfahrensfehlern blieb das auserwählte Darmstädter Büro unberücksichtigt. Und Twoo Architekten aus Köln, Platzierte des Wettbewerbs, warfen nach Unstimmigkeiten mit den Bauherren von der Stiftung saarländischer Kulturbesitz selbst hin, als 2011 der Rohbau ihres Entwurfs stand. Inzwischen waren die mutmaßlichen Kosten für den Erweiterungsbau eskaliert. Neun Millionen Euro wurden vorab veranschlagt. Plötzlich hielt man einen Aufwand von 40 Millionen für möglich. 39 Millionen Euro sind es geworden. Darin verrechnet sind jetzt allerdings auch horrende Gerichtskosten.

Auch eine Spenden- und Korruptionsaffäre flog auf. Sie kostete dem damaligen Museumschef und Vorstand der Trägerstiftung, Ralph Melcher, unter anderem seinen Posten. Der Rohbau stand als Monument der Misere in der Stadtlandschaft, leer. Vier Jahre lang. Wer war schuld? Wohl auch die jetzige Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU), als Kultusministerin von 2007 bis 2009 Kontrollinstanz des Projektes. Bestimmt findet sich auch zu ihrer Rolle Text auf den Platten der neuen Architektur, die den Grundriss des Bestandsbaus samt dessen Vier-mal-vier-Meter-Rasters mit den Platten auf dem Vorplatz dupliziert.

Anstelle eines Eingangs ist ein Schaufenster eingepasst.

Kuehn Malvezzi, die Vollender des Baus, zählen wiederum zu den großen, berühmten Büros, was Museumsbauten betrifft. Unter anderem das Berliner Kunstgewerbemuseum stammt von ihnen. In Saarbrücken ordnen Kuehn Malvezzi sich selbstbewusst der Architektur der Modernen Galerie ihres eher regional bekannten Kollegen Hanns Schönecker unter. Sein von Mies van der Rohe inspirierter Bau ist zwischen 1964 bis 1976 in drei Bauphasen realisiert worden. Die funktionale Pavillon-Architektur ist von trockener Ästhetik. Wie hingegossen liegt sie am Saarufer. Einfach, ornamentlos, bescheiden aber mit Ausblick. Trotz der Zurückhaltung ist die Moderne Galerie einer der wichtigen ersten Nachkriegsmuseumsbauten. Schönecker hatte von Anfang an eine Erweiterung seines horizontal organisierten Gebäudes im Kopf, das aus einem zentralen Foyer besteht, einer größeren Halle für Wechselausstellungen und drei Pavillons, die gestaffelt zum Fluss hin stehen. Der von Kuehn Malvezzi übernommene Rohbau stand vertikal. Twoo Architekten hatten einen neuen Eingang für das gesamte Museum im Neubau eingeplant. Ein 14 Meter hochschießendes Atrium für Postkartenständer. Kuehn Malvezzi haben das revidiert. Sogar eine Treppenanlage  verschwand wieder hinter einer Wand. Anstelle eines Eingangs ist ein Schaufenster eingepasst. Wie immer schon betritt man jetzt das Haus.

Ende gut. Architektur gut.

Blick in die Werkschau von Michael Riedel, Moderne Galerie 2017

Als Scharnier verbindet das sanft modernisierte vorhandene Foyer den großen Trakt für Wechselausstellungen und den Zugang zum Skulpturengarten. Alles wirkt wie amalgamiert. Rechts geht es zu den drei alten Pavillons, links zum neuen vierten, in dem auch das Museumscafé und der Museumsshop untergebracht sind. Und statt als Eingang zu dienen, steht das Atrium mit Oberlicht jetzt als zusätzlicher Ausstellungsraum im Zentrum. Spiralförmig umkreist man es auf dem Weg nach oben. Der Bau ist ein Ort der Blicke und Vorschauen. Er inszeniert die Neugier wie ein englischer Garten.

Selten gibt sich ein Museum heute so souverän

Acht unterschiedlich hohe Räume hat das neue Haus. Einige wie Bühnen, von denen aus man durch Fensterbänder nach draußen schaut. Man geht auf einem sanft grauen Bitu-Terrazzoboden ohne Fugen. An den Decken liegt die Licht-, Elektro- und Lüftungstechnik frei. Streng gereiht hängen extra für das Museum entwickelte, blechummantelte Lampen in Form von Tuben. Selten gibt sich ein Museum heute so souverän in seiner Zurückhaltung.

Ende gut. Architektur gut.

Ausstellungsansicht der Installation von Pae White, Moderne Galerie 2017

Immer wieder schaut man unterwegs auch in das Atrium. Zumal die US-Amerikanerin Pae White dort eine weitausgreifende, poppige Collage aus Schwarzweiß-Tarnmustern, einer silbernen und farbig glänzenden Riesenzielscheibe, unbestimmten ausgebeulten Marmorskulpturen und bunten, durch den Raum schießenden Verspannungen installiert hat. Design als Kunst oder umgekehrt. Museumschef Roland Mönig, der seit 2013 amtiert, ist ganz happy mit den Möglichkeiten, die er hat. "Wir können jetzt wieder mit unserer Zeit Schritt halten", sagt er.

Eineinhalb Jahre lang war sein Museum geschlossen. Zur Eröffnung zeigt Mönig neben der zweiteiligen Installation von Pae White auch eine  Werkschau von Ko-Architekt Michael Riedel, von der aus man einen Panoramablick auf den von ihm gestalteten Vorplatz hat. Außerdem hat Mönig die Sammlung komplett neu inszeniert. Er selbst sagt, sie sei die beste im Umkreis von 150 Kilometern. Vom jeweils Neuesten schreitet man zum ältesten voran. Von Zero, dem ikonischen blauen Pferdchen-Bild des Museums von Franz Marc zu Werken des Hausheiligen Max Slevogt. Ein eigener Raum ist der Dokumentation der sogenannten Provenienzforschung eingeräumt. In Saarbrücken wird sie ernsthaft betrieben. Zehn Gemälde und 17 Zeichnungen, Raubkunst, wurden schon an ihre Besitzer zurückgegeben. Das Saarlandmuseum ist jedenfalls dabei, alle unguten Teile der Geschichte seines Hauses zu überschreiben. Die in einem aufwändigen Verfahren wetterfest, hitzebeständig und rutschfest aufgetragene Schrift draußen auf dem Vorplatz und an der Fassade jedoch wird wohl nicht so leicht verblasssen.

art - Das Kunstmagazin
Zur Wiedereröffnung der Modernen Galerie zeigt das Saarlandmuseum zwei große Ausstellungen: Die US-amerikanische Künstlerin White (*1963) bringt in ihren ortsspezifischen Installationen aus einfachen Materialien wie Papier, Karton, Garn, Draht, Plexiglas oder Alufolie, Elemente aus Kunst und Design zusammen. Der deutsche Künstler Riedel (*1972) entwickelt aus dem Kontext seiner jüngsten Werkgruppe, den ebenso poetischen wie visuell reizvollen »textfield...
Saarlandmuseum – Moderne Galerie ,  Saarbrücken