Politische Kunst in Berlin

Identität der Vielfalt

Er hat sich längst zum wichtigsten Festival für politische Kunst in Deutschland gemausert. Der "Berliner Herbstsalon" zeigt unter dem Motto "Desintegriert euch" im Maxim Gorki Theater Arbeiten von rund 100 Künstlern, die sich gegen dumpfen Rechtspopulismus und religiösen Fundamentalismus engagieren. Und die sensibel und intelligent einstehen für Toleranz und Diversität.
Identität der Vielfalt

Sorgte in Dresden für Proteste: Manaf Halbounis Bus-Installation "Monument", die an den syrischen Bürgerkrieg erinnert.

Ein Paukenschlag schon vor der Eröffnung: In Kooperation mit der Berliner Tageszeitung "Der Tagesspiegel" wurde vorab die Arbeit "The List" von der Documenta-14-Teilnehmerin Banu Cennetoğlu veröffentlicht. Auf 48 Seiten sind da die von dem Netzwerk "United for Intercultural Action" recherchierten Namen von 33 293 Flüchtlingen zu lesen, die seit 1993 in Europa oder an dessen Grenzen gestorben sind, die tatsächliche Zahl liegt wohl deutlich darüber. Lapidar aufgelistet werden die Toten, mit Alter, Geschlecht, Herkunft, Todesdatum und -ursache. So zeichnet "The List" eindrucksvoll das traurige Gesicht, ja die beängstigende Fratze der EU-Flüchtlingspolitik.

Identität der Vielfalt

Banu Cennetoğlu: "The List"

In der Ausstellung selbst, die begleitet wird durch zahlreiche Diskussionsveranstaltungen und Theaterperformances, durchlebt der Besucher dann ein Wechselbad der Gefühle, denn wütenden Protest findet man in den hier versammelten, gleichsam demonstrierenden Arbeiten ebenso, wie anklagende Analysen, aber auch einen verhaltenen Optimismus in der Hoffnung auf eine tolerante, multikulturelle Gesellschaft.

Das Nationale ohne nationalistische Verkürzungen denken

Eindrucksvoll ist zum Beispiel die Installation "4. Halbzeit", 2017, des Künstlerduos Wermke/Leimkauf: In einer Videodoppelprojektion sind spannungsgeladene Aufnahmen von Fußballfans, genauer: von "Ultras" zu sehen, deren fanatisches Feiern hier neben dem ebenfalls spannungsgeladenen Auftreten politischer Demonstranten gezeigt wird. Die sich offenbarenden Parallelen wie rhythmisches Springen, martialischer Gesang oder schließlich die unvermeidliche Konfrontation mit der Polizei, sind kein Zufall: Fußballfans haben nicht nur bei den Aufständen des arabischen Frühlings und den Unruhen am Maidan in Kiew eine entscheidende Rolle gespielt. Die Installation wird ergänzt durch eine wandfüllende Flagge an der Wand des Raumes. Nicht ein bestimmtes, einzelnes Land repräsentiert diese, sondern als abstrakt komponierte "Phantasieflagge" steht sie gleichsam ein für den Versuch das Nationale ohne nationalistische Verkürzungen zu denken. Eine ähnliche Flagge ist außerdem vor dem Gorki-Theater gehisst, dort mit dem Wort "RESIST" versehen.

Identität der Vielfalt

Alfredo Jaar: "Andere Menschen denken"

Vergleichsweise cool und analytisch, aber nicht minder kritisch ist Alfredo Jaars aktuelle Arbeit "Andere Menschen denken" (2017). Mit diesen drei lapidaren Worten, die der Künstler auf ein Text-Wandbild und zudem auf Postern, die zum Mitnehmen bereit liegen, geschrieben hat, spielt Alfredo Jaar einerseits auf eine Performance des jungen John Cage aus dem Jahr 1927 an, andererseits gemahnt "Andere Menschen denken" an humanistische Ideale wie Toleranz und Meinungspluralismus. Genau an die Ideale also, die derzeit rechtspopulistische Fanatiker mit den Füßen treten. Deren Untaten stehen dann in der Installation "Assemblage/Gespräche – Den NSU-Komplex kontextualisieren", 2016/17, der Gruppe Spot_The_Silence auf der Anklagebank. Ausschnitte aus zwölf Videointerviews werden da präsentiert, in denen Betroffene des rechten NSU-Terrors über rassistische Gewalt und den arg laschen staatlichen Umgang mit diesem Terror berichten.

Relevante Kunst zeichnet sich gerade heute dadurch aus, dass sie umstritten ist.

Die "Romani Embassy" (seit 2015) von Delaine de Bes dagegen, eine kleine begehbare Holzhütte, in der unter anderem die "Erklärung der Menschenrechte" geschrieben steht, setzt auf die Wertschätzung von multikultureller Identitäten und vermeintlich fremder Kulturen. Ein kleines Schild deklariert diese mobile Hütte zur "Roma-Botschaft", zu eben der offiziellen Vertretung also, die der Gemeinschaft der Roma bis heute verwehrt ist. Eine sogenannte "Minderheit" bekommt durch diese "Embassy" die Anerkennung, die in einer multikulturellen Gesellschaft eigentlich selbstverständlich sein sollte.

Bin im Theater
Wie kommt es, dass die Institutionen der Kunst immer weniger in die politische Debatte eingreifen? Kollektive wie das Zentrum für politische Schönheit arbeiten lieber im Theater als im Museum? Läuft das Theater dem Museum den Rang ab?

Ein weiterer Höhepunkt des "3. Berliner Herbstsalons" ist die Installation "Monument" von Manaf Halbouni. Bereits Anfang des Jahres hatte der in Damaskus geborene Künstler drei Busse vor der Frauenkirche in Dresden kopfüber in den Boden gerammt und mit diesem "Monument" auf eine Situation in Aleppo angespielt, in der sich Bewohner der umkämpften Stadt mit ebenfalls aufgerichteten Bussen vor Geschossen schützen wollten. Jetzt stehen diese Busse warnend hinter dem Brandenburger Tor, wenige Gehminuten vom Gorki-Theater entfernt. Zu hoffen ist, dass es zu ähnlich kontroversen Diskussionen rund um dieses "Monument" kommen wird, wie in Dresden. Denn relevante Kunst zeichnet sich gerade heute dadurch aus, dass sie umstritten ist, weniger dadurch, dass sie von selbsternannten "Kunstfreunden" gemocht wird. Bedenkenswert leider auch, dass mit diesem "Herbstsalon" das wichtigste Festival für politische Kunst in Deutschland von einem Theater veranstaltet wird, nicht von einer Kunstinstitution.

Kunst in Berlin
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