Misslungene Dercon-Premiere

House Cooling in Berlin

Mit Performances von Tino Sehgal und Einaktern von Samuel Beckett eröffnete Chris Dercon am Freitag das Volksbühnen-Stammhaus. Es hätte der programmatische Auftakt einer neuen Ära werden können. Doch die Befürchtungen seiner ärgsten Kritiker scheinen sich zu bestätigen.
House Cooling in Berlin

Anne Tismer im Beckett-Stück "Tritte"

Wie verhält sich ein stark angefeindeter Theaterdirektor am sympathischsten, wenn er nach zwei Jahren Kleinkrieg um seine Person und seine professionelle Eignung endlich das Haus eröffnen kann, für das er beinahe täglich Schienbeintritte ertragen musste? Er begrüßt seine neuen Gäste herzlich, persönlich, zuvorkommend und mit einem starken Programm, wäre die wohl richtige Antwort. Bei Chris Dercon, der nach einer ziemlich beispiellosen Schlammschlacht um seine Berufung – inklusive Hausbesetzung vor einigen Wochen – jetzt erstmals im Stammhaus am Rosa-Luxemburg-Platz seine Vorstellungen von einem Theater präsentieren konnte, das als Plattform aller Künste dient, sah die einladende Geste zur Eröffnung der ersten Spielzeit etwas anders aus.

Zunächst blieb das Haus am großen Premierentag bis pünktlich sechs Uhr verriegelt, obwohl draußen schon lange Leute im Regen standen, die auch in der Vorhalle hätten warten können. Dann wurden – angeblich aus Sicherheitsgründen – die Eintrittskarten bereits am Portal kontrolliert und nicht wie üblich im Inneren, so dass alle, die noch auf ihre Begleitung warteten, weiter im Regen stehen mussten. Und im Gebäude gab es dann soviele Sitzgelegenheiten wie auf einem Containerschiff, so dass sich die durchnässten Gäste in den trostlos wirkenden Foyers nur hämorrhoidenfreundlich auf die kalten Fensterbänken setzen konnten. Nur einige versteht sich, denn es gibt in den Volksbühnenfoyers nur zwei Fensterbänke. Da war die Stimmung bei vielen, die mit skeptischer Neugier den Neubeginn nach 25 Jahren Intendanz von Frank Castorf begutachten wollten, schon mal auf dem nassen Tiefpunkt. Aber keine Sorge, es wurde nicht besser.

Aufführung mit dem Charme eines Konzerthallen-Soundchecks

Denn statt der angekündigten neuen Performance von Tino Sehgal, "Untitled 2017", die ab 18.15 Uhr im ganzen Haus stattfinden sollte, konnten die irritiert herumstehenden Eröffnungsgäste eine Stunde lang leere Foyers mit neuen Teppichen in Telekom-Magenta und Cyan-Blau anstaunen, bevor die Lampen zu flackern anfingen und eine Rocktonspur aus geraden Achtelnoten das ganze Gebäude behämmerte. Gegen 19 Uhr durften die mittlerweile zahlreichen Besucher dann in den Zuschauersaal, wo sie in aller Gemütlichkeit mit krummem Rücken auf dem nackten Fußboden hocken mussten, um sich zu der weiter dahin ratternden Musikwalze, die ein paar hier versteckte Musiker live spielten, fade Lichtblitze anzusehen. Schließlich senkte sich nach kurzer Zeit der riesige Saalkronleuchter der Volksbühne langsam herab wie ein UFO. Nach dieser knappen Aufführung mit dem Charme eines Konzerthallen-Soundchecks war auch gleich wieder Ende und alle mussten raus für einen "Umbau."

Polizei in besetzter Volksbühne
Zuspitzung im verfahrenen Konflikt um die Berliner Volksbühne. Die Polizei betritt das Theater - verhandelt aber erstmal mit den Besetzern.

Im Anschluss an diese etwas ungelenke Fingerübung in Berliner Pampigkeit war erstmal zwei Stunden Zeit für weiteren Leerlauf. Schlecht projizierte Videos von weidlich bekannten Performances wie "Quad" und "Geistertrio", die Samuel Beckett in den Siebzigern und frühen Achtzigern inszeniert hatte, dämmerten am Gangende der Foyers erklärungslos vor sich hin. Tino Sehgal zeigte zwei seiner Kinderperformances auf den rosa und türkisen Teppichleerflächen, die man bereits vor zwei Jahren bei seiner großen Werkausstellung im Martin-Gropius-Bau ansehen konnte, nur dass es dort hell und leise war, während in den Foyers der Volksbühne in dieser Zwangspause ein derartiger Gesprächslärm herrschte, dass man zwar leicht mitbekam, dass die Brezeln bereits alle waren, aber auch mit schmerzhaftester Konzentration kein Wort von dem verstand, was die merkwürdigen Kinder einem sagen wollten.

Chris Dercon lieferte kein Theater, sondern Theatermuseum

Aber auch diese missglückte Präsentation der "Ann Lee"-Stücke Sehgals endete bald und es blieb einfach sehr viel Zeit, um mit Bekannten zu reden und gemeinsam darauf zu warten, dass der Besuch in der neuen Volksbühne sich endlich zu lohnen beginnt. Nach zweieinhalb Stunden allgemeiner Ratlosigkeit wurden dann endlich die Saaltüren wieder geöffnet, diesmal gab es wenigstens Stühle. Aber als gestandener Kunstmann, der ja vor allem dafür beschimpft wurde, dass er Kurator und kein Bühnenmensch sei, lieferte Chris Dercon anschließend wieder kein Theater, sondern Theatermuseum. Die drei Einakter von Samuel Beckett, die in vollständigem Saaldunkel mit abgeschalteter Notausgangsbeleuchtungen gespielt wurden, waren eine Art Re-Enactment von Avantgarde, als diese noch meinte, Nichts sei das bessere Etwas.

House Cooling in Berlin

Samuel Beckett: "Nicht Ich"

Inszeniert von dem langjährigen Beckett-Assistenten Walter Asmus (Alter: 76), der in seiner langen Regiekarriere angeblich alle Beckett-Stück mindestens einmal im Geiste des Herrn wiederhergestellt hat, durfte die Schauspielerin Anne Tismer den ersten Text "Nicht ich" nur als winziger rot geschminkter Mund im linken Bühnendunkel schnellsprechen, den zweiten Einakter "Tritte" auf einer zehn Schritte breiten Lichtspur mit verschränkten Armen traurig deklamieren, und Nummer drei, "He Joe", aus dem Off raunen und flüstern, während das Gesicht des schweigenden Schauspielers Morten Grunwald immer größer auf einen Gaze-Vorhang gebeamt wurde.

Dieser hochkonzentrierte Maximalminimalismus wäre sicherlich mal eine Sonderveranstaltung im Spielplan wert, um etwas Theaterarchäologie lebendig werden zu lassen. Aber als programmatischer Einstieg für eine neue Ära an der Volksbühne, die vorher über zweieinhalb Jahrzehnten zu den innovativsten Bühnen des Landes zählte, ist diese Dokumentation über die Ausgrabung eines theaterhistorischen Königsgrabs so vielversprechend wie eine Gruft.

House Cooling in Berlin

Das Gesicht des schweigenden Schauspielers Morten Grunwald wurde immer größer auf einen Gaze-Vorhang gebeamt: "He, Joe" von Samuel Beckett

Zur finalen Auflockerung liefen anschließend noch ein paar Dutzend Leute angestiftet von Tino Sehgal unbeholfen im Saal herum, als wäre Fangenspielen der neue Kunst-Ersatz, und attackierten ab und an die verbliebenen Gäste ungefragt mit privaten Geschichten aus dem richtigen Leben, die man höflich anhörte, bis man sich nach der vierten Erzählung über Improvisationsgesang, hilfsbereite Neonazis, Italiener in Berlin und schlechtes Gewissen über ein nicht gehaltenes Versprechen ziemlich leicht entschloss, nun mit Gesang ins nächste Restaurang zu wechseln – schließlich waren die Brezeln in der Volksbühne schon nach einer Stunde alle.

Frustriert von diesen fünf Stunden Trübsal, Warten und hölzernem Charme erschien die Berufung von Chris Dercon als Nachfolger von Frank Castorf tatsächlich wie das große Missverständnis, das seine gehässigen Gegner seit zwei Jahren mit den gröbsten Vokabeln beschwören. Miserabel in Szene gesetzt, akustisch unverständlich, inhaltlich dröge und lieblos dargeboten war dieses House Cooling wahrlich kein Versprechen für den Beginn einer neuen Epoche zeitgenössischer Erregungskunst. Es werden noch Produktionen folgen, die die Zuschauer vielleicht eher von der Notwendigkeit einer künstlerischen Zäsur an der Volksbühne überzeugen mögen. Aber nach dieser unerfreulichen Vorstellung mit programmatischen Absichten besteht durchaus die Gefahr, dass dann die Zuschauer die Künstler im Regen stehen lassen.

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