Louvre Abu Dhabi

Invasion der Riesenmuseen

Das Projekt verschlang Milliarden und war wegen umstrittener Arbeitsbedingungen in den Schlagzeilen. In Abu Dhabi eröffnet mit fünf Jahren Verspätung jetzt eine spektakuläre Filiale des Louvre. Andere geplante Großprojekte am Golf lassen noch auf sich warten.
Invasion der Riesenmuseen

Riesenschildkröte: Das Louvre Abu Dhabi von Jean Nouvel

Eigentlich war Saadiyat mal eine reine Schildkröteninsel. Auf dem großen Sandstreifen vor Abu Dhabi legen die stark bedrohten Karettschildkröten ihre Eier in den Sand. Doch dann wurde den kleinen Tieren der Platz streitig gemacht von Riesenschildkröten aus Europa und den USA. Museen heißen diese invasiven Arten, in deren Adern Kunst fließt.

Seit 2007 wird ihre Ankunft geplant. Godzillagroße Mutationen mit bizarren Panzern, in Architekturbüros aus London, Paris, Tokio und der Hollywood-Stadt Los Angeles gezüchtet, sollten sie eigentlich schon seit Jahren als kleine Kolonie auf Saadiyat liegen, begleitet von einer gestrandeten Riesenqualle, in der Künstler des Okzidents für Diktatoren des Orients singen und tanzen. Doch in diesem Herbst beginnt erst eine dieser Riesenschildkröten ihre Besucherverdauung. Am 11. November öffnet der Louvre Abu Dhabi unter dem großen Rückenschild, das Jean Nouvel für das Kunstkriechtier entworfen hat, mit fünf Jahren Verspätung sein Maul.

Für die Würfelschildkröte, die Frank O. Gehry für das Guggenheim Abu Dhabi gebastelt hat, fehlen die vom islamischen Alleinherrscher Chalifa bin Zayid Al Nahyan zugesagten Petrodollars noch ebenso wie für die Höckerschildkröte von Norman Fosters Nationalmuseum, in dem die Scheichfamilie sich selbst huldigen will. Und auch die Gallertmasse von Zaha Hadids Performing Arts Center sowie Tadao Andos Meeresmuseum sind bis dato reine Baugruben-Fata-Morgana.

Ehrgeizige Pläne

Abu Dhabis ehrgeizige Pläne, einen Architektenzoo auf der dreieckigen Sandinsel anzulegen, damit das Wüstenemirat am Persischen Golf zum Kulturzirkus der arabischen Welt werde, bewegen sich also tatsächlich in Schildkrötentempo vorwärts. Natürlich sind diese Fabergé-Reptilien auch nicht ganz billig. Das ganze Projekt des Saadiyat-Kultur-Distrikts war mal geschätzt auf 27 Milliarden Dollar. Allein für das Recht, den Namen "Louvre" zu verwenden, zahlt der Scheich 525 Millionen Dollar und verpflichtet sich zudem, 747 Millionen Dollar für Ausstellungen und kuratorische Beratung nach Paris zu überweisen.

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Wenn man dann die Touristen ansieht, die zum Rotbräunen in die Flieger Richtung Emirate steigen, darf man schwer bezweifeln, dass diese Leute dort Leonardo und Jackson Pollock gucken wollen. Zumal der alte Spruch "Regentage sind Museumstage" in Abu Dhabi wirkungslos ist. Und der Imagewerbung hilft dieser Import von westlichen Kulturfossilien auch nicht wirklich weiter, wenn parallel immer wieder darüber berichtet wird, dass die aus Asien eingekauften Bauarbeiter hier wie Sklaven behandelt werden und manchmal auch tot gehen. Nun hat das Golfemirat mittlerweile ein Ministerium für "Happiness", aber ob das die künstliche Nachfrage in der 1,5 Millionenstadt nach Westkunst wecken kann?
Vermutlich wird der Louvre, wenn er als Partykulisse für die Ölreichen irgendwann nicht mehr schick ist, einfach leer stehen. Dann sollte man wenigstens den Boden mit Sand bedecken und die Türen öffnen, damit die Karettschildkröten hier wieder laichen können.

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