Kunst und Emotionen

Mehr Gefühle!

Der Kunstdiskurs wird immer stärker von intellektuellen und kunsthistorischen Argumenten dominiert. Der Austausch über Gefühle bleibt da oft auf der Strecke. Schade, findet ART-Autorin Larissa Kikol. Sie empfiehlt ein spezielles Training gegen diesen Abgrenzungsreflex.
Mehr Gefühle!

Performance "Faust" von Anne Imhof im deutschen Pavillon der Venedig-Biennale

Wann hat Sie das letzte Mal ein Kunstwerk emotional berührt? Und mit wem haben Sie darüber gesprochen? Wer heute auf einer Vernissage über Kunst und seine Gefühle spricht, läuft Gefahr als esoterischer Selbstfinder oder unkultivierter Nörgler abgestempelt zu werden – Kenner, Junggebliebene und Erfolgreiche argumentieren stattdessen mit Konzepten und politischen Aussagen. Gefühle sind gefährlich, gerade dann wenn sie in Verbindung zu zeitgenössischer Kunst gesetzt werden. In diesem Punkt gleichen sich auch scheinbar gegensätzliche Kunstwelten wie die Documenta und die Art Basel. In beiden Sphären vermarkten sich Künstler und Werke am besten durch den intellektuellen Fingerzeig auf theoretische und konzeptuelle Metaebenen. So kann sich der wissende Insider von den fühlenden Laien abgrenzen. Über Gefühle sprechen oft die, die nicht dazu gehören.

Larissa Kikol
Larissa Kikol ist freie Kunstwissenschaftlerin und lebt in Berlin. Sie promovierte an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe zum Spiel in der Kunst der Moderne. 2015 gewann sie den internationalen Talents-Wettbewerb von C/O Berlin im Bereich Kunstkritik.

Vor einigen Jahrzehnten sah das noch ganz anders aus. In seinem Essay "Über die Ziele der Kunst" schrieb der Avantgarde-Künstler Hans Hofmann ohne Hemmung: "Die einzigen Werte, die einem Kunstwerk Größe verleihen, sind emotionaler und sinnlicher Art.“ Die emotionale Wirkung auf den Betrachter wurde hier nicht nur hoch geschätzt sondern sogar zur superlativen Qualität erklärt. Auch die Maler des abstrakten Expressionismus beschrieben die Wirkung guter Kunstwerke als "abenteuerliche Reise in eine unbekannte Welt". Sie sprachen von farblichen Gebilden auf der Leinwand, die "furchteinflößende Gefühle" hervorriefen, so erhöhte eine ganze Generation an amerikanischen Künstlern die "absoluten Emotionen" zur zeitgenössischen Antwort auf das Europäisch-Erhabene. Gefühle standen weit oben, als Reaktion auf den zweiten Weltkrieg, den Kapitalismus und als internationale Verständigungsebene.

Es wächst das Risiko der Beliebigkeit, wenn der Verweis auf Gefühle jedes Talent ersetzen würde.

Sicherlich war der Glaube an die geniehaften Emotionen zu hoch. Künstler inszenierten sich als hypersensible Genies, die das Leiden der Welt universell, aber einzigartig individuell fühlen könnten. Daraus entstand die Gefahr einer Überheblichkeit, nämlich wenn so getan wurde, als könnten Künstler oder Kunstinteressierte "besser" fühlen als Nicht-Künstler oder Nicht-Kunstinteressierte. Gleichzeitig wächst das Risiko der Beliebigkeit, wenn der Verweis auf Gefühle jede inhaltliche und formale Bewertungskategorie, Zeitgeist oder gar Talent ersetzen würde. Aber das muss ja nicht sein. Vor über 200 Jahren entstand ein Satz, der die emotionale Kunstrezeption nicht bedeutungsvoller ausdrücken könnte, ohne dass die emotionale Dominanz eine mangelhafte Werksbeschaffenheit kaschieren sollte: "Und du gute Seele, die du eben den Drang fühlst wie er, schöpfe Trost aus seinem Leiden, und laß das Büchlein deinen Freund sein, wenn du aus Geschick oder eigener Schuld keinen näheren finden kannst.“ Dies sind die einleitenden Worte des jungen Johann Wolfgang Goethe in seinem Werther. Ist dieser Vorschlag mit der zeitgenössischen bildenden Kunst unvereinbar?

Über Emotionen zu sprechen und Emotionen hervorzurufen, ob angenehme, traurige, wütende, verstörende, kindliche, witzige oder letzten Endes vielleicht heilsame sind keinesfalls bloße Übungen für Anfänger. Im Gegenteil, es sind hoch anspruchsvolle Unterfangen. Ein gutes Gemälde oder eine gute Performance, die zum Beispiel das Gefühl von Einsamkeit auf unerwartete, versteckte, unmittelbare oder ungewöhnliche Weise kommuniziert, zeigt nicht den Überbegriff von Einsamkeit sondern entfaltet das Gefühl in seinen unterschiedlichsten Komponenten. Je mehr Töne das Motiv Einsamkeit hat, umso mehr grenzt es sich zu einem schlechteren Werk ab, das dieses Gefühl als kitschiges und stereotypisches Muster abbildet. Über Ersteres lässt sich dementsprechend länger, differenzierter oder kontroverser sprechen. So kann der Betrachter nicht nur durch intellektuelle oder kunsthistorische sondern auch durch emotionale Reflexion der Qualität eines Werkes auf die Spur kommen. Gemeint ist eine emotionale und daran anknüpfend sprachliche Fähigkeit, die trainiert werden kann.

Wahrscheinlich weiß die Museumsleitung nicht einmal von ihren engagierten Aufsehern.

Eine angenehme Überraschung birgt das K21 in Düsseldorf. Hier lohnt es sich, mit den Aufsehern, die man in fast jedem Künstlerraum antrifft, ein kurzes Gespräch zu beginnen. Zum Beispiel mit dem etwas älteren Mitarbeiter, der im mysteriösen Raum von Janet Cardiff und George Bures Miller leidenschaftlich über Transsilvanien sprechen kann. Hier entstehen sehr bereichernde und ehrliche Gespräche über alltägliches Erleben der Kunstwerke, über Interessen und Gefühle in den unterschiedlichen Räumen. Man merkt schnell, dass keine pädagogischen oder kunsthistorischen Anweisungen hinter dieser Kommunikation stehen. Wahrscheinlich weiß die Museumsleitung nicht einmal von ihren engagierten Aufsehern, die den Besuch so persönlich und das Entdecken der Werke so spannend werden lassen.

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Janet Cardiff & George Bures Miller: "Dark Pool", Detail, 1995, diverse Materialien

Was hier im Kleinen beginnt, sollte im Großen weitergeführt werden. Gerade nach der letzten Bundestagswahl, dem schwindenden Vertrauen in etablierte Institutionen und in Zeiten, in denen über Kultur- und Identitätskrisen berichtet wird, sind die Kulturinstitutionen gefragt, mehr Vertrauen aufzubauen. Denn, so muss man das leider sagen, Donald Trump gewann eben auch auf der emotionalen Ebene, da wo seine Gegner versagten. Das Sprechen über Gefühle in Hinsicht kultureller und künstlerischer Erlebnisse ist alleine natürlich kein Gegenmittel, vielleicht kann es aber ein kleines Stück dazu beitragen, den Gefühlsvibratoren von Trump, AfD und Co etwas entgegenzuhalten. Es kann helfen, dass Momente von kulturellem und persönlichem Selbstbewusstsein entstehen – ohne, dass hierfür populistisches Denken von Nöten wäre.

Debatte
Interviews und kritische Debattenbeiträge aus der Kunstwelt