Kinofilm über Gauguin

Der alte Wilde und das Mädchen

Nach den Filmporträts von Giacometti und Rodin gibt sich nun in kürzester Abfolge Paul Gauguin die Ehre. Der gewohnt mit großer Intensität auftrumpfende Vincent Cassel mimt den unverstandenen Zivilisationsverächter, der 1891 zu seiner ersten Reise nach Tahiti aufbricht. Im Garten Eden glänzt zwar auch nicht alles, aber immerhin blüht hier wieder seine Produktivität auf.
Der alte Wilde und das Mädchen

Gauguin (Vincent Cassel) verliebt sich in Tehura (Tuheï Adams)

"Es gibt hier kein Gesicht, keine Landschaft, die ich noch malen will. Ich ersticke hier", jammert der syphiliskranke, erfolglose, fünffache Vater am Beginn seiner Loslösung von der verkommenen westlichen Kultur, die ihn seinen Bank-Job verlieren ließ und auch sonst wenig Gnade mit dem Bürgerschreck zeigte. Der Satz stammt aus seinem Reisebericht "Noa Noa". Zu Papier kamen seine Eindrücke erst nach der Rückkehr von der gar nicht so paradiesischen Insel. Der 1970 geborene Regisseur Édouard Deluc fand hier für "Gauguin" seine in weiten Teilen recht frei gedeutete Inspirationsquelle. Der Biopic umfasst nur 18 Monate, aber die reichen aus, um mit den Wunschprojektionen des stets geldknappen Malers gründlich abzurechnen.

Weil ihm die Hauptstadt Papeete immer noch zu kolonialfranzösisch ausfällt, zieht er in eine fern gelegene Wellblechhütte. Einsam und hungrig, da unfähig einen Fisch zu fangen, schmollt er zur atmosphärischen Musik von Warren Ellis, der schon mit Nick Cave, Cat Power oder Marianne Faithfull kollaboriert hat, in der rauen Natur vor sich hin, bis sich die edlen Ureinwohner seiner erbarmen und ihm nach heutigen Schätzungen eine 13-Jährige als Frau anbieten. Dass Tehura von einer 17-jährigen (Tuheï Adams) gespielt wird, hat auch die in Frankreich in Sachen sexueller Übergriffe aktuell sehr sensiblen Gemüter in Rage gebracht. Dabei müht sich Deluc eigentlich gar nicht, den Aufenthalt in allzu rosigen Tönen auszumalen. Warum geht er dann über den pädophilen Aspekt der Beziehung zu Gauguins Musenvorbild für unzählige berühmte Südseeidyllen so ungeschickt hinweg? Und warum kommen die anderen Kurzzeit-Gefährtinnen erst gar nicht vor?

Der Kapitalismus zieht seine üblichen Verwüstungsspuren

Lässt man diese unappetitlichen Fragen einmal außen vor, freut man sich über die Emanzipationsversuche der exotischen "Eva", die den alten Egomanen bald gegen einen gleichaltrigen Lover austauscht, der den Stil von Gauguin nachzuahmen versteht und seine Schnitzereien massenhaft an folkloregerührte Weiße als Ethnokitsch verkauft. Denn unberührt ist dieses christianisierte Land auch wirtschaftlich längst nicht mehr. Der Kapitalismus zieht seine üblichen Verwüstungsspuren und Gauguin beteiligt sich an dem Ausverkauf zwar unfreiwillig, aber in seiner schwärmerischen Sehnsucht nach Unschuld auch besonders perfide ausbeuterisch.

Der bärtig ungepflegte Cassel spielt den Selbstbetrug des wilden Aussteigers in allen Facetten meisterlich aus, er ist weiter als die Regie, die unentschieden zwar das Tropenelend bei 30 Grad zeigt, aber auch die Ursache für Gauguins Schaffensrausch von 66 neuen Werken in der natürlichen Präsenz der von Widersprüchen noch unbehelligten Maori verortet, die sie mit Vorliebe nachts in einer Aura des Mystischen ertränkt. Die ungleiche Kontaktaufnahme ging bekanntlich schief. Der wohlgesinnte, aber auch rücksichtlose Modernist kehrte zurück nach Paris und blieb arm. Die Nachwelt liebt umso mehr seine farbsatten Glücksdelirien und überflutet bis heute das Traumziel Südsee mit Touristenströmen, die aus Gauguins Lektion nichts gelernt haben.

Modellsitzen für Fortgeschrittene
Schriftsteller James Lord ließ sich einst mehrfach von Alberto Giacometti porträtieren. 1965 schrieb er ein Buch über diese nervenaufreibende Erfahrung. Eine Verfilmung seziert den Schaffensprozess en detail – und weiß dabei mit Dialogkomik zu unterhalten
Paul Gauguin, Zwei Frauen von Tahiti
Übersicht zu allen Artikeln und aktuellen Ausstellungen zu Paul Gauguin