Gängeviertel Hamburg

Karin von Welck

"Wir gründen eine Agentur für Kreativimmobilien"
"Immobilienbesitzer zeigen immer mehr Interesse daran, ihre Räume Künstlern zur Verfügung zu stellen – sogar in Neubauten": Hamburgs Kultursenatorin Karin von Welck (parteilos) zur aktuellen Besetzung im Gängeviertel
"WIR GRÜNDEN EINE AGENTUR FÜR KREATIVIMMOBILIEN"
Hamburgs Kultursenatorin Karin von Welck zeigt im Gespräch mit art viel Verständnis für die jungen Künstler, die am vergangenen Wochenende zwölf Häuser im Gängeviertel der Hamburger Innenstadt besetzt haben. Selten wurde in solch einem Fall so schnell eine so positive Lösung für alle Beteiligten gefunden: Die Künstler dürfen bleiben – zumindest vorerst!
// BARBARA HEIN, HAMBURG

Frau von Welck, waren Sie schon im Gängeviertel?

Karin von Welck: Ich war natürlich schon oft im Gängeviertel, aber nicht in den letzten zwei Tagen. Ich habe zunächst meine Mitarbeiter beauftragt, dort die Lage zu sondieren. Mittlerweile hat es daraufhin schon mehrere Gespräche zwischen der Stadt und den Künstlern gegeben. Die Lage sieht recht erfreulich aus.

Was ist denn der Stand der Dinge?

Wir wollen den Künstlern die Erdgeschossflächen der nicht vermieteten Häuser zur Verfügung stellen. Aus Brand- und Fluchtschutzgründen sind leider nur bestimmte Bereiche zugänglich. Die Künstler verstehen das, sind einverstanden und verhalten sich ausgesprochen lösungsorientiert. Der Kontakt ist wirklich gut. Wir sind gerade dabei, mit dem Investor die nächsten Schritte abzustimmen. Ich bin zuversichtlich, dass auch er einer Zwischennutzung durch die Künstler zustimmen wird.

Hat der Investor Hanzevast die Auflage, die Gebäude zu erhalten?

Der Investor ist vertraglich verpflichtet, die schutzwürdigen Häuser denkmalgerecht zu sanieren. Wo das aus bautechnischen Gründen nicht möglich ist, muss wenigstens die Fassade erhalten bleiben. Das Gängeviertel ist ja ein ganz komplexes, verwinkeltes Gebilde. Und meines Wissens sieht auch der Plan, den Hanzevast vorgelegt hat, vor, diesen Charakter zu erhalten. Allerdings hat Hanzevast ganz konkrete Fristen einzuhalten. Die müssen wir erstmal abwarten.

Was passiert, wenn der Investor seinen Plan nicht einhalten kann?

Dann fallen die Gebäude an die ursprünglichen Besitzer zurück und die Karten werden neu gemischt!

Die Besetzer des Gängeviertels gehen sehr friedlich vor und erfahren viel Sympathie durch Besucher, Medien, Anwohner, und auch Bezirksamtsleiter Markus Schreiber hat sich vor Ort für den Erhalt des Gängeviertels ausgesprochen – wie geht es Ihnen?

Ich habe großes Verständnis für die Künstler und nehme ihre Anliegen sehr ernst. Wir haben ja in Hamburg mit der Hochschule für Bildende Künste eine ganz hervorragende Ausbildungsstätte. Und ich weiß, dass es gerade für junge Künstler ein Problem ist, genügend Atelierräume zu bekommen. Wir haben daher bereits alle möglichen Initiativen ergriffen: In meiner Behörde arbeiten wir schon seit längerem daran, neuen Atelierraum zu schaffen. Seit zwei Jahren gibt es zum Beispiel in der Speicherstadt neue, attraktive Ateliers, im Herbst werden noch einmal Räume für rund 30 Kreative in Behringstraße und Ruhrstraße hinzukommen, und es gibt durchaus noch mehr Möglichkeiten, in der Stadt Flächen – zeitlich begrenzt oder langfristig – zur Verfügung zu stellen: zum Beispiel unter dem Großmarkt. Das ist vielleicht nicht so interessant für bildende Künstler, sehr wohl aber für Musiker. Da hat es sogar schon Begehungen gegeben. Wir sind uns des Raumproblems bewusst und versuchen, auf allen möglichen Ebenen gute Ergebnisse zu erzielen. Aber jetzt bin ich erst einmal froh, dass die Künstler der "Komm in die Gänge"-Initiative sehr überlegt gehandelt haben. Das hat es uns enorm erleichtert, rasch eine zumindest temporäre Lösung zu finden.

Vielen Künstlern bleibt nichts anderes übrig, als die Stadt zu verlassen und zum Beispiel nach Berlin abzuwandern. Wie wollen Sie dem noch entgegenwirken?

Wir versuchen das schon lange! Wir haben da verschiedene Projekte. Bei den Speicherstadt-Ateliers haben wir einen Mäzen gefunden, der für einige Jahre die Differenz übernimmt zwischen der vom Eigentümer geforderten Miete und dem, was die Künstler aufbringen können. Wir haben in Hamburg alle viel zu lange daran geglaubt, dass es keine Flächen mehr für Künstler gibt. Mittlerweile weiß ich, dass das einfach nicht stimmt. Allerdings nur die, die für eine konkrete Fläche oder Immobilie verantwortlich sind, wissen zur Zeit, was wirklich leer steht. Wir versuchen nun, diese Informationen zu bündeln – und das klappt glücklicherweise inzwischen ganz gut. Da zeichnet sich jetzt übrigens auch ein erfreulicher Trend in Hamburg ab: Immobilienbesitzer zeigen immer mehr Interesse daran, ihre Räume Künstlern zur Verfügung zu stellen – sogar in Neubauten.

Das Gängeviertel-Ensemble verfällt seit Jahren. Ist es nicht eigentlich die Aufgabe der Stadt, diesen geschichtsträchtigen Ort zu erhalten?

Die letzten Reste der alten Gänge sind ein unglaublich interessanter Teil der Hamburger Innenstadt und der hamburgischen Geschichte. Aus diesem Grund war auch unser Denkmalschutzamt in die Verhandlungen mit dem Investor einbezogen. Die Denkmalschützer haben sich sehr für den Erhalt der Gebäude eingesetzt, so dass einige Häuser komplett erhalten werden können und müssen, bei den meisten steht zumindest die Fassade unter Schutz. Aber am besten lassen sich denkmalgeschützte Gebäude natürlich erhalten,wenn sie mit Leben erfüllt sind, sprich bewohnt und genutzt werden. Das schlimmste ist Leerstand, für den sich niemand verantwortlich fühlt. Das ist leider im Gängeviertel passiert.

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2 Leserkommentare vorhanden

T.Setzer

16:33

28 / 08 / 09 // 

Ganz schön konstruiert..

"Wir haben da verschiedene Projekte. Bei den Speicherstadt-Ateliers haben wir einen Mäzen gefunden, der für einige Jahre die Differenz übernimmt zwischen der vom Eigentümer geforderten Miete und dem, was die Künstler aufbringen können." Dazu muss man wissen dass "der Eigentümer" die HHLA ist. Eine stadteigene Gesellschaft, aber Kulturbehörde/Senatorin haben einfach einen schlechten Stand.. der Finanzsenator ist der Herr im Hause. So hat sich die Stadt selbst quasi einen Mäzenen gesucht und bekommt die andere Hälfte der Mieteinnahmen von Künstlern für ihre Immobilie.

lucia dellefant

18:04

28 / 08 / 09 // 

Atelierräume im Genossenschaftsmodell in München

In München dürfte die Situation ähnlich sein wie in Hamburg. So haben Künstler und Kreative eine Genossenschaft gegründet um dauerhafte und erschwingliche Atelierräume zu schaffen. Die KunstWohnWerke stehen nun kurz vor dem Kauf der ehemaligen Kleiderfabrik Berg am Laim. Auch hier wirken eine Menge an unterschiedlichen Finanzierungsmodellen zusammen. Eine Stiftung, private Sponsoren, verhandlungswillige Bänker und mitdenkende Beamte. Noch sind Flächen zu haben - wer also Interesse hat schaut auf die www.kunstwohnwerke.de seite