Kunst von Gefangenen

Aus der Hölle von Guantanamo

Seit 2009 ist es Guantanamo-Insassen möglich, Kunstkurse zu belegen. Eine Auswahl der Arbeiten ist jetzt in einer Ausstellung zu sehen. Und ein zentrales Motiv ist nicht zu übersehen.
Aus der Hölle von Guantanamo

Muhammad Ansi: "Untitled (Pier)", 2016, Pigment auf Papier

"Das Meer bedeutet Freiheit, die niemand kontrollieren oder besitzen kann. Freiheit für jeden", schreibt Mansoor al-Dayfi im Ausstellungskatalog. Dayfi wurde 2001 nach einem Gefängnisaufstand im Norden Afghanistans bei Masar-i-Scharif festgenommen. Er sei im Trainingslager von al-Qaida gewesen und hätte sich wiederholt mit Osama bin Laden getroffen, sagte Dayfi damals beim Verhör. Er war einer der ersten Gefangenen von Guantánamo Bay.

2016, nach 14 Jahren in Gefangenschaft, wurde er entlassen und nach Serbien verfrachtet, wo er weiter unter Beobachtung steht und vergeblich versucht, ein normales Leben zu führen. Die amerikanische Regierung betont heute, dass Mansoor al-Dayfi ein unbedeutender Kämpfer niedrigen Ranges war, der sich aufgespielt hatte. Dayfi sagt, dass er bei den Verhören unter Druck gesetzt wurde. Heute arbeitet er an einem Buch über seine Zeit im Gefangenenlager von Guantánamo, dem Stützpunkt der US-Navy auf Kuba.

In einem Essay schildert Dayfi, wie viele der Gefangenen nicht einmal wussten, was das Meer, das Guantánamo Bay umgibt, überhaupt war. Und wie der Ozean, den sie so gut wie nie zu Gesicht bekamen, weil Zäune und Planen ihnen die Sicht versperrten, den Traum von Freiheit symbolisierte. Wann immer die Gefangenen versuchten, die Planen wegzureißen oder einen Blick durch die Absperrungen zu erhaschen, wurden sie bestraft. Sie versuchten es dennoch, "um sich selbst daran zu erinnern, dass die Welt außerhalb der Hölle von Guantánamo noch existierte", schreibt Dayfi.

Das Meer symbolisierte für die Gefangenen den Traum von Freiheit

"Ein Lobgesang auf das Meer" nennt sich eine Ausstellung mit 36 Arbeiten von Gefangenen aus Guantánamo Bay, die bis Ende Januar im John Jaye College für Strafjustiz in New York zu sehen ist. Viele der Gefangenen, die auf unbestimmte Zeit und ohne Gerichtsverhandlung weggesperrt wurden, wählten das Meer als Thema. Sie malten Häuser an friedlichen Buchten, Brücken im Sonnenuntergang, Schiffe in stürmischer See, Ozeandampfer, Leuchttürme und die Freiheitsstatue am Hafen von New York oder das Bild von dem ertrunken syrischen Jungen am Strand der Türkei, das zum Symbol für das Leid von Flüchtlingen geworden ist.

Unter Präsident Obama konnten die Insassen seit 2009 Kunstkurse belegen. Allerdings nur unter strikten Auflagen. Material, das als Waffe eingesetzt werden könnte, war verboten. Dazu zählten Beistifte, Stifte, Pinsel mit Metallkappen und scharfe Gegenstände. So fertigte Moath al-Alwi sein Schiffsmodell mit Bullaugen, hinter denen sich die Städte Jerusalem, Mekka und Medina verbergen, aus bemalter Pappe, den Plastikdeckeln von Flaschen und Perlen von seinem Gebetsteppich. Während der Kunstkurse blieben die Männer angekettet. Später durften sie, wenn sie alle Regeln befolgten, in ihren Zellen weiter an ihrer Kunst arbeiten. Die für die Ausstellung ausgewählten Arbeiten wurden sorgsam überprüft, um sicherzustellen, dass sie keine geheimen Nachrichten enthalten.

41 Gefangene, darunter vier Männer die an der Ausstellung teilnehmen, sind nach wie vor in Guantánamo inhaftiert. Zehn Inhaftierten soll vor einem Militärgericht der Prozess gemacht werden. Alle anderen werden auch weiterhin ohne Anklage festgehalten. Unter Präsident Trump ist die Hoffnung, jemals in ihrem Leben das Meer zu erblicken, in noch weitere Ferne gerückt. Trump hat angekündigt, die Entlassungen zu stoppen und Guantánamo weiter auszubauen.

"Ode to the Sea: Art from Guantánamo Bay"

Die Ausstellung läuft vom 2.10.2017 bis zum 26.1.2018 in der President's Gallery des John Jay College of Criminal Justice in New York.