Kunst und Popmusik

Festivalsommer

Yeah Yeah Yeah!
Der Festivalbesucher Tobias Schubart vor Gerrit Starczewskis Foto-Serie "Dancing Shoes": "Ich hatte mir auch schon mal überlegt, Schuhe zu fotografieren!" (Foto: Seth Turner)

YEAH YEAH YEAH!

Warum immer mehr Musikfestivals ihren Gästen auch ein Kunstprogramm anbieten – die Höhepunkte des Hamburger "Dockville" und des "Berlin-Festival".
// BARBARA HEIN, HAMBURG

Die Vernissagen angesagter Galerien genießen schon lange Kultstatus. Längst haben Kreative und Szenegänger Ausstellungseröffnungen als coole Ausgehoption entdeckt, und zu den Kritikern, die in den Feuilletons über die Kunst berichten, haben sich Reporter gesellt, die in Lifestyle-Magazinen die Zusammenstellung der Gästeliste abarbeiten. Neu ist allerdings, dass nun auch Musik-Festivals wie das "Dockville" in Hamburg oder das "Berlin-Festival" ihren Gästen ein Kunstprogramm bieten.

Am vergangenen Wochenende feierten etwa 10 000 Besucher auf dem Gelände des stillgelegten Flughafens Tempelhof in Berlin. Außer der Musik von Pete Doherty, Jarvis Cocker, Deichkind, Zoot Woman oder The Rifles konnte man auch zahlreiche übers Gelände verteilte Leinwand-Graffitis des Berliner Streetart-Stars Nomad bewundern. Die Künstlergruppe "Action Painting Club" schmückte während der Veranstaltung die Besucher mit Make-up und selbst gesammelten Wiesenblumen. Am prominentesten platziert waren die Arbeiten des jungen Fotografen Gerrit Starczewski (s. ART 08/09). Der 23-Jährige fotografiert in seiner Serie "Dancing Shoes" die Füße von Rockstars auf der Bühne.

"Die Fotos passen super gut hierher", findet die 24-jährige Finnin Paula Pippuri kurz nach Mitternacht auf dem Berlin-Festival. Sie hat Semesterferien und ist mit zwei Freundinnen aus Helsinki nach Berlin gekommen, um ein bisschen Urlaub machen. Zu Hause studiert sie Wirtschaftswissenschaften, auf Vernissagen geht sie gern "wegen der Kunst und wegen der Leute", denn die sind "bei Kunstveranstaltungen einfach interessanter als auf normalen Partys". Auch ihre Freundin Johanna Nurkka, 25, wundert sich nicht im geringsten darüber, auf dem Pop-Festival plötzlich in einer kleinen Kunstausstellung gelandet zu sein: "Ist doch logisch", sagt sie, "in Berlin ist so viel Kunst – warum also auch nicht hier?!" Die dritte im Bunde, Mervi Tuominen, 25, bringt es auf den Punkt: "Die Zeiten, in denen Kunst nur sonntags im Museum stattfand, sind doch echt vorbei!"

Kunst ohne viel Tiefgang

Die Veranstalter haben die "Dancing Shoes" direkt im hell erleuchteten Gang zur Hauptbühne gegenüber dem Rollfeld platziert. Die Hängung der Bilder an einem Baustellengitterzaun ist alles andere als versicherungsgerecht, dafür sieht’s gut aus und wirkt nicht zu hochgestochen. Von draußen kann man sie selbst aus der Ferne noch gut sehen. "Wenn schon, denn schon war unsere Devise", erklärt Conny Opper vom Festival-Team. "Wir wollten nicht nur den Bands einen grandiosen Auftritt ermöglichen, sondern auch der Kunst!" Die "Dancing Shoes" haben sie ausgewählt, weil sie "thematisch doch absolut passen", wie er es ausdrückt. Dass diese Annahme stimmt, bestätigt Festival-Besucherin Eik Kühl, 26, die in Schleswig-Holstein aufgewachsen ist und seit kurzem in Berlin lebt: "Die Fotos sehen in erster Linie gut aus, Tiefgang haben sie nicht so sonderlich – aber das wäre auch echt ein bisschen too much auf einem Festival. Für anspruchsvolle Kunst braucht man mehr Ruhe."

Genau das sollte es dieses Jahr für die Kunst auf dem Musikfestival "Dockville" in Hamburg geben. Deswegen haben die Veranstalter das Kunstprogramm schon zwei Wochen vor dem eigentlichen Festival eröffnet. Bereits im letzten Jahr gab es eine groß angelegte Kunstaktion auf dem verwunschenen Gelände im Hamburger Freihafen. Die damals von Jonathan Gröne und Jakobus Siebels gezimmerte Westernstadt hat den Winter überlebt und bildet nun das Zentrum der diesjährigen Kunstaktion, an der die beeindruckende Anzahl von rund 30 internationalen Künstlern beteiligt ist. Das erst zum dritten Mal stattfindende Festival hat das mit Abstand umfangreichste und engagierteste Kunstprogramm auf die Beine gestellt.

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