Protest gegen Polit-Kunst

Das Ding ist weg!

Auf der documenta wurde ein Kunstwerk von Aktivisten gestohlen, anderswo sollen Werke abgehängt oder zerstört werden: Gegen gut gemeinte Polit-Kunst aus dem falschen Lager regen sich immer mehr Proteste
Das Ding ist weg!

Protest gegen Instrumentalisierung: Mitglieder einer griechischen Aktivistengruppe posieren mit gekidnapptem Kunstwerk.

Es sollte ein weiteres Puzzlestück im Mosaik politisch ambitionierter documenta-Arbeiten sein: Roger Bernats Fiberglaskopie eines antiken Schwursteins von der Agora in Athen, an dem einst die Beamten des alten Griechenland gelobten, die Gesetze der Demokratie zu achten. Der spanische Theaterkünstler hatte das zweieinhalb Meter lange Double des Monolithen an zentralen Plätzen Athens abgelegt und verschiedenen Gruppen zur Nutzung anvertraut, um so dessen kulturelle Bedeutung zu dekonstruieren. Danach sollte der Stein nach Kassel ­reisen und auf einem Platz mit NS-Geschichte begraben werden. Nun ist das Projekt The Place of the Thing über­ra­schend zum Stein des Anstoßes geworden. Kurz gesagt: Das Ding ist weg! "LGBTQI+ Refugees in Greece", eine ­Ak­tivistengruppe, die sich für schwul/lesbisch/queere Flüchtlinge einsetzt, hat Bernats Stein gekidnappt und erhebt per Video schwere Vorwürfe gegen die documenta.

»Ihr habt uns instrumentalisiert«

"Ihr seid nach Griechenland gekommen und habt euch die Teilnahme unsicht­barer exotizierter Anderer gönnerhaft gekauft«, heißt es im Bekennerschreiben. "Ihr habt versucht, uns mit eurer großartigen Spende von 500 Euro zu instrumentalisieren." Die Kritik tut weh – gerade weil sie von Leuten kommt, denen sich die documenta-Macher besonders verbunden fühlen. Denn Solidarität mit den Entrechteten hat sich die d14 ausdrücklich auf ihre Fahnen geschrieben. Und ausgerechnet die klagen jetzt über Ausbeutung. Entsprechend zerknirscht sind die Reaktionen. Künstler Bernat nennt die Kidnapper auf seiner Website Feiglinge und Lügner, die den Stein gar nicht gestohlen, sondern von ihm freiwillig erhalten hätten: "Wenn sie wirklich das Establishment angreifen wollten, warum haben sie dann nicht ein ECHTES Kunstwerk aus einem Museum gestohlen?"

Auch Kurator Paul B. Preciado, bei der documenta für öffentliche Programme und Gender-Fragen zuständig, zeigt sich irritiert. Die Aktion demonstriere, wie viel Misstrauen der documenta als deutscher Institution in Griechenland immer wieder entgegenschlage, sagt er, besonders aus der linksautonomen Szene. "Wir hätten gern mit den LGBTQI-Aktivisten gesprochen und sie zu einer öffentlichen Diskussion eingeladen, doch seit sie den Stein haben, ist der Kontakt abgebrochen." Nun könnte man den Zwischenfall als halbgaren Publicity Stunt der Athener Spaß-Guerilla abtun – und wenn man das Video sieht, in dem Vermummte in Netzstrümpfen und geblümten Kleidchen tanzend den Stein entführen, spricht einiges dafür. Gleichzeitig ist die Aktion aber auch beispielhaft für eine neue Protesthaltung gegenüber gut gemeinter Politkunst, die aus dem falschen Lager kommt.

Unbequeme Zone für Weiße
Die Galgen-Skulptur »Scaffold« von Sam Durant, die ursprünglich für die Documenta 13 entstand und dort zum Publikumslieblinge avancierte, wird nicht nur demontiert. Sie soll zeremoniell verbrannt werden. Wie es dazu kam

Es geht um die Deutungshoheit von Geschichte

Politisierte Minderheiten, seien es nun schwul/lesbisch/queere Flüchtlinge oder nordamerikanische Prärie-Indianer, fühlen sich zunehmend unwohl, wenn ihre (Leidens-)Geschichten in Werken weißer heterosexueller Akademiekünstler auftauchen. Und sie machen diesem Unmut Luft. Dabei geht es nicht um Fragen künstlerischer Qualität, sondern um das Recht auf Deutungshoheit von Geschichte. Etwa wenn Schwarze dagegen protestieren, dass die (weiße) Künstlerin Dana Schutz auf der Whitney-Biennale ein Gemälde vom Begräbnis Emmett Tills zeigt, einer Ikone der Bürgerrechtsbewegung. Auch das Walker Art ­Center bekam diesen Unmut zu spüren. Im Skulpturen­garten des renommierten US-­Museums in Minneapolis sollte Sam Durants Skulptur Scaffold aufgestellt werden, eine begehbare Holzkonstruktion im Stil eines Galgens, mit der der Künstler an die rassistische Dimension der US-amerikanischen Strafjustiz erinnern wollte und die 2012 unbeanstandet auf der documenta 13 in Kassel stand.

Jetzt protestierten die Dakota-Indianer dagegen, denn auf einem ähnlichen Schafott waren einst 38 ihrer Stammesbrüder hingerichtet worden. Den Nachbau im Skulpturengarten empfanden sie als Affront. Das Museum lud die ­Indianer zu Beratungen ein. Am Ende kam es zu einem radikalen Schritt: Die Dakota durften die Galgen-Skulptur abbauen und wollen sie verbrennen – mit der Zustimmung des Künstlers, der die verletzten Gefühle der Indianer über seine kreative Freiheit stellte. Bei der documenta will man sich von dem Protest nicht aus dem Konzept bringen lassen. Roger Bernat habe vorsorglich einen zweiten Stein ­anfertigen lassen, sagt Paul Preciado, und der sei längst in Kassel angekommen.

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Blutige Nasen und goldene Wände
Die Polarisierung der Gesellschaften lässt eine längst vergessene künstlerische Methode wieder aufblühen. Und dank der Konjuktur geeigneter Endgegner erreicht auch in Deutschland gute Provokations-Kunst immer öfter ihr Ziel