Propaganda-Plakate in der Türkei

Kampf der Bilder

In der Türkei erinnern heroische Plakate an den gescheiterten Putschversuch von 2016. Sie wirken wie eine Mischung aus monumentaler sowjetischer Propaganda-Malerei und Computerspiel-Ästehtik. Ist das die neue Bildsprache der Propaganda?
Kampf der Bilder

Zwischen Videospiel-Ästhetik und sowjetischer Agitationskunst. Sieht so Propaganda im Zeitalter von Facebook, Twitter und Co. aus?

Sie tauchten plötzlich an Bushaltestellen auf, an Plätzen und Straßen, in den belebten Stadtvierteln Istanbuls und in den Küstenorten am Mittelmeer. In vielen Städten der Türkei erschienen in den Tagen vor dem 15. Juli 2017 wie aus dem Nichts die gleichen, großformatigen Plakate. Es sind heroische Darstellung von furchtlosen Nationalisten, vermeintlichen Helden des vereitelten Putschversuchs. Aufgebrachte Menschen stellen sich darauf schwer bewaffneten Soldaten und Panzern entgegen, sie erheben ihre Fäuste, schwenken die türkische Nationalflagge mit dem Halbmond. Ein Jahr zuvor, in der Nacht des 15. Juli 2016, versuchten Teile des Militärs die Macht in der Türkei an sich zu reißen. Tausende Menschen folgten daraufhin einer Videobotschaft Erdogans, die im türkischen Fernsehen ausgestrahlt wurde, strömten auf die Straßen und trugen letztlich zur Entwaffnung und Überwältigung der Putschisten bei.

Zum ersten Jahrestag nun also Plakate, die keine Zweifel aufkommen lassen, welche Bilder der Nacht sich in das kollektive Gedächtnis einbrennen sollen. Zwölf unterschiedliche Motive hängen in den türkischen Städten – angelehnt sind sie an Bilder, die vor einem Jahr pausenlos über die Fernsehbildschirme flimmerten. Jedes der Plakate verdichtet Einzelmomente an verschiedenen Schauplätzen zu einer dramatischen Szene. Die Verlierer sind immer die gleichen: weinende, verzweifelnde, sich ergebende Soldaten – Putschisten im Moment der Niederlage. Es ist ein Katalog pathetischer Gesten, über jeder leuchtet ein weißer Schriftzug: "Heldenepos 15. Juli". Anstelle einer Künstlersignatur prangt am unteren linken Rand das Siegel des Türkischen Präsidenten, Recep Tayyip Erdogan. Der Auftrag für die Plakate kam offenbar von ganz oben.

Unzeitgemäße Montagetechnik und Comic-Ästhetik

"Mit den Plakaten soll eine Bilderschlacht gewonnen werden", sagt Peter Krieger, der als Professor an der mexikanischen Nationaluniversität in Mexiko-Stadt und am Hamburger Warburg Institut zu politischer Ikonographie forscht. "Die Bilder sollen Erinnerungen an eine krisengeprägte Zeit stabilisieren", stellt der Bildwissenschaftler fest. Einige Motive dieser Serie stechen ihm besonders ins Auge: Bilder, die aufgrund ihrer eigentümlichen Darstellungsweise besonders irritierend und auch unzeitgemäß wirkten. Sie seien von einer Montagetechnik geprägt, die sowohl fotorealistische, als auch Elemente der Comic-Kunst vereinten.

Kampf der Bilder

Insignien der Revolution bestimmen die Szene, die sich auf dem Taksim-Platz in Istanbul abspielt. Im Hintergrund: das Denkmal der Republik.

Das erste Motiv zeigt eine Szene, die sich auf dem Taksim Platz in Istanbul ereignet haben soll, unweit von der Stelle, an der die Gezi-Park-Proteste im Jahr 2013 ihren Lauf nahmen. Krieger bemerkt Symbole der Revolution und des Patriotismus, die hier ins Bild gesetzt werden – Zeichen, die für jedermann als Handlungsanweisung verständlich seien. Da lenkt eine Frau mit Kopftuch einen mächtigen roten LKW, eine andere weibliche Person mit rotem Band um den Kopf, schwenkt mit energischer Geste die türkische Flagge. Durch die signalrote Farbe, die im Bild dominiert, stechen die patriotischen Insignien mehr als deutlich hervor. "Dieses kämpferische Motiv ist auch schon aus Darstellungen der Französischen Revolution bekannt", sagt Krieger.

Kampf der Bilder

Auf einem Flugfeld in der Nähe von Ankara versuchen Menschen den Abflug der militärischen Maschinen zu verhindern. "Die Plakate wirken völlig unzeitgemäß", bermekt Peter Krieger.

Auf einem weiteren Plakat sind einzelne Figuren in einen Hintergrund eingebettet, der durch die einheitliche Bearbeitung mit einem Fotofilter einer Theaterkulisse gleicht. "Die Plakate wirken völlig anachronistisch, wie aus einer anderen Zeit", sagt Krieger. "Gefährte, Flugzeuge, Gebäude und Fahnen scheinen stark manipuliert oder überhaupt erst zeichnerisch erschaffen. Dagegen wirken einzelne Personen und Gesichter auf den Plakaten kaum bearbeitet, ihre Umrisse erscheinen sogar auffällig realistisch". Da verwundert es nicht, dass sich bereits kurz nach Veröffentlichung der Plakate Personen zu Wort meldeten, die ihre eigenen Gesichter auf den Bildern zu erkennen glaubten. Auch Kriegsfotografien des US-amerikanischen Fotografen David Turnley wurden offenbar in den Darstellungen verarbeitet.

Dem breiten Publikum, für das die Bilder bestimmt sind, soll die Möglichkeit gegeben werden, sich mit den abgebildeten Personen zu identifizieren. Krieger weist auf den anonymen Schatten am linken Rand eines dritten Plakates hin. Er versetze den Betrachter ins Bild und lasse ihn selbst zum Opfer eines schießenden Soldaten werden.

Kampf der Bilder

Jenseits von Gut und Böse: Ein Schatten am linken Rand versetzt den Betrachter ins Geschehen.

Wer als Passant auf die signalfarbenen Poster trifft, schaut in untersichtiger Perspektive auf Szenen, in denen Menschen eine undurchdringliche Mauer bilden, auf Autos klettern, den Horizont verdecken. "So kommen auch hier Muster zum tragen, die man aus historischen Plakaten kennt", stellt Krieger fest. "Das ist propagandistisch schon geschickt gemacht."

»Es ist ein Versuch, Erinnerungen zu kontrollieren.«

Die Plakate kennen nur Helden und Täter, sie kennen Gut und Böse. "Mit diesen Darstellungen gelingt die Reduktion eines komplexen politischen Sachverhaltes auf eine einfache Heldennarration", resümiert Krieger. "Es ist ein Versuch, Erinnerungen zu kontrollieren." Und die Botschaft ist eindeutig: "Ihr, das Volk, schreibt hier Geschichte!". Da wird der Raum für kritische Positionen plötzlich ganz klein.

Inzwischen sind die Plakate wieder verschwunden. Die türkische Regierung plant aber bereits den nächsten Schritt um die Deutungshoheit über den Putschversuch dauerhaft in ihren Händen zu behalten. Außerhalb von Ankara soll auf über 10 000 Quadratmetern Fläche ein eigenes Museum zum Putschversuch entstehen. Eröffnen soll es am 15. Juli 2018.