Doku über Sängerin Chavela Vargas

Fridas Geliebte

Ein Geheimnis ist Frida Kahlos Bisexualität nicht. Der gerne auch männliche Kleidung tragenden Gattin von Diego Rivera wurden Affären mit den Schauspielerinnen Dolores del Rio, Paulette Goddard, Maria Felix und auch der Malerin Georgia O´Keeffe nachgesagt. Ihr Bild "Zwei Akte im Wald" von 1939 zeigte gar offen ein nacktes weibliches Liebespaar. Auch die Beziehung zu der mexikanischen Sängerin Chavela Vargas lebte Kahlo unter Verzicht auf Versteckspiele, wie der Dokumentarfilm "Chavela" gerade mit selten gezeigten und freizügigen Aufnahmen beweist.
Fridas Geliebte

Ausgelassener Moment: Frida Kahlo und Chavela Vargas

"Sie war wie eine Vision. Wenn ich ihr Gesicht sah, ihre Augen, dachte ich, sie wäre aus einer anderen Welt", so erinnert sich Chavela Vargas rückblickend aus dem Off an ihre erste Begegnung mit Frida Kahlo auf einer ausgelassenen Party. Was danach folgt, ist ein von ihrem Liebesgesang begleiteter Foto- und Filmfluss der mal selbstbewusst, mal verträumt die Kamera fixierenden Kahlo. Man sieht das Paar 1945 lachend auf einem Bett liegen.

Seltene Filmaufnahmen von Frida Kahlo

Der Fotograf Nickolas Muray fängt den ausgelassenen Moment aus der Vogelperspektive ein. Dann ein junges Mädchen auf einem Balkon, zu dem sich die Kahlo komplizenhaft gesellt, um es in den Raum reinzuholen und die Türen vor den von außen eindringenden Blicken zu verschließen. Farb- und Schwarzmaterial wechselt sich geschmeidig ab, gelegentlich läuft Diego Rivera durchs Bild und dann der Schock: die nackte Kahlo flicht Stoffstreifen in ihre langen Haare, ihr schlanker Oberkörper ist frei von Narben, der Blick geisterhaft abwesend, als wäre sie tatsächlich eine alienhaft geschlechtslose Erscheinung von einem fremden Planeten.

Physische und psychische Wunden
Als sie sich lieben lernten, galt Diego Rivera als der berühmteste Maler Mexikos. Frida Kahlo ging noch zur Schule. Aber die Rollen wandelten sich in 25 stürmischen Jahren der Ehe. Als Frida
 starb, war sie der Star – und sie ist es bis heute geblieben

Bereits für diesen kurzen Abschnitt lohnt die Filmreise in ein Mexiko, das offenbar nicht nur ikonisch unkonventionelle Frauenfiguren wie Frida Kahlo oder Tina Modotti zu bieten hat. Auch die Sängerin Chavela, denn um die geht es eigentlich in dem gleichnamigen Film von Catherine Gund und Daresha Kyi, überrascht mit einer ihrer Zeit vorauseilenden Modernität, die man in dem Macho-Land nicht auf Anhieb erwartet hätte. Sie sang noch auf der Bühne über Einsamkeit und das Ende der Liebe als andere längst ein tristes Wartezeitdasein in einem Altersheim fristeten. Chavela ist 93 Jahre alt geworden und ihr traurig berauschendes Leben gibt Stoff für gleich mehrere Melodramen, vorausgesetzt man akzeptiert eine Zigarren und Pistolen liebende, Männerkleider tragende, literweise Tequila trinkende Heldin, die als erste Mexikanerin in ihren Rancheras, einem ausschließlich den Männern vorbehaltenen Schmachtgenre, schmerzerfüllt und mit großer Expressivität über ihre Frauenaffären Auskunft gab.

Chavelas eroberte nicht nur das Herz einer Frida Kahlo

Fridas Geliebte

"Liebe ist flüchtig und kurz.": Die mexikanische Sängerin Chavela Vargas

Ihre Präsenz war so gewaltig, dass sie selbst von José Alfredo Jiménez, dem stilbildenden Sänger und Komponisten, als Bühnenpartnerin akzeptiert wurde, wenn auch nur im Vorprogramm. Was auch daran liegen mag, dass sie in jungen Jahren ihre feminine Seite durchaus auszuspielen wusste. Als elegante Schönheit eroberte die Womanizerin nicht nur das Herz einer Frida Kahlo. Immerhin ein Jahr lang währte die Affäre. In der ohnehin vor faszinierenden Archivaufnahmen überquellenden ersten Hälfte des Filmporträts wird diese romantiktaugliche Begegnung zum Glück von den abgeklärten Kommentaren Chavelas geerdet, die sich schon früh bewusst war, dass ihre Amouren nicht von langer Dauer sein konnten. Dafür war der Druck der misogynen Männer-Gesellschaft zu groß und ein Flirt mit einer Lesbe nur als kurze Episode akzeptierbar. "Wir müssen alle in der Gegenwart leben", sagt sie einmal mit regungslosen Gesicht. "An ewige Liebe glaube ich nicht. Liebe ist flüchtig und kurz. Sie zu vergessen dauert länger."

In den Fünzigern durchlebte Chavela in Acapulco zwischen eigenen Auftritten und nicht abreißenden Partys ihre schillerndste Zeit. Hollywood-Stars wie Elisabeth Taylor, Rock Hudson, Lana Turner oder Clark Gable verunsicherten hier die teuren Hotelanlagen und nach einer durchzechten Nacht wachte Chavela nach eigenen Angaben auch mal neben einer Ava Gardner auf. Die Gattinnen von Politikern und Intellektuellen rissen sich nach einem Seitensprung mit ihr. Es blieb jedoch stets bei den diskreten Blitz-Eroberungen, denn in die Öffentlichkeit durfte keines der Verhältnisse mit den namhaften Damen, die einen Ruf zu verlieren hatten, kommen. Es dauerte Jahrzehnte bis Chavela, jetzt schon im hohen Alter, das Wörtchen "lesbisch" oder "homosexuell" vor Kameras in den Mund nehmen konnte. Da hatte sie bereits nach langer Auszeit, finanziellen Abstürzen und überwundener Alkoholabhängigkeit ihr Comeback gefeiert und vor allem in Madrid dank der Verehrung durch Pedro Almodóvar eine veritable neue Fan-Gemeinde aufgebaut.

Trailer von "Chavelas"

Die zweite Filmhälfte beschränkt sich auf einen ausufernden Mix aus Bühnenaufnahmen und Interviews mit der alternden, zunehmend maskuliner erscheinenden Chavela und ihrem trotz bösartiger zwischenmenschlicher Entgleisungen stets treu bleibenden Umfeld, das immer wieder betont, wie wichtig sie für die lesbische Community Mexikos war und immer noch ist.

Fridas Geliebte

"Chavela", ein Dokumentarfilm von Catherine Gund und Daresha Kyi, USA 2017, 90 Minuten

Eigentlich schade, dass ihre Filmauftritte in Werner Herzogs "Schrei aus Stein" oder der Hollywood-Produktion "Frida" ausgespart bleiben. Dafür darf Pedro Almodóvar ausführlich die Soundtrack-Lieferantin seiner Filme mit Bewunderungsoden über ihre Kunst überschütten.

Das schadet der Dokumentation aber keineswegs, denn auch die Schilderung ihrer schwierigen Seiten kommt nicht gerade zu kurz. Eine ausgewogene, alle Facetten ausleuchtende Annäherung an eine "Mannsfrau", die nicht zuletzt auch in ein von Bohemiens aller couleur ersehntes vergangenes Mexico entführt, das es so längst nicht mehr gibt.

Der Film "Chavelas" läuft seit Donnerstag, 17. August, in den deutschen Kinos.

Frida Kahlo auf einem Foto von Guillermo Kahlo
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