Unser e.V.

Berliner Kunstverein in Münster

Unser e.V. – Berliner Kunstverein in Münster
Gebäude des Berliner Kunstvereins (Außenansicht), Architekt: Robert Porth, 2009 (Courtesy Berliner Kunstverein in Münster)

UNSER E.V. – BERLINER KUNSTVEREIN IN MÜNSTER

In unserer Serie "Unser e.V." stellen wir Ihnen jede Woche einen neuen Kunstverein vor. Diesmal: zehn Fragen an Oliver Breitenstein, Direktor des Berliner Kunstvereins in Münster.
// ERIK STEIN

Herr Breitenstein, über welche Ausstellung wurde am meisten gestritten? Und warum?

Die Intervention des Kommandos Kunstpolizei "Paul Wulf Platz". Dabei ging es um zwei Sachverhalte, die leider nicht immer voneinander entkoppelt betrachtet werden konnten. Zum einen, und das ist das eigentliche Werk, welches leider im Disput ein wenig unterging, die Umbenennung des Hindenburg-Platzes (der an zentraler Stelle vor dem Schloss liegt) in Paul-Wulf-Platz.

So sollte eine Verschiebung weg vom Steigbügelhalter Adolf Hiltlers hin zu einem Opfer des NS-Terrorregimes hin erreicht werden, dessen besondere Verdienste um die Anerkennung der Zwangssterilisierten als Opfer des Terrors liegen und die damit besonders gewürdigt würden. Diese Geste verschwand leider hinter der Diskussion um die ästhetischen Bedenken, welche das Kommando Kunstpolizei gegenüber Silke Wagners Paul-Wulf-Skulptur "Geschichte von Unten" geäußert hatte. Was nun zu einem Aufbegehren des gutmenschlichen Blocks führte und zur Folge hatte, dass die ironische Tonart der ganzen Aktion im polyphonischen Gespräch nur von einigen wenigen gehört wurde. Aber Kunst ist halt eine elitäre Angelegenheit.

Und welches war Ihre bestbesuchte Ausstellung?

"Der Berliner Kunstverein stellt sich vor". Auf einem Viertelfest positionierte sich der Berliner Kunstverein in einem öffentlichen Park, zwischen Flohmarktständen und künstlerischen Kleinkunstdarbietungen diverser Trommelgruppen und Karatevorführungen. Gezeigt wurde dabei Tom Korns Lidl-Liebe-Transformation – eine Velourteppichcollage, die das Logo des Discounters in Liebe umwandelt. Die logografische Liebe wurde – und das ist im Rahmen eines Volksfestes erstaunlich – an eine Liebhaberin verkauft, und das zu einem kunstmarktähnlichen Preis.

Wenn Sie eine eigene Sammlung haben: Wo liegt der Schwerpunkt?

Unsere Sammlung ist rhizomatisch aufgebaut und gruppiert sich daher um kein Zentrum. Es gibt sogar aktuelle Positionen zur Malerei in ihr.

Welche Künstler würden Sie gerne einmal ausstellen?

Ai Wei Wei oder Sigmar Polke.

Wohin führte Sie die letzte gemeinsame Mitgliederreise?

In die Galerie Umrieb nach Kiel, wo der Kurator und der Direktor eine translokative Auraoperation bei Yves Klein durchführten. Gemeinsam mit Ruppe Koselleck hatte ich zuvor im Gelsenkirchener Musiktheater mittels telekinetischer Methoden Yves Kleins verstaubte Aura abgesaugt und auf physikalische Trägersubstanzen (einen Zeichenblock) transferiert. Die Techniken der translokativen Aurachirurgie wurden in der Galerie Umtrieb mittels Einsatz von Kaffeemaschinen, Brandbeschleunigern und performativer Telekinese in Einweckgläsern erprobt.

Was war die bislang höchste Spende?

Wiederholte Male 25 Cent, in Form einer unbewusst gespendeten Pfandflasche die der Kurator in harter Schwimmarbeit aus dem Dortmund-Ems-Kanal fischte und die zur Einrichtung und Erhaltung des Förderpreises "Ich bin ein Kunstspießer" verwendet werden. Auf einem Video bei YouTube kann man den Kurator beim Einsammeln der Spenden beobachten. Die Spendenhöhe korrespondiert mit dem Wetter. Je mehr Sonne, desto mehr im Kanal umhertreibende Pfandflaschen, die dann als umhertreibendes "Kanalkapital" den Berliner Kunstverein ganz formidabel unterstützen.

Kurator Ruppe Koselleck bei der Kapitalbeschaffung

Was würden Sie Ihrem Verein generell wünschen?

Als unabhängiger Verein trotz der prekären Situation des Vereines und der Mitglieder weiter existieren zu können, um aktiv den künstlerischen Positionen des Ordnungsamtes mit ungenehmigten Ausstellungen im öffentlichen Raum zu begegnen. Wobei diese sich nicht unbedingt als solche oder Kunst zu erkennen geben.

Wenn Sie kein Kunstverein wären, was für ein Verein wären Sie dann?

Wahrscheinlich ein illegaler Glückspielverein, in dem sich die Mitglieder dem Rauchen von Montechristos und dem Konsum von Singlemalt und Sex hingeben.

Wo sehen Sie den Verein in den nächsten zehn Jahren?

An der Börse oder in der JVA.

Drei Gründe, bei Ihnen Mitglied zu werden?

1. Freude an DIY-Institutionen. 2. Freude an postmodernen Erzählstrategien. 3. Freude an kultureller Teilhabe.

Zahlen, bitte: Gründungsjahr: 2009. Mitgliederzahl: 2. Altersdurchschnitt: 43. Jahresbeitrag: 50 Euro. Ausstellungsfläche: Bundesweit und flächendeckend. Jahresbudget: Wachsend. Leitung: Oliver Breitenstein und Ruppe Koselleck. Nächste Ausstellung: Tassilo Sturm: "Vogelnest" und Kazoto Shinto: "Kill Hansi" – Hinrichtung zweier Eichhörnchenplastiken mittels gewöhnlicher Golfbälle auf einer öffentlichen Wiese.

Aktuelle Ausstellung: Susanne von Bülows "Zuckertorso"

Auf einer Plakatwand unter einer Brücke am Ring in Münster und in Bielefeld

http://www.berliner-kunstverein.com

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