25 Jahre Bundeskunsthalle

Pharaonengrab in der Provinz

Sie sollte die zentrale Ausstellungshalle der Deutschen sein und war deshalb von Anfang an umstritten. Zwischendurch drohte die Bonner Bundeskunsthalle sogar zur Skandalbude zu verkommen. Warum sie trotzdem eine Erfolgsgeschichte ist.
Pharaonengrab in der Provinz

Architekt Gustav Peichl diskutiert mit Bundeskanzler Helmut Kohl am 17. Juni 1992, dem Eröffnungstag, auf dem Dach der Bundeskunsthalle über die Skulpturen der französischen Künstlerin Nikki de Saint Phalle.

Schon 1949 wurde in Bonn die Idee einer Ausstellungshalle der jungen Bundesrepublik geboren. 120 geladene Künstler überlegten, wie dieser Transitraum des permanenten kulturellen Austausches aussehen könnte, doch erst 1977 rang sich die Bundesregierung zu einer vagen Absichtserklärung für ein "geistig-kulturelles Zentrum" durch. Am 17. Oktober 1989 wurde dann tatsächlich an der als "Diplomatenrennbahn" verspotteten Bonner Bundestraße 9 der Grundstein für die Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland gelegt – fünf Wochen später löste sich die deutsch-deutsche Grenze auf und die Bonner Republik war Geschichte. Im Grunde fiel die Mauer früh genug, um den Grundstein wieder auszugraben und in Berlin neu zu verbuddeln. Stattdessen blieb die Bundeskunsthalle als besonders prächtiger Trostpreis für die ausgediente Hauptstadt in der rheinischen Provinz zurück.

Pharaonengrab in der Provinz

Prestigebau an der Bonner Bundestraße 9: Der Entwurf für die Bundeskunsthalle stammt vom österreichischen Architekten Gustav Peichl

Am 19. Juni 2017 feiert die Bonner Bundeskunsthalle ihr 25-jähriges Bestehen – ein durchaus respektables Alter für ein umstrittenes Prestigeprojekt, auf dessen üppigen Etat einige Berliner Ausstellungshäuser begierig schielen sollen. Jährlich steuert die Bundesregierung 16 Millionen Euro zu den Kosten bei und erwartet als Gegenleistung dafür, dass der vom österreichischen Architekten Gustav Peichl entworfene Riesenbau nicht nur regelmäßig voll ist, sondern auch Maßstäbe in der internationalen Kulturvermittlung setzt. Als der damalige Intendant Robert Fleck für das Jahr 2010 nur 350 000 Besucher nachweisen konnte, war das eine mittlere Katastrophe – so viele Menschen hatte zwei Jahre zuvor allein die Ausstellung "Ägyptens versunkene Schätze" gesehen.

Immer wieder wurde das Haus angefeindet

Als Haus ohne Sammlung war die Bundeskunsthalle stets auf ihren Einfallsreichtum angewiesen – und fand ihr Heil rasch in einer von vielen Kritikern argwöhnisch beäugten Mischkalkulation: Mit archäologischen Blockbusterausstellungen wie "Tutanchamum", die 2005 mit 866 812 Besuchern eine interne Rekordmarke setzte, und Gastspielen großer Sammlungen – die New Yorker Guggenheim Collection im Jahr 2006, das Londoner Victoria & Albert Museum im Jahr 2012 – finanzierte die Bundeskunsthalle Einzelausstellungen deutscher Gegenwartskünstler wie Sigmar Polke, Thomas Schütte oder Gregor Schneider quer. Immer wieder wird das Haus auch wegen seines erweiterten Kunstbegriffs angefeindet; doch kulturhistorische Ausstellungen zu Romy Schneider, zur "Faszination Weltraum" oder zur Geschichte des Rheins sind durch das staatliche Leitbild der Bundeskunsthalle ausdrücklich gedeckt. 

Die Bundeskunsthalle ist per Definition ein Gemischtwarenladen – und jeder der bisherigen Intendanten hat gelernt, dass er es nie allen recht machen kann. Trotzdem ist die Zahl derer, die in den letzten 25 Jahren vorzeitig gehen mussten, erstaunlich hoch: Wenzel Jacob wurden 2007 finanzielle Tricksereien nachgewiesen, Robert Fleck stolperte darüber, dass er 2012 eine Anselm-Kiefer-Ausstellung ausschließlich mit Werken aus der Sammlung Hans Grothe bestückte und sich so dem Verdacht aussetzte, mit staatlichen Mitteln an der Wertsteigerung einer Privatsammlung mitzuwirken.

Für Bonn ist das Haus ein Segen

Pharaonengrab in der Provinz

Intendant Rein Wolfs brachte die Bundeskunsthalle wieder in die Spur

Eine Skandalbude ist die Bundeskunsthalle deswegen allerdings noch lange nicht: Unter dem aktuellen Intendanten Rein Wolfs arbeitet das Haus wieder absolut solide, auch wenn nicht jede Ausstellung höchsten oder auch nur höheren Ansprüchen genügt. Ein Blick auf das aktuelle Ausstellungsangebot zeigt aber die Stärke des Bonner Gemischtwarenprinzips: Für eine Tageskarte eröffnen sich dem Besucher so unterschiedliche Welten wie die des Comics, der persischen Kulturgeschichte sowie der Künstlerinnen Katharina Sieverding und Aleksandra Domanović. Wobei die relativ unbekannte Domanović die Ausnahme zur Regel ist. Für Entdeckungen ist die Bundeskunsthalle eigentlich nicht zuständig; sie stellt kunst- und kulturhistorisch abgesicherte Positionen im großen Maßstab vor.

Bleibt die Grundsatzfrage: Was hat die zentrale Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland bald 28 Jahre nach dem Mauerfall in der Bonner Provinz verloren? Eine gute Antwort liegt im Prinzip des deutschen Kulturföderalismus und in der simplen Gegenfrage, wozu die Museumsinsel Berlin eine Bundeskunsthalle braucht. Für Bonn ist das Haus andererseits ein Segen und für den Rest der Republik ein Gewinn. Und da Gustav Peichls imposantes, an ein Pharaonengrab erinnerndes Museum schon einmal steht, sollte man es auch nutzen. Die Gelegenheit, den Grundstein wieder auszugraben, ist jedenfalls vorbei. 

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