Unser e.V.

Kunstverein Weiden

Unser e.V. – Kunstverein Weiden
Projekt Standpunkte Landeplätze: "Himmelsleiter", Vaclav Mandelik, 2008

UNSER E.V. – KUNSTVEREIN WEIDEN

In Deutschland existiert eine weltweit einmalige Landschaft von über 250 Kunstvereinen, die sich der Vermittlung zeitgenössischer Kunst verschrieben haben. Wir stellen Ihnen jede Woche einen neuen Kunstverein vor. Diesmal: zehn Fragen an den Vorstand des Kunstvereins Weiden.
// SARAH OMAR

Über welche Ausstellung wurde am meisten gestritten? Und warum?

Ausstellungen waren bislang keine Streitpunkte. Lediglich über die Menge der Veranstaltungen war man sich nicht immer einig. Da gab es auch Projekte im öffentlichen Raum und interdisziplinäre Aktionen, und ein jährlicher Mix von 20 solcher Aktivitäten in der Pionierzeit des Vereins stieß trotz des wachsenden Ansehens intern auf Kritik. Wo die einen Visionen hatten und Optionen sahen, die man nicht ungenützt verstreichen lassen dürfe, sahen die anderen Workaholismus und Selbstausbeutung.

Bei dem Projekt "Standpunkte-Landeplätze" in den Jahren 2007/08, stießen die Fronten besonders hart aufeinander. Es war ein zwölfteiliges Skulpturenprojekt quer durch den oberpfälzisch-tschechischen Grenzraum. Es führte die Verantwortlichen an den Rand der Belastbarkeit, gab aber der Oberpfalz als zusammenhängendem Kunstraum Gestalt und gewann im Rahmen des Projekts "Kunsträume Bayern 2008", das der AK gemeinsame Kulturarbeit bayrischer Städte durchführte, größere Beachtung.

Schließlich gab es auch längere Auseinandersetzungen über einen neuen Typ Ausstellung, der vor vier Jahren eingeführt wurde. Eine jährliche Mitgliederausstellung stand zur Debatte. Nun darf es unter dem Gesichtspunkt des Vereinslebens seit 2005 "Passt!" heißen, wenn die berufs- beziehungsweise amateurmäßig aktiven Vereinsmitglieder kurz vor Weihnachten juryfrei ihre Kunstwerke hängen, ein nonverbales Kommunikationsfeld entsteht, in dem die unterschiedlichsten Bildsprachen das Sagen haben, wie ihnen die Schnäbel gewachsen ist.

Und welches war Ihre bestbesuchte Ausstellung?

Der Ausstellungserfolg hängt in einer mittelgroßen Stadt wie Weiden stark von der Lage des Ausstellungsortes ab. Selbst Ausstellungen wie "40 Jahre Fluxus" oder "amerikanische Kunst aus der Sammlung Götz" haben im Kunstverein keine wirklich überragenden Besucherzahlen erzielt. Die Ausstellungen dagegen, die der Kunstverein für die Stadt Weiden im Neuen Rathaus kuratierte, erlebten dort an Werk- und Feiertagen starken Zuspruch. Zu den Arbeiten von Franz Erhard Walther oder Fritz Schwegler, die in einem eigenen Ausstellungsraum präsentiert wurden, kamen innerhalb von fünf Wochen vier- bis fünftausend Besucher.

Wenn Sie eine eigene Sammlung haben: Wo liegt der Schwerpunkt?

Seit 1999 führt der Kunstverein Weiden ein Förderprogramm für örtliche und regionale Nachwuchskünstler/ -küntlerinnen durch. Auch Studenten und Studentinnen aus den Kunsthochschulen Prag und Nürnberg stehen mit diesem Programm in Verbindung. In diesem Zusammenhang bleiben immer wieder Arbeiten im Lager des Kunstvereins zurück und bilden den Grundstock einer möglichen Sammlung, für die bislang allerdings das Kapital fehlt. Überlegungen gehen dahin, zukünftig in Kooperation mit der Stadt Weiden eine Sammlung "Junger Kunst" anzulegen.

Welche Künstler würden Sie gerne einmal ausstellen?

Buren, Call, Clegg & Guttmann, Fritsch, Heldt, Hockney, Hödicke, Iannone, Lassnig, Polke, Rist, Tiravanja, Umberg, Viola, Wols, Wochenklausur, Zobernig. Träume & Schäume. Generell interessieren wir uns über die künstlerische Einzelposition hinaus für spannende Ideengefüge, die Gegenüberstellung unterschiedlicher Sichtweisen. Dabei überschreiten wir gerne die Grenzen herkömmlicher Kunstpräsentation.

Wohin führte Sie die letzte gemeinsame Reise?

Reisen fanden bisher immer im kleinen Kreis statt und dienten dem Kunsttransport. So gab es im April eine Reise nach Bochum, dort haben wir mit der Galerie "m" zusammengearbeitet (Fotografien von Dirk Reinartz). Bei dieser Gelegenheit konnte das Gebäudeensemble "Situation Kunst" besichtigt werden. Die letzte Reise führte im Mai nach Prag. Anlässlich des 15 jährigen Bestehens des Kunstvereins besuchten wir unsere "Künstler der ersten Stunde" in ihren Ateliers und stellten zum Jubiläum eine Ausstellung mit Arbeiten von Cisarovsky, Merta, Nikl und Strizek zusammen.

Was war die bislang höchste Spende?

Die bislang höchste Spende war eine Sachspende im Wert von rund 10 000 Euro, sie wurde im Rahmen des Skulpturenprojektes "Standpunkte-Landeplätze" von einem Bauunternehmer aus dem bayerischen Wald getätigt, dieser war von der skulpturalen Idee eines der beteiligten Studenten so überzeugt, dass er die gesamten Baukosten und Arbeiten übernahm. Es handelt sich um einen hölzernen Aussichtssteg, der auf den Dorfsee hinausragt.

Was würden Sie Ihrem Verein generell wünschen?

Ein Ende der Konkurrenzsituation mit der örtlichen (z.T. Amateur-)Künstler-Vereinigung, eine verbesserte Zusammenarbeit mit der Stadt, Sponsoren, die den Zusammenhang von Kunst + (=) Kapital (Beuys) begreifen, und, dass der Humor nicht verloren geht. Mehr Initiative bezüglich des Vereinslebens, um mit dem Faktor Lebensqualität auch die weniger hart gekochten Kunstfreaks zu erreichen.

Wenn Sie kein Kunstverein wären, was für ein Verein wären Sie dann?

Ein Verein zur Entwicklung mainstreamferner Erlebniskultur.

Wo sehen Sie den Verein in den nächsten zehn Jahren?

Vieles an dem Verein steht und fällt mit dem Einsatz bestimmter Personen; die Struktur, die bei wechselndem Personal eigenständig bestehen könnte, existiert noch nicht. Dabei sind im Zusammenhang mit unserer besonderen Lage im deutsch-tschechischen Grenzland Programmlinien und Kooperationen entstanden, die über den Tag hinaus zur Gestaltung auffordern. Nur auf der Basis des idealistischen Engagements einzelner, ohne Kooperation mit der Stadt, in der unsere bisher erwirtschafteten Potenziale in die Form einer städtischen Galerie, eines städtischen Kunstmuseums oder einer entsprechenden Konstruktion gebracht werden könnten, wird sich das relativ hohe Niveau unserer Arbeit nicht halten lassen.

Drei Gründe, bei Ihnen Mitglied zu werden?

Sie sind Pionier. Seit der Wende 1989 ist die Region Oberpfalz am ehemaligen Eisernen Vorhang aus einer geopolitischen Randlage in die Mittellage gekommen. Die Suche nach einer neuen Identität stellt sich nach wie vor in allen Lebensbereichen. Das gilt auch für die Kunst. Der künstlerischen Fantasie, die kollektive Symbole stiftet, sind Tür und Tor geöffnet, als Mitglied des Kunstvereins ist man hier Pionier, der an der Bildung kollektiver geistiger Strömungen mitwirkt.

Sie fördern und erhalten Lebensqualität. Weiden ist eine Mittelstadt im vorwiegend ländlichen Raum, der Kunstverein schließt die Stadt auf überregionalem Niveau an die allgemeine Kunstwelt an, er schafft die Möglichkeit, sich täglich mit qualitätvoller Kunst auseinanderzusetzen und das allgemeine geistige Anregungsklima zu steigern. Das kommt allen Lebensbereichen zugute.

Sie können subversiv und doch Lokalpatriot sein. Wer den Kunstverein durch seine Mitgliedschaft unterstützt, trägt auch zum Image seiner Stadt bei, er stärkt die weichen Standortfaktoren, er fügt dem Weidener Kulturleben durch die intellektuell auch provozierenden Beiträge des Kunstvereins (Ausstellung mit elf Meter Blutwand von Herrmann Nitsch) wesentliche Akzente bei.

Zahlen, bitte: Gründungsjahr: 1993. Leitung: Silke Winkler, erste Vorsitzende; Wolfgang Herzer, zweiter Vorsitzender. Mitgliederzahl: 180. Altersdurchschnitt: 40. Jahresbeitrag: 12,50 Euro für Schüler und Studenten, 25 Euro für andere. Ausstellungsfläche: 300 Quadratmeter. Jahresbudget: 40 000 bis 50 000 Euro.

"Künstler der ersten Stunde" - Tomas Cisarovsky, Jan Merta, Petr Nikl und Antonin Strizek

Termin: Vom 19.Juli bis 19. August 2009, Kunstverein Weiden, Ledererstr. 6, Weiden

http://www.kunstvereinweiden.de

Kommentieren Sie diesen Artikel

0 Leserkommentare vorhanden

Abo