Chris Dercon und die Volksbühne

"Wir haben eine Chance verdient!"

Was Chris Dercon an Attacken von Ensemblemitgliedern der Volksbühne und ihren Sympathisanten in Politik und Presse ertragen musste, ist ohne Vergleich. Deswegen überraschte, mit welcher Gelassenheit der Belgier gestern sein geplantes Programm vorstellte. Anrührend war die Präsentation vor allem wegen einer Bitte.
"Wir haben eine Chance verdient!"

Chris Dercon, der derzeit angefeindetste Kulturmanager Deutschlands, präsentierte im ehemaligen Flughafen Gebäude Tempelhof gestern sein Programm für die Berliner Volksbühne.

Erst nach zwei Stunden, als die Hälfte der Journalisten die Spielzeitkonferenz von Chris Dercon im ehemaligen Flughafenrestaurant Tempelhof bereits verlassen hatte, wurde der neue Intendant der Berliner Volksbühne kurz doch etwas wütend. "Herr Lederer hat es uns sehr schwer gemacht", antwortet der vermutlich angefeindetste Kulturmanager Deutschlands gereizt auf die wiederholte Nachfrage, warum er demnächst ein Theater leite, aber dafür kein Ensemble hat.

"Herr Lederer", das ist der neue Berliner Kultursenator von der Partei "Die Linke". Und der hatte aus sentimentaler Verbundenheit zu der aufregendsten Bühne Deutschlands nach dem Mauerfall seine ganze demokratische Fürsorge vergessen. Schon vor seinem Amtsantritt im letzten Dezember erklärte Lederer, er wolle den Intendantenvertrag mit Chris Dercon noch einmal auf den Prüfstand stellen. Mit dieser verunsichernden Ansage, so Dercon, war es unmöglich, irgendwelche Schauspieler fest in sein Ensemble zu locken.

Lederer will Dercon-Berufung überprüfen
Die umstrittene Berufung des belgischen Museumsmanagers Chris Dercon zum neuen Intendanten der Berliner Volksbühne kommt unter dem neuen rot-rot-grünen Senat nochmals auf den Prüfstand.

Dass der von der britischen Kunstinstitution Tate Modern gekommene Nachfolger von Frank Castorf so lange überhaupt seine nervös erwartete Programmvorschau mit Gelassenheit absolvierte, grenzt eigentlich an emotionaler Selbstverleugnung. Denn was der freundliche Belgier an Attacken von Teilen der bisherigen Besatzung der Volksbühne und ihren Sympathisanten in Politik und Presse ertragen musste, hätte weniger stoische Gemüter längst mürbe geschossen.

Recht unverholen wurde gefordert, Dercon auf den Mond zu schießen.

Oft ohne die geringste Kenntnis von Chris Dercons Vita und Standpunkten wurde öffentlich das Bild eines neoliberalen Kulturmanagers gezeichnet, der alles, was die berühmte Ost-Bühne in den letzten 25 Jahren unter Frank Castorf an Schärfe und intellektuellen Kunstformen entwickelt hat, durch banales Event-Larifari ersetzen wolle. "Dieser Wechsel steht für historische Nivellierung und Schleifung von Identität" sowie für eine "global verbreitete Konsenskultur mit einheitlichen Darstellungs- und Verkaufsmustern", hieß es in einem offenen Brief der Volksbühne 2016 an den Berliner Senat, in dem recht unverholen gefordert wurde, Dercon auf den Mond zu schießen.

Meuterei auf der Volksbühne
Noch bevor Chris Dercon, ehemaliger Leiter der Tate Modern, sein Amt als neuer Intendant der Berliner Volksbühne antreten konnte regt sich heftige Kritik am Haus: »Dieser Intendantenwechsel ist keine freundliche Übernahme«, heißt es

Das Erstaunlichste an dieser über zwei Jahren hysterisch geführten Debatte, ob ein Kunstkurator eine Theaterbühne – und speziell diese, die Volksbühne – leiten dürfe, ist eigentlich der Zeitpunkt. In aller Welt wird "das Performative" gerade zum Jungbrunnen der Kunst erklärt. Documenta, Biennalen oder die Skulptur Projekte in Münster forcieren die Verbindung von darstellender und bildender Kunst als ideale Form der ästhetischen Einmischung. Gleichzeitig feiert im Theater eine Generation von jungen Regisseurinnen und Regisseuren große Erfolge, die wichtige Inspirationen aus der Kunstgeschichte bezieht. Nur in Berlin behackt sich eine Theaterclique und eine Kunsttruppe mit Kopfnüssen, als ginge es um Terrainstreitigkeiten zwischen Moschusochsen.

Auch Chris Dercon hatte in diesem egomanischen Kunstbetrieb keine passende Sprache gefunden

Dass der Heimatkampf von Frank Castorfs Weggenossen, die teilweise ähnlich lange dem Haus verbunden sind wie der scheidende Intendant, vor allem auf Diffamierungen, Unterstellungen und undemokratischen Selbstbehauptungen basierte, ließ auch die besten Argumente gegen Chris Dercons Neudefinition der Volksbühne irgendwann wie greise Selbstgefälligkeit erscheinen. Vor allem der arrogante Gestus der Behauptung, dass alle Kulturinstitutionen regelmäßig Führungswechsel ertragen müssten, nur die Berliner Volksbühne bitte nicht, verscherzte den oft despotisch auftretenden Identitätsbewahrern am Rosa-Luxemburg-Platz manche Sympathien.

Aber auch Dercon hatte nach seiner Berufung in naiver Unterschätzung der Stimmungslage in diesem egomanischen Kunstbetrieb keine passende Sprache gefunden, um bei den Künstlern und der Belegschaft Vertrauen aufzubauen. Mit seiner jovialen Art und dem Betriebsjargon des internationalen Kunstbusiness wirkte er selbst mit am Feindbild und der Behauptung, das Experiment eines Kuratoren-Intendants sei eigentlich eine "feindliche Übernahme" und der "Ausverkauf künstlerischer Maßstäbe". So schrie es aus dem Schützengraben der Volksbühne mit großer Wut – fast ausschließlich von Männern.

Das Wort hat die Verteidigung
Internationale Künstler, Museumsmacher und Architekten haben in einem weiteren offenen Brief dem künftigen Intendanten der Berliner Volksbühne, Chris Dercon, den Rücken gestärkt

Was Chris Dercon und sein überwiegendes Frauenteam nun als Neuanfang boten, wird diesen Schmerz einer verlorenen Heimat sicherlich nicht stillen. Im Charakter entspricht das Programm für die Auftaktwochen (denn mehr konnte wegen der politischen Schwierigkeiten dieses Anfangs noch nicht vorgestellt werden) der Mischung eines typischen Sommerfestivals wie den Wiener Festwochen oder der Ruhtriennale. Kunst, Tanz, Theater und Musik mischen sich zu einem Formen-Potpourri unter der modischen Generalbehauptung, es sei grundsätzlich ein Gewinn, Genregrenzen aufzulösen.

Sinnloser Stellungskrieg zwischen Kunst und Theater

Da werden zur Eröffnung Tino Sehgal und Samuel Beckett in ein Geschirr gespannt, um den ganzen Theaterbau bis zur Toilette zu bespielen – was vielleicht auch als eine Art Exorzismus für die beharrlichen Geister der alten Ära verstanden werden kann. Der Choreograf Boris Charmatz entwickelt auf der neuen Zweitspielstätte der Volksbühne im Flughafengebäude Tempelhof eine Performance nicht mit Tänzern, sondern mit so viel Berliner Volk wie möglich (es heißt ja Volksbühne). Seine Kollegin Alexandra Bachzetsis, die Frau von Documenta-Leiter Adam Szymczyk, tanzt im Computer, weil man heutzutage als Theater ja angeblich auch eine digitale Spielstätte brauche.

Mit den ebenfalls in Tempelhof untergebrachten Flüchtlingen inszenieren Mohammad Al Attar und Omar Abusaada eine "Iphigenie". Die einzige echte Theaterregisseurin im Kerntteam von Chris Dercon, Susanne Kennedy, zeigt ihre interessante Arbeitsweise, den Schauspieler nur als maskierte Sprechpuppe agieren zu lassen, mit einer installativen Theaterperformance unter dem Titel "Women in Trouble". Und mit Yael Bartana und Apichatpong Weerasethakul erzeugen weitere Künstler performative Arbeiten, mit Mette Ingvartsen und Jerome Bel weitere Choreografen.

Natürlich ist das alles ein bisschen ortlose Kunst, ein bisschen sehr garniert mit dem abstrahierten Sprech von intellektuellen Kulturnomaden, und ein bisschen zahm und nett erscheint dieser Biennalen-Biedermeier übertragen auf ein Theaterhaus auch. Aber wenn Chris Dercon in einem der wenigen anrührenden Momenten dieser Vorführung seiner Programmidee vor Journalisten sagt: "Wir haben jetzt eine Chance verdient!", dann braucht es nicht viel Fairness-Gefühl, um dem vollständig zuzustimmen. Der an diesem Vormittag diverse Male geäußerte Wunsch von Dercon und seinem Leitungsteam, Avantgarde sein und zeigen zu wollen, soll sich ab September konkret beweisen. Und das kann nur interessanter werden als dieser sinnlose Stellungskrieg zwischen Kunst und Theater.

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