Dokumentarfilm von Andres Veiel

Wer war eigentlich dieser Beuys?

Dieser Mann ist mehr als Filz, Fettecke und alter Hut: Andres Veiel entdeckt in Joseph Beuys den radikalen politischen Aktivisten und Medienkünstler wieder. Das macht seinen Dokumentarfilm "Beuys" erstaunlich aktuell. Warum er trotzdem nicht vollauf gelungen ist.
Wer war eigentlich dieser Beuys?

Joseph Beuys und die sogenannten Besetzer warten im Sekretariat auf Vertreter des Wissenschaftsministeriums, Staatliche Kunstakademie Düsseldorf, 10.10.1972

Das Rudel der Kameramänner und Fotografen ist immer dabei, gleich wohin Joseph Beuys auch geht. Es ist da, wenn er dem Hasen auf seinem Arm die Kunst erklärt, während der Documenta 5 für mehr Demokratie durch Volksabstimmungen in den Boxring steigt oder mit Studenten das Sekretariat der Düsseldorfer Kunstakademie besetzt. Man sieht so viele Bilder von Beuys in Andres Veiels schlicht "Beuys" betiteltem Dokumentarfilm, dass man sich bald nicht mehr so sicher ist, wer dieser Beuys nun eigentlich war: der große "Schamane" und "Menschenfischer" der deutschen Nachkriegskunst oder doch vor allem eine Medienpersönlichkeit.

Einerseits liegt dieser Eindruck in der Natur eines beinahe ausschließlich aus Archivmaterial zusammengesetzten Dokumentarfilms. Offenbar musste Veiel nicht lange nach starken Bildern suchen und war dann von diesem Füllhorn an Filmen und Fotografien derart überwältigt, dass ihn Fett, Filz und die anderen von Beuys als überlebenswichtige "Energiespeicher" in die Kunstgeschichte eingeführten Materialien nur noch am Rande interessieren. Sicher: Die Honigpumpe kommt ebenso vor wie die berühmte Fettecke und das Rudel mit Filz verkleideter Holzschlitten. Doch es sind nur Requisiten von "Aktionen" – wo Beuys ist, ist bei Veiel immer auch Alarm. Und damit tut der Filmemacher dem 1986 verstorbenen Künstler nicht einmal Unrecht. "Wenn es nicht sensationell ist, interessiert es niemanden", entgegnet Beuys im Film einem amerikanischen Besucher, der ihm Sensationsgier vorwirft.

Trailer zu "Beuys"

Wer hätte je bezweifelt, dass Joseph Beuys, der Erfinder des erweiterten, wenn nicht grenzenlosen Kunstbegriffs, eine Mission hatte und wusste, wie er seine Botschaft unters Volk bringt? Aber wie er bei Veiel als Hans Dampf durch alle Mediengassen saust, erstaunt den Zuschauer dann doch. Beuys debattiert im Fernsehen und eilt von Podium zu Podium, wo er seinen Kritikern, denen er entweder zu modern, zu utopisch oder zu esoterisch ist, regelmäßig wie ein Stück Seife durch die Hände flutscht. Auf dem Höhepunkt der aktionistischen Verwegenheit stellt sich der ordentliche Professor der Düsseldorfer Kunstakademie vor die versammelten Honoratioren der Stadt, um nichts als Ö-Geräusche ins Mikrofon zu schnarren.

Beuys in Achberg, 1973
Übersicht zu allen Artikeln und aktuellen Ausstellungen mit Joseph Beuys

Jeder Auftritt ist eine "Aktion" und jede "Aktion" eine Werbeveranstaltung für den erweiterten Kunstbegriff. In den setzte Beuys eine große Hoffnung: Wenn sich unsere Vorstellung von Kunst radikal verändern lässt (und Beuys‘ Werk ist das Paradebeispiel dafür), kann sich vielleicht auch unsere Vorstellung von Staat und Ökonomie radikal verändern. "Ich bin nicht der Ansicht, dass wir in einer Demokratie leben", sagt er im Film, die klassische Kunst ist für ihn "ein Dreck" ohne jede revolutionäre Kraft. Ändern will Beuys das mit einem berühmten Bauerntrick: Er erklärt jede soziale Interaktion zu Kunst, wodurch jeder Mensch automatisch ein Künstler wird. "Nur noch 2272 Tage bis zum Ende des Kapitalismus", steht als Beuys’sches Aufsatzthema an einer Schultafel, und die Mittel, die dieses Ende herbeiführen sollen, sind seine eigentlichen Energiespeicher: Protest, Aktionen und Gemeinschaft. Wenn Andres Veiel in Beuys den radikalen Kapitalismuskritiker wiederentdeckt, wirken der Film und sein Gegenstand verblüffend aktuell.

Spannend wird es, als Beuys bei den sich formierenden Grünen mitmacht

Wer war eigentlich dieser Beuys?

Regisseur Andres Veiel

Wenn Veiel hingegen brav die Lebens- und Werkstationen abhakt, schaut man schon mal ungeduldig auf die Uhr. Dabei gibt auch die Beuys’sche Biografie genug Anekdotisches und Bewegendes her: Was soll bloß aus dem Jungen werden, fragen sich die besorgten Eltern und wollen dem jungen Beuys ausgerechnet eine Stellung in der örtlichen Fettfabrik aufschwatzen. In den späten fünfziger Jahren taucht Beuys in eine tiefe Depression und findet erst wieder heraus, als er seinen Schmerz als Thema seiner Kunst annimmt. Und dann ist da noch die von Beuys vermutlich weitgehend erfundene Kriegslegende, er sei nach seinem Absturz als Bordschütze eines deutschen Kampfflugzeugs von Krimtataren mit Fett- und Filzpackungen gesund gepflegt worden.

Hier deutet Veiel durch die Montage an, Beuys könnte etwas "fantasiert" haben, drückt sich aber um eine klare Haltung herum. An dieser wie an manch anderer Stelle hätte man sich einen einordnenden Kommentar gewünscht oder wenigstens eine Stimme, die nicht von ehemaligen Beuys‘schen Weggefährten stammt.

Spannend wird es erst wieder, als Beuys bei den sich formierenden Grünen mitmacht. Hier zeigt sich, dass der radikale Künstler weder zum Volkstribun noch zum Politiker taugte. Auf Marktplätzen beschwört er so lange die Abschaffung des Kapitalismus, bis ihn angehende Politprofis wie Otto Schily und Antje Vollmer von der Nominierungsliste für die Bundestagswahl drängen. Auch das war eine "Aktion", allerdings eine hinter verschlossenen Türen und ohne Kameras. Kein Wunder, dass Beuys sein politisches Ende nicht kommen sah.

"Beuys"

"Beuys" startet am 18.5.2017 in den deutschen Kinos.

Regie: Andreas Veiel, Deutschland 2017 / 107 Min, Schnitt: Stephan Krumbiegel, Olaf Voigtländer, Archiv und Recherche: Monika Preischl, Ton: Hubertus Müll (O-Ton), Matthias Lempert (Sound Design & Mischung), Musik: Ulrich Reuter, Damian Scholl, Kamera: Jörg Jessel, Grafik und Animation: Jutojo/Toby Cornish, Koproduzenten: Terz Filmproduktion, SWR/ARTE, WDR, Produktion: Thomas Kufus, zero one film