Techno-Film von Romuald Karmakar

Elektrisiert

2013 bespielte er auf der Venedig Biennale neben Ai Weiwei, Santu Mofokeng und Dayanita Singh den Deutschen Pavillon. Auch zur aktuellen Documenta in Athen und Kassel ist er mit einer neuen Auftragsarbeit eingeladen. Parallel dazu liefert Romuald Karmakar seine vierte Bestandsaufnahme der Technoszene ab. Am Donnerstag läuft der Film in den deutschen Kinos an.
Elektrisiert

Kein Zweifel: Der Techno-Sound elektrisiert immer noch. Filmstill aus "Denk ich an Deutschland in der Nacht", Regie: Romuald Karmakar

Mit harter Kost kommt man nicht nur auf die Kinoleinwand. Auch der Kunstbetrieb startet früher oder später Abwerbungsoffensiven. Einen Namen hat sich Romuald Karmakar mit dramaturgisch sparsamen Filmen über die politische Geschichte Deutschlands gemacht. Seine Protagonisten waren Söldner, Extremisten, Serienmörder und Akteure des NS-Völkermords. Bei diesen beklemmenden Konfrontationen mit dem Tätertypus stand stets die Frage im Vordergrund: Wie funktionieren Milieus, aus denen gewaltbereite Radikale hervorgehen?                        

Bei der jahrelangen Feldforschung wundert es nicht, dass sich Karmakar mit seinen Musikdokumentationen immer wieder mal einen Gegenpol gönnt. Für ihn ist elektronische Musik aus Deutschland eines der wenigen Kulturgüter, das sich im Ausland einer positiven Rezeption erfreut. Ein Import, der wie die ewige Spielwiese Berlin, das Image der Republik aufwertet. Grund genug also, um auch bei diesem Milieu nach der Feinmotorik zu fahnden. Zumal Porträts über die Helden der längst in die Jahre gekommenen Clubkultur hierzulande nicht gerade en masse produziert werden. Für Karmakar gilt das natürlich nicht. "196pm", "Between the Devil and the Wide Blue Sea" und "Villalobos" heißen die bisherigen zwischen 2003 und 2009 entstandenen Verbeugungen vor der Techno-Kultur.       

Trailer zu "Denk ich an Deutschland in der Nacht"

Denk ich an Deutschland in der Nacht (Trailer)

Schon die erste Einstellung des neuen Wurfs führt mitten hinein in die Hauptschaltzentrale von Ricardo Villalobos. Überall Kabel, flackernde Türme, Vinylplatten, Monitore, Boxen und ein auf die Schaltknöpfe starrender Maestro. Im Club fände eine atomisierte Crowd noch zueinander, sagt er, weil die individualisierte Freiheit draußen einsam mache. Sucht nicht auch die Rechte nach dem Balsam der Gemeinschaft? Karmakar fragt nicht nach. Er beobachtet respektvoll den Künstler bei der Selbstverortung. Dann ein harter Schnitt. Beinahe unbewegte Aufnahmen von Club-Nächten lassen keinen Zweifel daran, dass der Elektro-Sound immer noch elektrisiert. Business as usual also. Aber auch untanzbare Experimente sind nicht aus der Mode gekommen, lernt und hört man, selbst mit analogen Musikern, mit denen man den einen oder anderen Auftritt bestreitet.

Elektrisiert

Hauptschaltzentrale von Ricardo Villalobos

Was sonst eine Off-Stimme an Kommentaren und Einordnungen beisteuert, erledigen die Macher beim entspannten Plaudern in ihren Rückzugskammern selbst. Mit von der Partie sind noch die Kollegen Ata, Roman Flügel, Sonja Moonear und David Moufang. Wenn das Quintett nicht in losen Portionen über den Wandel der Szene sinniert, die endlos ausufernden Subgenres und altersbedingten Ermüdungserscheinungen, wie etwa den Wunsch nach Vogelgezwitscher und einem Häuschen in Italien, inszeniert es sich als Partei der Hobby-Philosophen, die hinter den Beats eine Pforte zu den Geheimnissen des Universums wähnt.

Vor allem David Moufang, eigentlich ein verhinderter Astronaut und Astrophysiker, hat das Zeug zum Wohlfühlprediger. Auf einem grünen Berg neben einem Metaphern abwerfenden Apfelbaum steht er schon. Wie eine Figur aus einem Sehnsuchtsbild von Casper David Friedrich bestreitet er sichtbar euphorisiert einen zehnminütigen Monolog über das Ineinandergreifen von Naturwissenschaften, Musik und Spiritualität, von hörbaren Algorithmen der Hefezellteilung über Bach und den Urknall bis zur kosmischen Aura von psychedelischen Trips. Quatsch nicht so romantisch, möchte man ihm fast zurufen.

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Filmer, Künstler, Documenta- und Biennaleteilnehmer Romuald Karmakar

Zweifellos, diese Musiker machen sich Gedanken. Und stacheln die kontemplative Kamera von Frank Griebe ("Lola rennt") zu jeder Menge Friedrichscher Rückenansichten an. Bei der Arbeit zählt nun mal das Hantieren mit der Technik und dessen Wirkung auf das Publikum. Weniger körperbetont sind die aus sicherer Entfernung gedrehten Zwischenstopps an Club-Eingängen, die eigentlich noch nie der Höhepunkt des Abends waren. Auch nicht an den peripheren Orten Europas, wo der Film der Festival-Karawane folgt.

Bloss keine dunkle Kammer!
Filmemacher Romuald Karmakar spricht über seinen Beitrag für Venedig und kritische Momente der Zusammenarbeit mit den anderen Künstlern des Deutschen Pavillons

Auf den Namen Heinrich Heine, den Titellieferanten der angenehm ausfransenden symphonischen Hommage, wartet man vergeblich. Roman Flügel erdet dafür im Finale die etwas um die eigene Achse kreisenden Hirnströme. Als Karmakar ihn nach Terrorängsten in Städten fragt, die von einem Anschlag heimgesucht wurden, sprudelt es aus ihm sichtlich nervös heraus: "Wie rechtfertigt man eine Party?" Muss die Party gerade jetzt weitergehen? Oder wäre nicht eine Auszeit angebracht?

Da ist der Club dann plötzlich nicht mehr die Eskapistenzentrale, sondern eine dankbare Zielscheibe für radikale Spaßverächter. Politik macht keinen Halt vor der Tanzfläche, die Krisenherde rücken näher, nimmt man wehmütig gestimmt als letzte Lektion auf den Weg. Womit man wieder bei dem Karmakar vom Anfang wäre.

"Denk ich an Deutschland in der Nacht"

Regie: Romuald Karmakar, Deutschland 2017, Deutsch, Französisch, 105 Min, Produktion: Arden Film, Verleih: Rapid Eye Movies

Kinostart: 11. Mai 2017