Gipfeltreffen: Kunst und Aktivismus in Stuttgart

Das Brüllen der zahnlosen Tiger

Wie man gemeinsam gegen Unrecht und Kapitalismus vorgehen kann, darüber berieten in Stuttgart Künstler und Aktivisten – und stießen dabei oft an ihre Grenzen.
Das Brüllen der zahnlosen Tiger

Aktion von G.U.L.F. 2016 in New York gegen die Arbeitsbedingungen beim Bau des Guggenheim in Abu Dhabi.

Wenn Artúr van Balen und Katherine Ball Aktionen machen, brauchen sie nicht nur einen langen Atem, sondern vor allem viel Luft. Denn das Duo "Tools for Action" geht mit aufblasbaren Objekten auf die Straße. 2010 protestierten sie bei der Uno-Klimakonferenz in Mexiko mit einem riesigen Hammer voller Luft. Beim UN-Gipfel in Paris bauten sie Barrikaden aus überdimensionalen, mit Luft gefüllten Pflastersteinen. Und als sie in Dortmund gegen eine Demo der Neo-Nazis protestierten, wurden die spiegelnden, aufgeblasenen Würfel prompt von der Polizei beschlagnahmt und unbrauchbar gemacht.

Eines gelingt Tools for Action immer wieder: den Protest mit künstlerischen Mitteln sichtbar zu machen. Und darum ging es bei der Tagung "New narratives: Ökonomien anders denken", die am Wochenende erstmals im Stuttgarter Kunstgebäude stattfand. Mehrere Kulturinstitutionen, darunter die Akademie Schloss Solitude, das Schauspiel Stuttgart und der Württembergische Kunstverein wollen fortan jährlich ein solches "Gipfeltreffen" veranstalten, um "gesellschaftspolitische Konfliktlinien" mit bildender und darstellender Kunst, Theorie und Aktivismus zu verhandeln.

Das Brüllen der zahnlosen Tiger

Die Gruppe "Tools for Action" bei ihrer Aktion 2016 in Dortmund

Der Künstler und Researcher Nabil Ahmed etwa, Ex-Stipendiat der Akademie Schloss Solitude, will mit seinem Forschungsprojekt "Inter-Pazifisches Ringtribunal" Ungerechtigkeiten bekämpfen. Dabei versucht er, Konflikte im Pazifischen Ozean anhand von Karten – Linien und Punkten – darzustellen und Zusammenhänge zwischen Kolonialismus und Kapitalismus aufzuzeigen. Ziel ist es, Beweise zu sammeln, wie der Natur hier Gewalt angetan wird, sei es durch den Tiefseebergbau oder die sinkende Artenvielfalt im Regenwald. Damit will Ahmed Vorarbeit leisten für Gesetzesänderungen, damit fortan nicht nur Völkermord oder Verbrechen international geahndet werden, sondern auch Verbrechen gegen die Natur.

Die Tagung zeigte aber auch, dass engagierte aktivistische Kunst schnell an ihre Grenzen stößt, wenn sie zu komplex ist und sich so schwer in Ausstellungsprojekten oder Vorträgen vermitteln lässt. Jota Mombaca und Thiago de Paula Souza aus Sao Paolo präsentierten in Stuttgart eine "Lecture Performance", die weder wissenschaftlich noch künstlerisch war, sondern ein engagierter Vortrag mit wechselnden Sprechern. Die These der beiden ist, dass die brasilianische Gesellschaft die "Kultur der Sklaverei nie überwunden" habe und man mithilfe "ästhetischer Gewalt" den "versklavten Körper" sichtbar machen müsse. Sie sind überzeugt, dass sich die Zustände nicht ändern lassen, weshalb sie das Ende der Welt propagieren samt der Zerstörung aller bestehenden Strukturen.

Da hat der Workshop des Stuttgarter Künstlers Peter Haury vermutlich mehr bewirkt. Er versuchte mit Schülerinnen und Schülern zu analysieren, wie sich künstlerisches Engagement initiieren lässt und was man gegen das Gefühl tun kann, angesichts der Weltlage ohnmächtig zu sein.

Aktivist John Barker rief zum Kampf gegen die Eliten auf

Das Brüllen der zahnlosen Tiger

Plakat zur Veranstaltung in Stuttgart

Die Tagung, die explizit eine globale Perspektive einnehmen wollte, führte kreuz und quer über den Globus, reflektierte Probleme in Papua Neuguinea und Brasilien, drehte sich um Coltan aus dem Kongo, Sojaanbau in Argentinien und Rassismus im amerikanischen Rechtsystem. Allzu oft verloren sich die Referenten allerdings in ihren spezifischen Fragestellungen und in abgehobenen, schlagwortlastigen Spezialdiskursen, mit dem sich bestenfalls die Mitstreiter des eigenen, elitären Netzwerkes erreichen lassen. Als der britische Aktivist John Barker zum Kampf gegen die Eliten aufrief, die aus ihren "Limousinen mit Chauffeur" stiegen und Golf spielten, hatte man endgültig das Gefühl, dass der künstlerische Aktivismus schnell Gefahr läuft, wie ein zahnloser Tiger undifferenzierte Thesen laut heraus zu brüllen.

Artúr van Balen und Katherine Ball wurde in jedem Fall bald klar, dass sie nicht mit politischer Kunst allein ihre Haltung kundtun wollen, sondern aktiv auftreten – ganz real mitten im Alltag. Bei der Aktion von "Tools for Action" in Dortmund wurden die aufgeblasenen, überdimensionierten Pflastersteine von der Polizei zwar unbrauchbar gemacht, aber immerhin wurde dadurch auch sichtbar, dass die Polizei damit den Neonazis zuarbeitete und der Demonstration der Rechten so den Weg freimachte.

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