Dirk Luckow

Deichtorhallen Hamburg



DIRK LUCKOW WIRD DIREKTOR DER DEICHTORHALLEN

Ein halbes Jahr dauerte die Suche. Seit heute steht endlich fest: Dirk Luckow, 50, seit 2002 Leiter der Kunsthalle zu Kiel, wird neuer Direktor der Hamburger Deichtorhallen. Dies wurde in der heutigen Aufsichtsratssitzung einstimmig beschlossen. Er tritt damit die Nachfolge von Robert Fleck an, der zum Jahresbeginn an die Bonner Bundeskunsthalle wechselte. Aber wer ist eigentlich Dirk Luckow? Ein Blick hinter die Kulissen: Luckows Ausstellungen, Intentionen – und sein Netzwerk.
// ALAIN BIEBER, HAMBURG

Dirk Luckow promovierte an der Freien Universität Berlin im Fach Kunstgeschichte, arbeitete als wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf, am Guggenheim-Museum in New York und am Württembergischen Kunstverein in Stuttgart. Danach ging er als Projektleiter des Kunstförderungsprogramm der Siemens AG nach München. Wenn Luckow nun bald sein neues Amt antritt, wird er auf bereits eine realisierte Ausstellung in den Deichtorhallen zurückblicken können.

Als er noch für das Siemens Art Program in München arbeitete, organisierte er 2002 mit dem ehemaligen Deichtorhallen-Direktor Zdenek Felix die große Leistungsschau deutscher Unternehmen: "Art & Economy". Eingeladen waren damals Förderungsprojekte deutscher Unternehmen um ihre Kunstkonzepte zu präsentieren – von Adam Opel AG bis ZF Friedrichshafen AG. Übrigens war Tobias Rehberger, der gerade für seine Biennale-Cafeteria den "Goldenen Löwen" erhielt, damals auch mit einem Konzept von der Partie: Eine Kantine, die er für die Dresdner Bank gestaltete. Finanziert wurde die spektakuläre PR-Veranstaltung von Siemens und Nordmetall, dem norddeutschen Verband der Metall- und Elektroindustrie, mit dem Luckow auch in diesem Jahr wieder zusammenarbeitete und die unausgegorene Metall-Ausstellung "Heavy Metal" organisierte. "Betrachtet man die heutige Museumskultur, so erscheint die Einforderung eines von der privatwirtschaftlichen Kunstförderung abgegrenzten öffentlichen Raums überholt", hieß es schon damals in der Einleitung zum Katalog.

"Die Ausstellung war eher strategisch"

Seine beste Idee aber hatte Luckow, dann bereits Leiter der Kieler Kunsthalle, im Jahr 2004. Die große Frage war: Was tun mit einer umfangreichen (rund 1000 Gemälde, 200 Skulpturen und 35 000 Grafiken aus sechs Jahrhunderten), aber veralteten Sammlung? Luckow wagte das Ausstellungsexperiment "Der demokratische Blick" und machte alle seine Mitarbeiter, vom Tischler über die Aufsicht bis zur Reinigungskraft, zu Gastkuratoren. Jeder durfte einen Raum (fast) völlig selbstständig mit Lieblingswerken aus der Sammlung bestücken. Dann die Überraschung: Die Idee war ein Publikumsmagnet, bereits zur Ausstellungseröffnung strömten damals über 500 Besucher – mehr als je zuvor. Ein perfekter Coup: Die Sammmlung war neu positioniert, die Halle voll, die Mitarbeiter motiviert und die Medien feierten den "frischen Wind" aus Kiel.

Frei nach dem Motto "Never change a winning idea" realisierte Luckow daraufhin in jedem Jahr eine neue Variante seiner Erfolgsidee: 2005 überließ er unter dem Titel "Der private Blick" deutschen Privatsammlern wie Harald Falckenberg, Christian Boros oder F.C. Gundlach sein Depot, die natürlich die Ausstellung großzügig durch eigene Leihgaben ergänzten. Wieder eine clevere Doppelstrategie: Zum einen schaffte es Luckow erneut seine Sammlung mit exklusiven Arbeiten kostengünstig aufzupeppen – und zum anderen konnte er so neue, einflussreiche Freunde gewinnen. "Das war eher strategisch", verriet Luckow damals auch offenherzig in einem "Spiegel Online"-Bericht, "um Kontakte zu machen und Rückendeckung zu kriegen. Mit all den Sammlern bin ich ständig noch in Kontakt." Im Jahr darauf widmete er sich dann seinen Sponsoren. In "See history 2006: Schätze bilden" standen Werke im Mittelpunkt, die von Unternehmen für die Kunsthalle erworben wurden. Und 2008 lud Luckow internationale Künstler wie Guy Ben-Ner, Candice Breitz oder Boris Mikhailov ein, die auf den Sammlungsbestand mit eigenen Werken antworteten. Zusätzlich schaffte es Luckow noch jährlich fünf bis sechs Ausstellungen mit Künstlern wie Candida Höfer, Hans-Peter Feldmann, Per Kirkeby, Isa Genzken, A.R. Penck, Hans Hartung und Tal R. zu kuratieren und finanzieren.

Vom Ballermann zur Temporären Kunsthalle

Furore machte auch seine Schau "Ballermann. Die Ausstellung" im Jahr 2006. Es ging um "Deutschlands 17. Bundesland Mallorca", die exzessive Partykultur und "Auswüchse der grassierenden kommerziellen Festivalisierung des öffentlichen Lebens" (Luckow). Damals gab es eine Sanddünen aus Erdnuss-Flips von Thomas Rentmeister oder eine Sangria-Strohhalm-Installation von Markus Sixay zu sehen. Doch die größte Aufmerksamkeit erregte Jürgen Drews, der selbsternannte König von Mallorca, der zur Vernissage anreiste und dort auch seine eigene Kunstsammlung (Engel-Kitsch und Früchte-Stilleben) präsentierten durfte.

Als Luckow in dem "Spiegel Online"-Bericht zu seinem Erfolgsgeheimnis befragt wurde, antwortete er dann auch ehrlich: "Es ist immer eine Mischung aus Strategie, Qualität, Wissenschaft und Unterhaltung." Und genau dies verspricht sich Hamburg wahrscheinlich auch durch die Ernennung. Luckow hat bewiesen, dass er ein kleines Haus mit geringen finanziellen Möglichkeiten kreativ bespielen kann. Jetzt bekommt er die Möglichkeit ein großes Haus mit geringen finanziellen Möglichkeiten zu bespielen.

Im Rückblick müssen seine Ausstellungskonzepte auch geradezu visionär erscheinen: Erst im Jahr 2008 präsentierte das Münchner Haus der Kunst unter dem reißerischen Namen "Brillantfeuerwerk" elf Unternehmenssammlungen; und in der Leipziger Galerie für Zeitgenössische Kunst überlässt Barbara Steiner 2008 bis 2010 ihr Haus privaten Sammlern und Unternehmen – und wurde dafür öffentlich stark kritisiert. Vordenker Luckow macht dies alles bereits seit Jahren, nur ist es niemand wirklich aufgefallen. Durch seine Kontakte zur Industrie erhoffen sich die Deichtorhallen, die ohne Finanzierungshilfen von Galerien schon jetzt kaum mehr eine Ausstellung alleine auf die Beine stellen können, potentielle Sponsoren. Hinzu kommen nützliche Synergieeffekte zu Sammlern, anderen Direktoren und Aufsichtsräten. Selbst in Berlin ist Luckow bereits bestens verdrahtet: Seit 2007 sitzt er auch im Künstlerischen Beirat der Temporären Kunsthalle Berlin. Zusammen mit Katja Blomberg (Leitung Haus am Waldsee, Berlin), Gerald Matt (Direktor der Wiener Kunsthalle und Co-Kurator der Kieler Gemeinschaftsausstellung "True Romance"), sowie Julian Heynen, (künstlerischer Leiter der K21 Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen) – der zunächst als Fleck-Nachfolger gehandelt wurde, seine Bewerbung aber dann doch wieder in letzter Sekunde zurückzog.

Kommentieren Sie diesen Artikel

0 Leserkommentare vorhanden

Abo