Kokosnuss-Kanone beschlagnahmt

»Ich wollte niemandem Angst machen.«

Julian Charrière baute eine Kokosnuss-Kanone, die eigentlich auf der ersten Antarktis-Biennale ihren großen Auftritt haben sollte. Dazu wird es nun nicht kommen. Die Berliner Polizei beschlagnahmte das Werk, nachdem sich Passanten durch Tests bedroht gefühlt hatten. Unsere Autorin Larissa Kikol sprach mit dem Künstler kurz vor seiner Abreise in die Antarktis über die Ereignisse.
»Ich wollte niemandem Angst machen.«

In der Nacht vom 1. zum 2. März 2017 wurde die Kanone im Atelier des Schweizer Künstlers Julian Charrière beschlagnahmt

art: Sie brechen morgen früh zur ersten antarktischen Biennale auf, ohne ihre Kokosnuss-Kanone. Wie geht es Ihnen?
 
Julian Charrière: Geht so. Es ist doch alles ziemlich stressig geworden. Aber ein paar Kokosnüsse nehme ich trotzdem mit.

»Ich wollte niemandem Angst machen.«

Der Schweizer Künstler Julian Charrière in seinem Berliner Atelier

Ihre tonnenschwere Kanonenskulptur "The Purchase oft the South Pole" wurde letzte Woche von der Polizei mit Hilfe eines Krans beschlagnahmt. Dabei sollte sie auf der Biennale gezeigt werden. Wie kam es dazu?

Ich selbst war ja gar nicht da, sondern in New York. Auf unserem Ateliergelände in Berlin wollten meine Mitarbeiter die Skulptur vor ihrem Transport noch einmal testen. Es sollte auch überlegt werden, wie man sie am besten fotografieren könne, also wie wir die fliegenden Kokosnüsse fotografisch festhalten wollen. Meine Mitarbeiter erzählten mir dann was passiert ist. Passanten hörten wohl die Schüsse und betraten dann das Privatgelände. Eigentlich ist da auch ein Pförtner, der über alles Bescheid wusste. Der wurde von den Passanten aber nicht aufgesucht, auch meine Mitarbeiter wurden nicht angesprochen. Die Passanten riefen direkt die Polizei. Leider gab es vorher keinen Dialog, indem man die ganze Sache schnell aufklären könnte.
 
Wahrscheinlich hatten sie zu viel Angst.

Das war natürlich nicht meine Absicht, ich wollte nie jemandem Angst machen. Es besteht bei meinen Arbeiten immer eine gewisse Spontanität, auch wenn sie manchmal Monate für ihre Realisierung brauchen. Wir hatten uns auch vorher erkundigt, was man auf einem Privatgelände, also im Atelier, machen darf und was nicht. Mit dieser Wendung habe ich nicht gerechnet.

»Ich wollte niemandem Angst machen.«

Die Kanone besteht aus einem abgeformten Kokosnussbaumstamm

Hatten Sie bei ihrer Kunstproduktion nicht das Gefühl eine Waffe zu bauen?

Nein, ich habe nur eine Skulptur gebaut. Auch sehen meine Mitarbeiter überhaupt nicht bedrohlich aus. Sondern wirklich nett. Die Kanone besteht aus einem abgeformten Kokosnussbaumstamm. Eigentlich hätte die ganze Szene auch einem Comic entspringen können. Die "Munition", also die Kokosnüsse, sind für mich anthropozänische Nebenprodukte des kalten Kriegs. Die ganze Arbeit ist auf vielen Ebenen sehr poetisch, sie ist ja auch an eine Romanvorlage von Jules Vernes angelegt. Ich wollte mir ihr auch auf geopolitische und ökologische Missstände aufmerksam machen. In Vernes Roman "Der Schuss am Kilimandscharo" ging es darum, dass gierige Menschen durch Schüsse die Erdachse gerade rücken wollten um die klimatischen Verhältnisse der Erde nach ihren wirtschaftlichen Plänen zu gestalten.

Können Sie mir erklären, was genau Sie in der Antarktis machen wollten? Wohin wären die Kokosnüsse geschossen worden? In den Schnee oder ins Wasser?

Richtung Südpool! Wie im Roman. Die ganze Biennale funktioniert für mich wie eine Fabel, wie ein phantasmagorischer Raum. Es gibt keine Zuschauer, nur die Mitwirkenden auf dem Schiff, also Künstler, Mitarbeiter, Berichterstatter und Wissenschaftler. Ich sehe die Biennnale als ein Experiment, indem ein Gemeinschaftsprojekt in einer entfernten Realität stattfindet und nur über Geschichten verbreitet wird, also durch die Teilnehmer, die Medien und die Presse. Meine Kokosnusskanone wäre dadurch fast zur Fiktion geworden, zu einem Teil der Fabel.

»Ich wollte niemandem Angst machen.«

Mittlerweile postete die Polizei dieses Foto auf ihrer Facebook-Seite, um auf den Fall aufmerksam zu machen

Irgendwie ist sie das auf diese Weise ja trotzdem. Die haben ziemliches Presseaufsehen erweckt auch ohne die Kunst der breiten Öffentlichkeit real präsentiert zu haben. Dass sie jetzt in einem Arsenal für illegale Waffen steht, trägt ja auch zum Mythos bei. Gerade weil sie nicht öffentlich zugänglich ist, quasi von der Polizei versteckt.
 
Ja, das stimmt schon. Trotzdem hätte ich sie lieber in der Antarktis aufgestellt. Es war geplant, dass alle Biennale-Künstler sie auf Schlitten übers Eis ziehen. Als gemeinschaftliche Performance, wie ein visuelles Reenactment der Shackeltons Expedition zum Südpol zu Anfang des 20. Jahrhunderts. Bei meiner Perfomance mit den Kollegen sollte es auch um den Teamgeist auf dem Boot gehen, um die Manpower, wir wollen uns da drüben alle gegenseitig helfen.
 
Wir reagieren Sie auf die aktuellen Artikel und die gespaltenen Leserkommentare?

Ich nehme das in meine Recherche zur Kokosnusskanone mit auf. Ich wollte immer möglichst viele Menschen erreichen und mit ihnen einen Dialog starten. Kritik gehört dazu, sie ist ebenfalls sehr interessant.

Abenteuer-Kunst
Julian Charrière führt uns mit seinen Aktionen vor Augen, was es bedeutet, einen ökologischen Fußabdruck zu hinterlassen

In Artikeln über neue Projekte von Christo (und ehemals von Jeanne-Claude) schreiben die Autoren auch gerne über die Probleme, die sich auf dem langen, mühseligen Weg der Realisation ergeben haben. Das gehört quasi schon zur etablierten Land Art-Dramaturgie dazu.
 
Sagen wir so, die Probleme machen das Werk komplexer, ja sie zählen zu seiner Geschichte dazu. Wenn dann auch mehr über meine ökologischen Intentionen gesprochen wird und ich meine Skulptur wieder bekomme, wäre das sogar ein Plus. Aber mal abwarten, wie die Staatsanwaltschaft meine Kunst interpretiert.