Abschied von der Plastiktüte

Sie wird uns fehlen!

30 Minuten Nutzwert, 500 Jahre Haltbarkeit – ihre Ökobilanz ist desaströs. Trotzdem hatte die Plastiktüte schon immer das Zeug zum Kultobjekt. Eine der bekanntesten Tüten verschmolz Kunst und Kommerz so erfolgreich, dass ihr Gestalter – ein bekannter Künstler – daran verzweifelte.
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Der Entwurf für die Tragetüte von Aldi-Nord (im Vordergrund) stammt von Künstler Günter Fruhtrunk

Wenn es um neue Trends geht, schaut die Bundesrepublik nach Berlin. Jede noch so quatschige Idee, in der Hauptstadt hat’s bestimmt schon einer ausprobiert. In Neukölln – der aktuellen Hipster-Hochburg – scheint ein vielversprechender neuer Hype darin zu bestehen, möglichst imposante Sperrmüllhaufen zu produzieren. Zwischen Craftbeer- Bars und Burgerbratereien türmt sich an den Straßenecken aussortierter Hausrat.

Alte Matratzen, gesprungene Spiegel, Gelsenkirchener Barock. Alles im Schutze der Nacht an die Ecke gestellt. Wohnraum wird immer teurer und so wird die alte Schrankwand vom individuellen Platzproblem in den eigenen vier Wänden zum Hindernis für die Allgemeinheit da draußen. Längst hat sich zum Hausrat weiterer Müll gesellt. Altpapier wird dazu gestellt, Konservendosen draufgeworfen. Und, natürlich, die unvermeidliche Plastiktüte.

Wenn eine Tüte Kunst sein kann, dann kann auch jeder Mensch ein Künstler sein.

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Joseph Beuys: "So kann die Parteiendiktatur überwunden werden", 1971

Unter all dem Unrat, den der Mensch so produziert, genießt die Plastiktüte einen besonders schlechten Ruf: 30 Minuten Nutzwert, bis zu 500 Jahre Haltbarkeit. Auch deswegen hat die EU die kostenlose Plastiktüte jetzt abgeschafft. Bis 2025 sollen nur noch 40 Plastiktüten pro Kopf und Jahr verbraucht werden. Heute sind es in Deutschland noch rund 70, im EU-Durschnitt sogar 198. Sukzessive wird sie aus den Fußgängerzonen verschwinden. Ökologisch macht das natürlich Sinn, keine Frage. Doch verschwindet mit ihr auch ein Stück Kultur und Geschichte.

Das erste technisch verwertbare Patent für eine "Plastiktragetasche" wurde in Deutschland am 1. November 1960 eingetragen. Die Plastiktüte gehört damit hierzulande – wie D-Mark und VW-Käfer – zu den Symbolen des Wirtschaftswunders. Sie ist Ausdruck einer effizienteren Wohlstandsgesellschaft; Symbol des Überflusses, den man nicht mehr mit bloßen Händen nach Hause tragen kann.

Vom Kommerz ging es für die Tüte in die Kunst. Joseph Beuys bedruckte zur Documenta 1972 in Kassel Tausende Plastiktüten. Wenn eine Tüte Kunst sein kann, dann kann auch jeder Mensch ein Künstler sein.

Dutzende Künstler haben sich mit dem Phänomen der Plastiktragetasche beschäftigt.

Über die Jahrzehnte haben sich neben Beuys Dutzende weitere Künstler mit dem Phänomen der Plastiktragetasche beschäftigt. Von İskender Yediler über Hendrik Kerstens bis zu Gustav Metzger. Letzterer verwirrte mit seiner Plastiktüten-Installation "Recreation of First Public Demonstration of Auto-Destructive Art" einen Mitarbeiter des Tate Britain so sehr, dass dieser sich fragte: Ist das Kunst oder kann das weg? Kann weg, dachte er sich und die Installation landete auf dem Müll. 

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Iskender Yediler: "International Shopping Bags", 1998, PVC, Fön, Größe variabel

Neben der Kunst wurde die Plastiktüte wenige Jahre nach ihrer Einführung als Werbefläche entdeckt. Wenn die Plastiktüte Ausdruck des Kommerzes ist, ist es nur folgerichtig, dass sie in der DDR keine besondere Rolle gespielt hat. Wo nüscht zu kaufen ist, da auch keine Plastiktüte. Eine Ausnahme allerdings war die Plastiktragetasche einer Zigarettenmarke, die sich hinter dem Eisernen Vorhang zu einem veritablen Sammlerstück entwickelte. Der Slogan: "Let’s go West!".

Die Discounter-Tüte ist so etwas wie der Kacheltisch unter den Tragetaschen

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Kultobjekt in der DDR: "Let’s go West!", hier am Rande der Parade zum 40. Jubiläum der DDR im Oktober 1989

Eine der bekanntesten Tüten verschmolz Kunst und Kommerz so erfolgreich, dass der Künstler daran verzweifelte. Günter Fruhtrunk schämte sich 1970 so sehr dafür, die Aldi-Tüte designt zu haben, dass er als Buße 400 Mark in die Kaffeekasse der Münchner Kunstakademie zahlte. Sie wurde dennoch mit Abstand sein meistverbreitetes Werk. Als Künstler hatte es Fruhtunk in der Folge schwer, seine Werke kamen aus der Mode. Dabei sind sie bis heute relevant, zumindest, wenn man Kunst als Kommunikation begreift. Die Discounter-Tüte ist so etwas wie der Kacheltisch unter den Tragetaschen; ein Synonym für Einfachheit, an der Grenze zum Asozialen. Wer bei Aldi einkauft, der stopft auch seine Zigaretten selbst. Bei so viel negativer Aufladung, wird das Tragen der Tüte auf der anderen Seite zu einem Statement. Wer eine Aldi-Tüte in der Hand hält, der sagt auch: ist mir egal, was ihr von mir denkt.

An die Stelle der Plastiktüte werden Alternativen rücken. Solche, die ökologisch sinnvoller sind. Jutebeutel etwa, bedrucken kann man die auch. Was eine Stofftasche aber niemals ersetzen wird, ist dieser Moment, wenn man gerade durch Berlin-Neukölln schlendert, vorbei an zwei imposanten Sperrmüllbergen, in deren Mitte eine Plastiktüte im Wind tanzt.

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Kommt ihn das Muster bekannt vor? "Präsenz II" von Günter Fruhtrunk, hier in einer Ausstellung im Lenbachhaus. Die Aldi-Tüte blieb leider sein bekanntestes Werk

Eine Szene wie in einem Film, der Ende des letzten Jahrtausends ein Millionenpublikum zu Tränen rührte. Ricky Fitts, der begabte Nachbarjunge aus "American Beauty" fragt darin die desillusionierte Tochter von nebenan, ob sie das Schönste sehen wolle, was er je gefilmt habe. Was folgt sind drei Minuten Plastiktütentanz im Wind, untermalt von Thomas Newmans Klavierkomposition und einiger emotionaler Weisheit des Protagonisten. "Es gibt manchmal so viel Schönheit auf der Welt, dass ich sie fast nicht ertragen kann", sagt Fitts. Vielleicht ist das ein bisschen dick aufgetragen. Aber die Plastiktüte, so ökologisch unsinnig sie auch ist, ein klein wenig wird sie fehlen in unser aller Alltag.