Susan Pinker über Frauen in der Kunstwelt

»Alles oder nichts«

Dass Frauen in der Kunstwelt andere Wege gehen, liegt nicht nur an mangelnden Chancen, sondern vielleicht auch an den Genen, meint Susan Pinker. Die kanadische Psychologin und Bestseller-Autorin sieht Künstlerinnen trotzdem auf dem Vormarsch. Ein Gespräch
»Alles oder nichts«

Genderfoscherin Susan Pinker: "Gleiche Chancen führen nicht zu gleichen Ergebnissen."

"Begabte Mädchen, schwierige Jungs. Der wahre Unterschied zwischen Männern und Frauen" heißt Susan Pinkers vielbeachtetes Buch "Das Geschlechter-Paradox" im Untertitel. Darin geht die kanadische Psychologin der Frage nach, warum Männer trotz Startschwierigkeiten beeindruckende Karrieren machen, während Frauen mit all ihren Talenten es doch nicht in die Chefetagen schaffen. Im art-Gespräch wollten wir herausfinden, ob sich die neuesten Erkenntnisse aus Neurowissenschaft und Ökonomie zur Gender- Debatte auch auf die aktuelle Situation im Kunstbetrieb übertragen lässt.

art: Die Kunst ist ein historisch von Männern dominierter Ort. Doch während sich die allgemeine Arbeitswelt verändert, haben es die Frauen in der Kunst nach wie vor an vielen Fronten schwer.

Susan Pinker: Wenn wir Geschlechterrollen und Karrieren betrachten, ist es wichtig, die Vergangenheit von der Gegenwart zu trennen. Bis vor kurzem hatten Frauen wenige Freiheiten. Wer Werke in Museen zählt, um den prozentualen Anteil von weiblichen und männlichen Künstlern zu ermitteln, sollte nicht überrascht sein, dass ein Großteil von Männern stammt. Fast 2000 Jahre gab es nahezu keine Frauen, deren Kunst öffentlich gezeigt wurde. Sie dürfen erst seit Mitte des 20. Jahrhunderts mitspielen.

Und das tun sie mit aller Kraft und in großer Zahl. Nur bekommen junge Talente ebenso wie bekannte Künstlerinnen nach wie vor nicht die gleiche Gelegenheit, ihre Arbeiten zu präsentieren. Der Anteil der Einzelausstellungen von Künstlerinnen in New Yorks Galerien liegt bei 20 Prozent.

Nach 2000 Jahren ohne Frauen sind sogar 20 Prozent viel. Es ist ja nicht so, dass Frauen keine Kunst gemacht haben. Aber historisch ist es mit einem Handwerk zu vergleichen, das wie die Schuhmacherei vom Vater an den Sohn weitergegeben wurde. Andere Gruppen wurden ebenfalls ausgeschlossen. Bis sich die sozialen Regeln änderten, konnten Frauen dem Club nicht beitreten. Jetzt können sie es.

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Mehr als die Hälfte der Studenten an den Kunstschulen sind weiblich. Wie kann es sein, dass so viele von ihren männlichen Kollegen überholt werden?

An der Yale School of Art, einer der führenden Kunstschulen der USA, liegt der Frauenanteil an der Fakultät bei 60 Prozent. In meiner Heimatstadt Montreal sind 70 Prozent der Professoren an den führenden Kunstschulen weiblich. Veränderungen sind also ganz klar möglich. Aber ich glaube, dass es falsch ist, die Welt durch die 50/50-Linse zu betrachten. Gleiche Chancen führen nicht zu gleichen Ergebnissen. Nehmen Sie meinen Bereich, die klinische Psychologie: 85 Prozent der Studenten sind weiblich, und auch die enorme Mehrzahl der Psychologen in diesem Feld ist weiblich. Bedeutet das etwa, dass Männer diskriminiert werden? Großenteils bedeutet es, dass sich viele Frauen und Männer statistisch gesehen für unterschiedliche Karrieren entscheiden. Es ist ein Trugschluss, hinter mathematischen Ungleichheiten eine einzige Ursache zu sehen.

Zu den weiteren Ursachen gehören die Untersuchungsergebnisse, die Sie für Ihr Buch zusammengetragen haben: Zum Beispiel halten sich Frauen lieber an Regeln. Sie haben Erfolg, indem sie auf Kooperation setzen und zeigen weniger Talent, ihre Vorzüge anzupreisen. All dies sind Eigenschaften, die es ihnen in der hart umkämpften Kunstwelt schwer machen.

Erfolgreiche Künstlerinnen, die mir spontan einfallen wie Tracey Emin oder Louise Bourgeois, haben entweder schockierende oder monumentale Kunst produziert und geliefert. Auf gewisse Weise haben sie sich dem männlichen Modell von Erfolg angepasst. Die Kunst ist groß und liefert ein enormes Statement. In den meisten Fällen handelt es sich nicht um Frauen, die ein Problem mit Risiken haben. Ebenso wenig balancieren sie ihre Karriere mit anderen Interessen. Sie sind unbeirrbar mit ihrer Arbeit beschäftigt. Wie in anderen Bereichen definieren wir auch in der Kunst Erfolg auf männliche Weise. Es in frühen Jahren zu schaffen und ein gewagtes Statement zu liefern wie zum Beispiel ein Damien Hirst sind weitere männliche Standards von Erfolg.

Sich kompromisslos seiner Arbeit zu widmen ist keine typisch weibliche Eigenschaft?

Wenn Sie Frauen befragen, wie die ideale Karriere aussieht, antworten die meisten: Eine flexible Arbeit, bei der ich mit Leuten zu tun habe, die ich respektiere und die mich respektieren. Wer es in der Kunst schaffen will, wird die meiste Zeit am Tag allein in seinem Atelier verbringen. Außerdem entscheidet sich die Mehrheit der Frauen nicht für Positionen, in denen es um alles oder nichts geht.

Also sind sie weniger risikofreudig?

Recherchen deutscher und amerikanischer Wirtschaftswissenschaftler zeigen auf, dass 75 Prozent der Männer auf alles oder nichts setzen, um Probleme zu lösen und sich eher für Wettkämpfe entscheiden, bei denen einer der Gewinner ist und der Rest leer ausgeht. Frauen hingegen entscheiden sich nur zu 30 Prozent für diese Option. Wenn sie arbeiten, will die Mehrheit der Frauen sicherstellen, dass sie bezahlt werden - ein Grund, warum es so viele Kuratorinnen und Kunstlehrerinnen gibt. Frauen setzen lieber nicht nur auf ein Pferd, sondern auf mehrere. Was bedeutet, dass es in Alles-oder-nichts- Bereichen wie vielleicht der konkurrenzgeladenen Kunstwelt weniger Frauen gibt. Es bedeutet aber auch, dass in wirtschaftlich unsicheren Zeiten wie dem Abschwung 2008/09 mehr Männer ihre Jobs verloren haben, arbeitslos blieben und Selbstmord begingen. Viele Frauen hingegen konnten mit vielfachen Fähigkeiten und Jobs auf die Situation reagieren.

Warum fühlen sich Frauen zu Jobs hingezogen, bei denen sie als Galeristin, Kuratorin oder PR-Expertin die Karrieren von anderen vorantreiben?

Weil dies sehr soziale Bereiche sind. Kunst zu machen kann sehr einsam sein.

Karriereentscheidungen im Zusammenspiel mit Geschlechterunterschieden zu sehen gilt für viele Frauen als Tabu.

Frauen wurden lange Zeit diskriminiert. Es handelt sich um ein empfindliches Thema. Und bis vor kurzem glaubte man, dass es Gleichheit bedeutet, wenn Frauen haben können, was die Männer haben. In den Siebzigern, als die Schranken fielen, erwartete man, dass Frauen sich automatisch so wie Männer verhalten werden. Wenn eine Frau offen sagt, dass sie es nicht so empfindet und andere Entscheidungen als ein Mann trifft, wird sie als Verräterin angesehen.

Befindet sich die eigentliche Glasdecke, die Frauen am Aufstieg hindert, zu Hause, sobald sie sich für Kinder entscheiden?

Ich würde das nicht so sehen. Umfragen haben ergeben, dass 60 bis 75 Prozent der Frauen in Europa oder Nordamerika sich für Teilzeitarbeit entscheiden, wenn sie kleine Kinder haben. Jedenfalls, wenn es die finanzielle Situation erlaubt. Wie viele Stunden jemand arbeitet und was zu Hause vorgeht, ist eine komplexe Angelegenheit.

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Sie weisen in Ihrem Buch darauf hin, dass mehr Männer ihren Platz an extremen Enden des Spektrums einnehmen. So gibt es statistisch gesehen mehr männliche Idioten, aber auch mehr Genies. Oder wie es die Sozialkritikerin Camille Paglia ausdrückte: Wir haben keinen weiblichen Mozart, weil es keinen weiblichen Jack the Ripper gibt.

Es handelt sich um ein statistisches Phänomen und kein ideologisches. Wenn man sich eine typische Kurve anguckt, befinden sich mehr männliche Datenpunkte an den extremen Enden auf beiden Seiten, während sich proportional mehr weibliche um die Mitte herum gruppieren. Zum Beispiel gibt es mehr Jungen, die ohne Abschluss die Schule verlassen, was ein weitaus geringeres Problem bei Mädchen ist. Es gibt weitaus weniger Mädchen mit Sprach-, Lern- oder Verhaltensproblemen. Am anderen extremen Ende bedeutet es aber auch, dass mehr Männer 80 Stunden die Woche arbeiten oder sehr hohe Fähigkeiten in sehr bestimmten Bereichen haben. Allerdings sterben auch mehr Männer in jungen Jahren.

Vielleicht treffen Frauen ganz einfach die intelligenteren Entscheidungen im Leben, und deshalb befinden sich so wenige an der Spitze.

Es ist eine interessante Frage, die wir uns stellen sollten. Fast überall auf der Welt leben Frauen im Schnitt fünf, sechs Jahre länger als Männer und haben weniger chronische oder lebensbedrohliche Krankheiten. Sie legen eher den Sicherheitsgurt an, benutzen Sonnenschutzcreme oder gehen zum Arzt. Und sie gehen weniger bedrohliche Risiken ein. Wenn wir unseren Fokus nicht mehr darauf richten, wer am meisten Geld verdient, sondern wer am längsten und glücklichsten lebt, sieht das Bild anders aus.

Also liegt das eigentliche Problem darin, dass Erfolg männlich definiert wird?

Ja, sogar der Verlauf von Erfolg sieht oft bei Männern und Frauen unterschiedlich aus. Bei den Frauen ist es sinnvoll, sich die Erfolgskurve über die komplette Lebenszeit anzusehen. Es überrascht mich nicht, dass viele Künstlerinnen erst in späten Jahren Erfolg hatten. Männer, auf der anderen Seite, haben den Durchbruch meist, wenn sie jung sind. Oder gar nicht.

Dennoch gelten sie als sichere Investition. Was zur Folge hat, dass die Preise um ein Vielfaches höher als für Werke von Künstlerinnen liegen. Interessanterweise gilt die 84-jährige Yayoi Kusama mit ihrer stetigen Karriere und Preisentwicklung als eine der großen Verdienerinnen am Kunstmarkt.

Zusammengenommen mögen Künstlerinnen sogar mehr als ihre Kollegen verdienen. Erfolg in der Kunst ist eine einzige Grauzone. Weil keine definierten Auswahlkriterien oder Richtlinien vorliegen, gibt es all diese Graubereiche: Geschäfte, die in Hinterzimmern verhandelt werden, Selbst- Promotion oder Privatclubs.

Oder Sexismus. Was dazu führt, dass ein Künstler wie Georg Baselitz in einem Interview erklärt, dass Frauen nicht gut malen können.

Weil ein Mann etwas Dummes von sich gibt, muss man nicht gleich das komplette System verdammen.

Warum schaden sich Frauen obendrein auch noch selbst, indem sie überaus selbstkritisch sind? Sie nennen dieses Phänomen das Blender-Syndrom, die Angst davor, nicht gut genug zu sein. Von einem Künstler wie Jeff Koons hören wir keine selbstkritischen Töne.

Viele Frauen, die handverlesen befördert werden, sagen sich, dass sie es nicht verdient haben und sich nicht bereit fühlen. Während die Männer fragen: Warum hat es so lange gedauert? Es geht einher damit, dass Männer sich wohler mit unverblümter Konkurrenz fühlen. Konkurrenz bedeutet: Du kriegst etwas und jemand anders nicht. Wer jeden glücklich machen will, kann nicht wirklich wetteifern.

Haben Frauen das Bedürfnis, andere glücklich zu machen?

Das glaube ich nicht. Aber für viele ist es weniger wichtig, andere Menschen aus dem Weg zu stoßen, damit sie es schaffen. Statistisch haben mehr Männer ihr Augenmerk auf den Preis gelenkt: Sie bleiben eher in Jobs, die sie hassen, und arbeiten eher mit Leuten, die sie nicht mögen, um ihr Ziel zu erreichen.

Und sie kämpfen mit härteren Bandagen?

Frauen können ebenso schmutzig kämpfen. Aber während der männliche Konkurrenzkampf offen abläuft, ist er bei Frauen verdeckter. Sie kommen allerdings an den Punkt, an dem sie sagen: Ich will nicht, dass mein Leben ein täglicher Kampf ist. Ich will nicht mit 60 einen Herzinfarkt kriegen, damit ich die Abteilung für Kunstgeschichte leite. Viele Frauen haben einfach eine ausgewogenere Sichtweise auf ihr Leben.

Literatur

Susan Pinker: "Das Geschlechter-Paradox. Begabte Mädchen, schwierige Jungs. Der wahre Unterschied zwischen Männern und Frauen", Pantheon Verlag, 2010

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