Sarah Thornton

Interview

"Sieben Tage in der Kunstwelt"
"Die Kunstwelt will immer, dass du eine bestimmte Rolle hast": Sarah Thornton über ihre Recherchen zum Buch "Sieben Tage in der Kunstwelt" (Courtesy S. Fischer Verlag / Foto: Lou Keating)

"SIEBEN TAGE IN DER KUNSTWELT"

Die Autorin Sarah Thornton ging als Outsiderin in die Kunstszene und veröffentlichte nun mit dem Buch "Sieben Tage in der Kunstwelt" den Insiderblick, den Sie über Jahre hinweg in Galerien, bei Künstlern oder auf Messen gewonnen hat. art sprach mit der Autorin über ihre Motivation und ihre Einblicke.
// SANDRA DANICKE, FRANKFURT

Frau Thornton, Ihr Buch heißt "Sieben Tage in der Kunstwelt" und ist in sieben Kapitel unterteilt, die sich vorgeblich an je einem Tag abgespielt haben. Doch beim Lesen stellt man schnell fest: Sie haben nicht bloß sieben Tage, sondern eher sieben Jahre in der Kunstwelt verbracht. Weshalb dieses Raster?

Sarah Thornton: Es stimmt natürlich, ich habe für dieses Buch jahrelang recherchiert und insgesamt mehr als 250 Interviews geführt. Aber ich wollte mit den sieben Kapiteln die wesentlichen Subkulturen in der Kunstwelt und das jeweils Typische darin abdecken, hierfür habe ich versucht, repräsentative Ereignisse wie die Messe in Basel oder die Biennale in Venedig auszuwählen. Ich bin ziemlich stolz auf diese Struktur: Für den Leser bietet sie eine angenehme Möglichkeit zwischen den einzelnen Szenen, wie der Auktionswelt, der Messewelt oder der Welt der Kunstkritik zu springen, und mir erlaubt sie, in die Tiefe zu gehen und zu zeigen, wie die unterschiedlichen Welten im Einzelnen funktionieren. Schwierig war das natürlich im Kapitel "Atelier". Künstler sind ja nicht austauschbar und repräsentieren immer nur sich selbst. Takashi Murakami schien mir trotzdem eine gute Wahl zu sein, weil ich bei ihm demonstrieren konnte, wie wichtig das Atelier als Ort der Interaktion für die verschiedenen Protagonisten der Kunstwelt ist.

Was war der Anlass, ein Buch über die Kunstszene zu schreiben?

Ich habe zwar mal Kunstgeschichte studiert und eine zeitlang in einer Galerie in Montreal gearbeitet, aber dann ging ich nach London, wurde Soziologin, habe Musik und Medien unterrichtet und ein Buch über Clubkultur verfasst. Ich hatte komplett den Zugang zur Kunstwelt verloren. Das wollte ich gerne reaktivieren, weil mich zeitgenössische Kunst enorm interessiert.

Ist es überhaupt möglich für Leute, die keine Funktion in der Kunstwelt haben, Zugang zu ihr zu bekommen?

Ich glaube, das ist extrem schwierig, um ehrlich zu sein. Die Kunstwelt will immer, dass du eine bestimmte Rolle hast. Als ich anfing, durch die Galerien in London zu gehen, habe ich gesagt, ich bin Soziologin. Das war aber keine legitime Kategorie. Du musst entweder Sammler, Kritiker, Kurator oder Künstler sein. Vielleicht noch Auktionator. Man kommt da ohne Alibis nicht rein. Man kann sich natürlich die Arbeiten angucken. Die Eröffnungen sind ja meistens für alle zugänglich. Es ist übrigens lustig, dass das in Amerika so einladend "Opening" heißt und in England nennt man es "private view". Es ist eine absichtlich hermetische Welt. Und sehr hierarchisch. Sehr snobistisch. Allerdings auf verschiedene Weisen. Die Auktionswelt ist snobistisch was Geld angeht: Bist du reich oder nicht, was trägst du für Schuhe? Die East-End-Künstlerwelt fragt eher nach deiner Intellektualität. Das ist eines der Dinge, die mich als Soziologin faszinieren. Viele Künstler verabscheuen allerdings die Kunstwelt, weil es ziemlich hart ist, sich mit seiner sozialen Position darin auseinanderzusetzen. Künstlerhierarchien sind brutal und viel komplizierter als militärische Hierarchien.

Wie bekamen Sie also Zugang zu diesem exklusiven Zirkel?

Das "Tate Magazine", eine Zeitschrift für Freunde und Mitarbeiter des Museums, bat mich, einen Artikel über die Beziehung zwischen Händlern und Sammlern zu schreiben. Es war nur ein kleiner Text, aber ich führte 30 Interviews. Dann bekam ich den Auftrag für einen zweiten Text über die Beziehung zwischen Händlern und Künstlern. Und ich führte noch mal 28 Interviews. Für diese zwei winzigen Artikel hatte ich also 58 lange, intensive Interviews gemacht.

Hatten Sie da schon vor, ein Buch zu schreiben?

Ja, ich habe das Magazin als eine Art Türöffner benutzt. Weil ich auch noch nicht genau wusste, worum es in meinem Buch gehen sollte. Ich dachte: Okay, ich möchte diese Welt verstehen, aber ich war mir nicht sicher, welche Form das annehmen könnte. Ich habe eine ganze Weile gebraucht, um das herauszufinden. Die Artikel für das Tate Magazine hatte ich in einer typisch ethnografischen Manier geschrieben, insofern als niemand benannt wurde. Die hießen alle "ein deutscher Händler" oder "ein 45-jähriger männlicher Künstler". Danach war mir allerdings klar: Ich kann nicht über die Kunstwelt schreiben, ohne die Namen der Künstler zu nennen. Das würde keinen Sinn ergeben. Das Projekt begann also als ein Ethnografisches, ist es meiner Ansicht nach immer noch. Es wurde eine Art Sozialgeschichte der Gegenwart, zu der Zeit, als ich es geschrieben habe. Jetzt ist es eine Sozialgeschichte der jüngsten Vergangenheit. Und weil die Künstler nicht austauschbar waren, musste ich auch alle anderen namentlich nennen: die Händler, die Sammler. Nur vier Sammler wollten anonym bleiben. Aber die sind so typisch, dass viele glauben, zu wissen, um wen es sich handelt.

Kommentieren Sie diesen Artikel

0 Leserkommentare vorhanden

Abo