Transmediale – Medienkunst damals und heute

Katerstimmung

Die Transmediale feiert 30-jähriges Jubiläum, aber die einstigen Ideale des Festivals werden heute von Trump und Co verraten. Antje Stahl traf den künstlerischen Leiter Kristoffer Gansing und sprach mit ihm über die Geschichte des Festivals, die Totalität der Digitalisierung und die Trumpisierung der sozialen Medien.
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Pinar Yoldas – Artificial Intelligence for Governance: "The Kitty AI", 2016

art: Die Transmediale läuft seit ein paar Tagen. Sind Sie euphorisiert oder verkatert?

Kristoffer Gansing: Am Tag nach der Eröffnungsveranstaltung war ich wohl verkatert. Ein wenig. Wir waren vorher alle etwas nervös, da die Renovierungsarbeiten am Haus der Kulturen der Welt erst kurz vor dem Start der Transmediale abgeschlossen wurden. Und entsprechend ausgelassen, als das Festival beginnen konnte.

Sie feiern 30-jähriges Jubiläum. Ist die Transmediale jetzt erwachsen?

Das Festival ist auf jeden Fall ge-wachsen. Die erste Ausgabe fand noch im Rahmen der Berlinale statt. Video wurde traditionell nicht auf Filmfestspielen gezeigt und das traf zunehmend auf Kritik. Vor allem engagierte sich die 68er-Generation für ein Kino, das experimentell und politisch arbeitet. Das ging auch an Berlin nicht vorbei. Die Medienkooperative forderte 1987 endlich ein Sonderprogramm zu konzipieren, das sich dem Video und der Videokunst widmet. Ein Jahr später organisierten sie ihr eigenes Festival bereits unabhängig vom Filmfest.

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Gesprächspartner und aktueller Leiter der Transmediale: Kristoffer Gansing

Wie darf man sich das Videofest von damals vorstellen?

Dem Gründer Mickey Kwella war es von Anfang an wichtig, jenseits des Mainstreams zu forschen und zu arbeiten, das heißt sich grundsätzlich mit neuen Medien auseinanderzusetzen. Die ersten Jahre fand das Videofest noch in kleinen Büroräumen der Medienkooperative auf der Potsdamerstraße statt - natürlich mit Riesenbeamern und Monitoren. Anfang der 90er-Jahre verlegten sie das Programm in die Akademie der Künste Ost. Die Institution hatte, ganz im Gegensatz zur ihrer Schwester im Westen übrigens, das Festival mit offenen Armen empfangen. Kwella konnte nach dem Mauerfall die Gegenöffentlichkeit, die er im Sinn hatte, im ehemaligen Staatsgebiet der DDR realisieren, musste jedoch mit einem Publikum rechnen, dass rüber in den Westen wollte.

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Mitbegründer und erster künstlerischer Leiter der Transmediale: Micky Kwella

Der erste "Clash of Virtual and Real Space"?

Neben dem eher klassischen Videoprogramm wurden auf jeden Fall immer mehr Konferenzen organisiert, die solche Themen reflektierten. Mitte der 90er-Jahre drängten sich bereits Fragen zum Verhältnis zwischen Menschen und Maschinen auf. Die Technologie veränderte sich. Nicht nur Videokameras gelangten in die Haushalte, vor allem Computer. Immer mehr Menschen bekamen Zugang zum Internet. Begriffe wie Soft- und Hardware wirkten sich auf das Menschenbild aus: Im Rahmen des Videofests diskutierte man zum Beispiel über den Menschen als "Wet Ware".

Macht Sie das nostalgisch?

Die neuen Medien wurden von der breiten Öffentlichkeit Ende der 90er-Jahre anders begrüßt als heute. Sie repräsentierten ein Ideal, eröffneten neue Räume, jeder konnte, so lautete jedenfalls das Versprechen, mitmachen. Das begann sich Anfang der 2000er-Jahre drastisch zu verändern. Der neue künstlerische Leiter Andreas Broeckmann bewegte sich bereits in einer kritischen Netzkultur.

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"Medien eröffneten neue Räume" – Bild aus einem Festivaltrailer von 1992

Die fortan auch von der Bundeszentrale für politische Bildung gefördert wurde.

Die Medienszene war ein Hybrid, dessen kommerzieller Nutzen nicht klar war. Arbeitet sie für die Medienindustrie? Für die Forschung? Sind das Aktivisten? Ich habe immer noch keine klare Antwort darauf. Es ist auch nicht einfach, darüber zu sprechen: Die diskursiven Ambitionen waren vielleicht größer als ein abgeschlossenes Kunstwerk zu präsentieren.

2005 wurde der Name Transmediale durch einen Untertitel erweitert: "Art & Digital Culture". Verlor der Künstler seinerzeit an Bedeutung?

Nein, es war wichtig, den selbstverständlichen, alltäglichen Umgang mit den Medien in der Gesellschaft aufzugreifen. Künstler werden im Zuge dieser Entwicklung eigentlich immer wichtiger: Sie hinterfragen die Rolle der Technologie in unserem Leben kritisch – fragen, welche sie in Zukunft spielen soll. Welche Alternativen und anderen Denkmodelle es gibt. Ich spreche auch lieber von Post-Digital. Digitale Kultur setzt voraus, dass es um eine Totalität der Digitalisierung geht. Die gibt es aber nicht.

Der Begriff "Alternative" verbreitet heute mehr Schrecken als Hoffnung. Er rechtfertigt seit Monaten die Verbreitung von Lügen, Rassismus und Xenophobie.

Die subversive Medienkultur ist in einer großen Krise. Das sehe ich auch so. Schaut man zurück, standen Kollektive wie Anonymous für eine progressive, wohl auch anarchistische, virale Netzkultur, die Botschaften verbreiteten auch über alternative Kanäle. Twitter, Facebook und andere soziale Medien wurden von uns als ähnlich subversiv erfahren. Die Alt-Right-Bewegung missbraucht diese Kultur für ihre Zwecke. Social Media ist heute das Gegenteil von dem, was auf Festivals wie der Transmediale gefeiert wurde. Man denke nur an das Labyrinth, ein Projekt aus dem Jahr 1988 von Friederike Anders, Ilka Lauchstädt und Mari Cantu, in dem User entscheiden konnten, welchen Weg sie einschlagen konnten und den Ausgang der Geschichte mitbestimmten. Es ging um nicht-lineare Erzählweisen. Das Computerspiel war nicht politisch. Aber wenn man sich heute anschaut, welche Wege Unternehmen einschlagen: White, Male, Supreme ... Heute kann jeder überall verbreiten was immer er will, auch Hass und Ressentiments. Aber kaum jemand kümmert sich noch um Langstrecken, Zukunftsvisionen. Es geht ausschließlich um unmittelbare Reaktionen.

Wie verhalten sich die Künstler der diesjährigen Transmediale dazu?

Es gibt eine Arbeit von Geraldine Juárez, die uns auf die Eröffnung des Google-Cultural-Institute führt und eine alternatives Szenario eröffnet. Herausgestellt wird der Irrglaube, dass ein Unternehmen aus Kalifornien Kulturen retten kann. Die Digitalisierung des kulturellen Erbes nicht-westlicher Länder wird als eine Fortführung der Kolonialisierung ausgestellt. Postkoloniale Strategien sind im postkolonialen Zeitalter wichtiger denn je. Donald Trump besitzt übrigens Anteile an Cambridge Analytica. Gefährlich sind nicht seine Tweets, sondern seine Macht, Daten und Medien zu mobilisieren.

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