Debatte: Donald Trump und die Kunst

Trump als Metapher

Er bricht die Regeln des guten Geschmacks und bringt gewohnte Sicherheiten ins Wanken – beinahe wie ein Künstler. Wie Donald Trump mit seiner Strategie der Provokation die Methoden moderner Kunst kopiert und warum sie in der Politik nichts zu suchen haben.
Trump als Metapher

Letzte Handgriffe vor der Vereidigung: Donald-Trump-Wachsfigur bei Madame Tussauds in London

Donald Trump wurde in den letzten Monaten mit allen nur denkbaren Methoden analysiert, für jede seiner Gesten, jeden seiner Tweets gibt es unzählige Interpretationen, mit diversen Personen aus Geschichte und Gegenwart setzte man ihn in Beziehung. Nicht zuletzt verglich man seine Regelverletzungen sogar mit Strategien moderner Kunst, die darin bestehen, die Öffentlichkeit vor den Kopf zu stoßen, unkonventionell und rätselhaft zu sein und so zu immer neuen Deutungen herauszufordern. Besonders häufig bringen Trump-Interpreten dabei Jeff Koons ins Spiel. Obwohl Trump erklärtermaßen kein Anhänger zeitgenössischer Kunst ist, und obwohl Koons umgekehrt im Wahlkampf keinen Zweifel an seiner Vorliebe für Hillary Clinton ließ, scheint zwischen beiden eine Art von Wahlverwandtschaft diagnostizierbar zu sein.

Wolfgang Ullrich
Wolfgang Ullrich war Professor für Kunstwissenschaft und Medientheorie an der HfG in Karlsruhe. Er ist Autor zahlreicher Bücher und lebt in Leipzig.

Schon während des Wahlkampfs twitterte die Schriftstellerin Joyce Carol Oates, "Donald Trump is the Jeff Koons of US politics", um sogleich die Frage nachzuschieben, ob Koons nicht genauso der Trump des US-Kunstbetriebs sei ("or is Jeff Koons the Donald Trump of US 'art world'--?"). Auch Jonathan Jones, Kunstkritiker im Guardian, sieht in Trump und Koons parallele Phänomene: In ihrer langen Laufbahn hätten beide viel dafür getan, um den guten Geschmack und jegliches Feingefühl zu zerstören ("to destroy taste, sensitivity"), ja hätten die Überzeugung zunichte gemacht, wonach es für finanziellen Erfolg irgendein Talent brauche. Zielt dieses Urteil darauf, Koons durch den Vergleich mit Trump zu diskreditieren, so nützt der Modedesigner Wolfgang Joop ein ganz ähnliches Argument, um umgekehrt Trump aufzuwerten. In einem Interview im FAZ-Magazin spricht er ebenfalls davon, dass sich bei Trump eine "Umkehrung von jedem Geschmack" vollziehe, was aber "auch an die Kunst von Jeff Koons" erinnere, "einem von mir sehr geschätzten Künstler".

Tatsächlich lebt die Readymade-Tradition, in der Koons steht, wenn er Staubsauger, Oberammergauer Schnitzwerk, Werbeanzeigen oder Pornobilder in den Kunstbetrieb transferiert, vom Verstoß gegen Konventionen und Regeln guten Geschmacks. Jedes Mal muss erst eine Verständigung darüber hergestellt werden, ob das als Kunst interessant sein kann und was es als solche bedeuten könnte. Dabei ist Koons raffiniert genug, die Interpretation seiner Werke selbst anzufachen und so weit wie möglich zu steuern. In zahlreichen Interviews lädt er sie mit Bedeutungen auf – wohlgemerkt dieselben Werke immer wieder mit ganz anderen und ganz unerwarteten Bedeutungen. Die Kunstwissenschaftlerin Anne Breucha hat gezeigt, wie Koons ein "permutatives System aus wiederkehrenden bedeutungsschweren Begriffen" geschaffen hat, die es erlauben, an sich bedeutungsoffene Werke je nach akutem Interesse neu zu definieren (Anne Breucha: "Die Kunst der Postproduktion."). Seine Skulptur eines Hasen aus poliertem Edelstahl ist so einmal ein Symbol für Sexualität und Fruchtbarkeit, ein anderes Mal wird sie religiös überhöht oder aber mit Politik in Verbindung gebracht. Insgesamt entsteht so ein Eindruck von Willkür und, je nach Standpunkt, geschmackloser oder glamouröser Übertreibung. In jedem Fall aber ist der Künstler derjenige, bei dem alles alles bedeuten kann und für den es weder bei dem, was er macht, noch beim Umgang damit irgendwelche Regeln gibt, an die er sich halten müsste.

Jeder Vergleich zwischen Trump und Jeff Koons ist eine Verharmlosung

Eben deshalb ist ein Vergleich mit Trump durchaus möglich. Zum selben Sachverhalt oder zur selben Person gibt auch er oft konträre Urteile ab, so dass etwa Angela Merkel von ihm wahlweise als "verrückt" oder als "großartige Politikerin" bezeichnet wird. Zudem verwirrt er mit Behauptungen, die so offenkundig falsch sind, dass rätselhaft ist, was er wirklich damit meint. Vor allem aber überträgt er seinen Habitus als Geschäftsmann, Reality-TV-Star und Figur der Popkultur auf eine Rolle, in der es eigentlich um Diplomatie, Geschichtsbewusstsein und Gewaltenteilung geht; mit seinem Verhalten und seiner Sprache verstößt er fast immer gegen Konventionen. Ob er Mexikaner pauschal als Vergewaltiger bezeichnet, ob er die eingespielte Parteiendemokratie ignoriert, ob er als Twitter-User nicht zwischen privater Meinung und offiziellem Statement unterscheidet oder ob er bei einer Rede Behinderte nachäfft – das alles war in westlichen Staaten bisher undenkbar. Und wenn er selbst immer wieder stolz darauf ist, gegen 'political correctness' zu verstoßen, wird der Konventionsbruch geradezu zur Methode erhoben.

Bitte nicht lachen!
Jeff Koons gibt uns die Kugel: In seiner neuesten Ausstellung bei Gagosian adelt der Künstler die amerikanische Version des Gartenzwergs und verarztet mit ihnen berühmte Meisterwerke der Kunstgeschichte. Was ein hübscher Gag sein könnte, ist leider bitterer Ernst

Die Verunsicherung steigert sich, wenn Trump sogar öffentlich zugibt, zu einer einmal getroffenen Aussage nicht länger zu stehen. So oft und laut er etwa vor der Wahl davon sprach, das Wahlsystem sei manipuliert, so wenig behauptete er das noch nach der Wahl: "Jetzt sage ich das nicht mehr, weil ich gewonnen habe. Es ist mir egal." Solche Widersprüche sind für Trumps Anhänger aber nicht nur kein Problem, sie steigern sogar die Faszination an ihm. Je offenkundiger seine Aussagen und Verhaltensweisen willkürlich sind, desto stärker entsteht das Bild einer Person, die sich durch Konventionsbrüche definiert. Das wiederum wird als Zeichen von Stärke und Überlegenheit, ja von völliger Unabhängigkeit wahrgenommen.

Spätestens hier jedoch ist jeder Vergleich zwischen Trump und Koons eine Verharmlosung. Denn während ein Künstler einfach nur seine Autonomie unter Beweis stellen will, wenn er bei dem, was er sagt und tut, bewusst nicht auf Kohärenz und Evidenz achtet, kann die Verunsicherung, die ein Politiker mit willkürlichem Verhalten erzeugt, schnell zu gesellschaftlichen oder internationalen Krisen führen. Und nicht nur das. Ein derartiger Politikstil ist zutiefst undemokratisch. Mit Strategien permanenter Überraschung und Verwirrung werden Maßstäbe außer Kraft gesetzt, Argumente der Gegner laufen ins Leere, und am Ende steht, wie der ungehinderte Siegeszug Trumps beweist, eine vollständige Selbstimmunisierung.

»Einfach nur Spaß daran, dass etwas Verrücktes passiert.«

Um das Gefährliche von Trumps Politikstil besser zu begreifen, hilft überraschenderweise ein 1978 publizierter Aufsatz des US-amerikanischen Philosophen Donald Davidson, der eigentlich der Bedeutung von Metaphern gewidmet ist (Donald Davidson: "What Metaphors mean?"). Darin entwickelt Davidson einen Begriff von Metapher, der an das Konzept des Readymade erinnert, versteht er darunter doch, ganz wörtlich, den Transfer eines Wortes, einer Geste, eines Codes in einen anderen Bereich. Durch den Transfer, so seine These, wird eine geregelte Konversation jäh unterbrochen und eine Situation geschaffen, die eigens nach Deutung verlangt. Wenn jemand sagt, alles Fleisch sei Gras oder Wolken seien Freunde, ist das also ein befremdliches Verhalten – nicht anders als wenn ein Fußballspieler nach einem Torerfolg statt einer Jubelgeste eine obszöne Handbewegung macht. Wie diese aber im ungewohnten Kontext ebenfalls nur als obszön wahrgenommen werden kann, wird auch eine Metapher nach wie vor in ihrer wörtlichen Bedeutung verstanden. Sie muss jedoch erst eigens mit Sinn unterlegt und damit als Fremdkörper assimiliert werden – oder sie erscheint allen Erklärungsversuchen zum Trotz als sinnlos, ja wird als peinlich oder gaga empfunden.

Die Deutungen, die eine Metapher erfährt, sind weder vorhersehbar noch abschließbar, und dies gilt umso mehr für Metaphern, bei denen der Transfer besonders überraschend oder besonders weitreichend ist. Dann polarisieren sie auf jeden Fall, und den einen fällt es entsetzlich schwer, sich einen Reim darauf zu machen, während die anderen in einem Lebensgefühl bestärkt werden oder einfach nur Spaß daran haben, dass etwas Verrücktes passiert.

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In diesem Sinne aber ist Donald Trump als Politiker und US-Präsident eine einzige große Metapher. Das klingt nur verwunderlich, solange man ein schöngeistiges Bild von Metaphern besitzt und allein ihre alltagsverklärende Poesie wahrnehmen will. Davidson hingegen legt den Akzent auf die von ihnen ausgehende Verstörung. Einmal vergleicht er eine Metapher sogar mit einem Schlag auf den Kopf: In ihr steckt aggressives Potenzial, aber eben dadurch kann sie auch dazu führen, dass man etwas anders wahrnimmt oder neu über etwas nachdenkt. Eine Metapher kann jedoch vor allem ernüchternd wirken, und die Geschichte ist voll von Beispielen, bei denen im Gefolge der Verunsicherung, die von Metaphern ausgeht, Gefühle wie Angst, Hass und Minderwertigkeit geschürt wurden. Ob ein religiöser Prediger Gläubige damit einschüchtert, dass er den Menschen an sich als elenden Wurm oder einzelne Ungläubige als Ratten bezeichnet, oder ob Donald Trump eine Journalistin – und mit ihr jede Frau – zum unzurechnungsfähig-blutenden Wesen erklärt ("Aus ihren Augen kam Blut, Blut kam aus ihr heraus ... woher auch immer."), macht hierbei keinen Unterschied.

Metapher oder Lüge?

Wichtig ist außerdem, dass Davidson auf eine Ähnlichkeit zwischen Metaphern und Lügen hinweist. So stellt er heraus, dass sich auch bei letzteren nicht die Bedeutung der verwendeten Worte ändert, sie vielmehr nur anders verwendet werden als üblich. Dabei ist für den Außenstehenden oft nicht erkennbar, wann ein Konventionsbruch eine Lüge und wann er eine Metapher ist. Gerade darin aber sind Metaphern und Lügen gefährlich. Denn weil Worte, Zeichen, Gesten zwar ihre angestammte Bedeutung behalten, aufgrund ihrer unüblichen Verwendungsweise aber ein Schwebezustand entsteht, ist nicht klar, was diese Bedeutung noch für einen Sinn hat. Dass eine Metapher nicht paraphrasiert werden kann, wie Davidson weiter sagt, heißt, dass derjenige, der sie einführt, auch nie auf etwas festzulegen ist, alle anderen rätseln lässt und, sobald sie sich vielleicht doch auf eine Deutung einigen, mit einem Dementi oder einer weiteren Volte erneut jeden Diskurs zerstören kann.

Im Absolutismus galt ein solches Verhalten als Zeichen für das Gottesgnadentum des Herrschers: In seiner Willkür drückte sich eine Weisheit aus, die menschlicher Vernunft überlegen war. Zahlreiche Fürsten und Adelige der Neuzeit setzten daher, wie ein jüngst erschienener Sammelband über Politikstile belegt, "auf Ambiguitäten", ja "auf das Durchbrechen der vom Herrscher üblicherweise eingeforderten Rollenmodelle", wobei sie sich dazu, vor allem im Manierismus, sogar oft von Künstlern inspirieren oder anleiten ließen (Christine Tauber: "Stilpolitik im Palazzo del Te in Manuta"). In einer säkularen Welt hingegen mag ein auf Konventionsbrüche angelegter Politikstil zwar von naiven oder aggressiven Gemütern als Überwindung von Etikette und Establishment, als Ausdruck von Ehrlichkeit und Authentizität gefeiert werden, doch droht er alles, was verbindlich schien und einen demokratischen Staat funktionsfähig machte, zu untergraben. Das ist letztlich mit der oft bemühten Vokabel "postfaktisch" gemeint: Wo andauernd Codes verletzt und Konventionen gebrochen werden, ja wo der Sinn von Aussagen oder Handlungen nicht mehr paraphrasierbar ist, da hat die Vernunft keine Basis mehr. Sie hat ausgedient. Es herrscht Willkür.

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Interviews und kritische Debattenbeiträge aus der Kunstwelt