Carolyn Christov-Bakargiev

Documenta 13

"Ich mache keine Selektion, sondern eine Elektion"
Documenta-Chefin Carolyn Christov-Bakargiev (Foto: Ryszard Kasiewicz)

"ICH MACHE KEINE SELEKTION, SONDERN EINE ELEKTION"

Die Documenta 13 findet zwar erst 2012 in Kassel statt, doch schon jetzt haben für Carolyn Christov-Bakargiev die Vorbreitungen begonnen. Ein Interview mit der Documenta-Leiterin, die schon eifrig Deutsch lernt.

// UTE DIEHL, RIVOLI

Frau Christov-Bakargiev, Sie sind künstlerische Leiterin der Documenta in Kassel und Interims-Direktorin des Castello di Rivoli, daneben haben Sie Familie. Wie bekommt man das alles in den Griff?

Carolyn Christov-Bakargiev: Das geht sehr gut. Meine Arbeit macht mir einen Riesenspaß. Sie entspannt mich. Ich lerne übrigens auch fleißig Deutsch.

Sie pflegen intensive Freundschaften zu Künstlern. Macht Liebe blind?

Ich bin sehr gerne mit meinen Künstlern zusammen. Wir sitzen zusammen und sagen uns alles, so wie in diesem surrealistischen Filmklassiker von Luis Buñuel, wo die Gäste auf Kloschüsseln um den Tisch sitzen.

Haben Sie für die kommende Documenta schon ein Thema im Kopf?

Nein, nein. Ich habe eine Verfahrensweise im Kopf, eine Methodologie, kein Thema.

Sie haben einmal gesagt, die Arbeit des Kurators sei eigentlich schädlich für die Kunst...

Ich mag das Wort Kurator nicht besonders. Das hört sich an, als ob eine Krankheit geheilt werden müsste. Der Kurator spielt heute in der Welt der Kunst die Rolle eines Kontrolleurs. Er regelt den Verkehr und sorgt dafür, dass das System der Kunst wie eine gut geölte Maschine funktioniert.

Und Sie wollen da Sand ins Getriebe streuen?

Nein, ich gehe einfach nur dahin, wo mir etwas unverständlich ist. Nicht dahin, wo sich die Dinge wiederholen. Im Lauf der Zeit entwickelt sich dann etwas. Es bildet sich ein Organismus.

Und wie wählen Sie die Künstler aus?

Ich sortiere sie nicht aus, sondern wähle. Ich mache keine Selektion, sondern eine Elektion.

Nach welchen Kriterien?

Sie würden doch auch nie einen Philosophen um eine Erklärung bitten, warum er sich mit bestimmten Argumenten befasst oder warum er bestimmte Bücher liest. Es gibt ja so viele Bücher. Giorgio Agamben kann sich doch entscheiden, ob er das letzte Buch von Pierre Bourdieu lesen will, oder das von Julia Kristeva oder lieber das von Peter Sloterdijk. Solche Entscheidungen stehen auch im Zusammenhang mit dem, was man früher schon gelesen hat. Man müsste also ein Psychoanalytiker sein, um diese Mechanismen zu verstehen.

Was raten Sie einem jungen Künstler?

Er sollte versuchen, in der Werkstatt eines erfolgreichen Künstlers zu arbeiten. So wie das die Künstler in der Renaissance machten. Man lernt dabei Leute kennen und versteht langsam, wie das Netzwerk funktioniert. Und wenn ein Künstler wirklich gut ist, kommt er auch ans Licht. Das kann allerdings lange dauern. Auch William Kentridge hat lange gebraucht, bis er bekannt wurde. Es war ja nicht so, dass Marian Goodman bei ihm zu Hause geklingelt hätte. Sie hat ihn erst 1997 auf der Documenta entdeckt. Ich hatte ihn allerdings schon Jahre vorher schätzen gelernt.

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5 Leserkommentare vorhanden

Werner Hahn

19:29

14 / 07 / 09 // 

ELEKTION statt Selektion – KRITERIENlosigkeit zur d13!?

Im „art“-Interview wurde C.-BAKARGIEV gefragt: „Und wie wählen Sie die Künstler aus?“: „Ich sortiere sie nicht aus, sondern wähle. Ich mache keine Selektion, sondern eine Elektion“, meinte die d13-Allein-Macherin. Art: „Nach welchen Kriterien?“ – C.B. ausweichend: „Sie würden doch auch nie einen Philosophen um eine Erklärung bitten, warum er sich mit bestimmten Argumenten befasst oder warum er bestimmte Bücher liest. Es gibt ja so viele Bücher. (…) Solche Entscheidungen stehen auch im Zusammenhang mit dem, was man früher schon gelesen hat. Man müsste also ein Psychoanalytiker sein, um diese Mechanismen zu verstehen.“ Und: „wenn ein Künstler wirklich gut ist, kommt er auch ans Licht. Das kann allerdings lange dauern“. FRAGE: Droht der Kunstwelt eine BAKARGIEViade? Was Frau CHRISTOV-BAKARGIEY zu ihrer Wahl als Documenta-Macherin geführt habe, wurde die d13-Macherin in einem anderen Interview gefragt. „Mit welchem KONZEPT haben Sie sich vorgestellt?“ - Ihre Antwort: „Über ein Konzept kann ich nicht reden. Erstens wäre es unklug, dreieinhalb Jahre vorher darüber zu sprechen, zweitens wäre es eine Lüge. Das entwickelt sich im Lauf der Zeit. Der Faktor Zeit gehört zu den wesentlichen Bedingungen der Documenta.“ (Der Tagesspiegel, Nicola KUHN v. 18.03.09.) Die Macherin steht zu ihrer „Negativität“. Ich „neige dazu, just das zu vermeiden, was man von mir erwartet. In jedem Fall will ich kein Spektakel“, betont sie. Ausstellungen würden heute auf dem „YouTube-Prinzip“ basieren: „Dort klickt man sich von einem Video zum nächsten, alles ist ständig verfügbar, so gut wie nichts hat etwas mit dem anderen zu tun. Es ist eine Erfahrung der Omnipotenz und zugleich eine Erfahrung der Beliebigkeit. Gerne würde ich dazu ein Gegenmodell entwickeln.“ Ein GEGENMODELL zur BUERGELiade (d12) der Beliebigkeiten? „Ist zur d13 eine BAKARGIEViade zu erwarten?“, fragte ich in diversen WEB-Artikeln. (Mehr: Googeln und im WEB http://www.documentakassel.com/?s=ba

Werner Hahn

19:55

14 / 07 / 09 // 

DOCUMENTA-Machen mit LÜGEN? – Nichts Neues zur d13?

Solo-Kuratorin“ C.-BAKARGIEV sagt im ZEIT-Interview (NR. 28 v. 02.07.09) auch, sie sei „eben nicht an einer Ausstellung interessiert, in der die Kunst als Ware dargeboten wird. Mir missfällt es, aus der Kunst einen Fetisch zu machen. Mich interessieren Prozesse.“ Das klingt nicht schlecht. Auf die Gretchen-Frage „Was heißt das für Ihre Künstlerauswahl?“ erwidert C.B. „Die Frage musste ja kommen. Aber ich werde Ihnen keine Namen nennen.“ Kritiker Hanno RAUTERBERG: „Heißt das, Sie machen aus der Künstlerliste einen Fetisch, so wie viele Ihrer Vorgänger?“ C.B.: (…) „Wichtig ist doch auch in dieser Frage nicht das Wer, sondern das Wie. Ich will doch nicht irgendwelche Namen einladen und diesen Namen dann sagen: Liefert ein Werk bis zu dem und dem Datum! Ich arbeite mit Menschen, das ist es, was mich interessiert. Der Austausch, das gemeinsame Nachdenken und Lernen. Und was ich mit der Künstlerliste mache? Vielleicht schicke ich an jede Zeitung eine andere. Oder ich veröffentliche jede Woche neue Listen mit neuen Namen.“ ZEIT: „Mit anderen Worten, Sie lügen.“ C.B.: „Ja, die Unwahrheit ist eine meiner großen Leidenschaften – ein Ort der eigenen Zerbrechlichkeit. Wahrheiten haben ohnehin viel zu viel Leid hervorgebracht.“ C.B. glaubt auch: „Das Wort ‚documenta’ ist die Mehrzahl von documentum, und das heißt Mahnung und Lektion“ – H.R.: „Ich dachte immer, es hieße so etwas wie Beweisstück.“ (documentum = Urkunde, Beweis(schrift); dokumentieren: beurkunden, beweisen, offenbaren, an den Tag legen.) Unlogisches, Verspieltes und Poetisches - nichts Neues zur d13? Frau Christov-BAKARGIEV möchte mit ihrer Einladung der früheren d-Macher ein Forum bieten, um die documenta-Geschichte zu reflektieren. Die d13-Chefin wolle in Turin Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zusammenbringen: d-MacherInnen sollen ihr Gegenwartsverständnis zur Zeit der von ihnen ausgerichteten documenta beschreiben. (Castello di Rivoli - Veranstaltungsort für die Konferenz am 18. September

Werner Hahn

20:21

14 / 07 / 09 // 

Documenta-13-„Kulturprojekt“ aus archäologischer Perspektive?

"Die DOCUMENTA 13" – schreibt BAKARGIEV – werde „aus einer archäologischen Perspektive, einer ökologischen Beziehung zur Vergangenheit heraus entwickelt, in der jedes für die Zukunft geplante Kulturprojekt sich aus einem Blick zurück entwickeln muss - wie stellte man sich etwa in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Gegenwart vor und was galt bei den verschiedenen documenta-Ausgaben jeweils als dringendes Anliegen?" Gleichzeitig begeistert sich die d13 "...persönlich für das Unlogische, Verspielte und Poetische, für das Zelebrieren von Kunstwerken und dafür, Besucher eines Ereignisses wie der documenta einzubinden und es für sie zu einer einzigartigen Erfahrung zu machen." D13-Blick zurück unkritisch-selbstdarstellerisch? Documenta-REFORM tut not! - Carolyn C.-BAKARGIEV hat als „künstlerische Leiterin“ der documenta 13 (2012) für September 2009 eine „d documenta“ (zweitägige Konferenz in Turin) annonciert. Die Konferenz will auf dem Weg zur documenta 13 die „Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der documenta zu einem Dialog zusammen“ bringen. Gefördert durch das Hessische Ministerium für Wissenschaft und Kunst (ebenda Infos zur Konferenz) wird von den Veranstaltern behauptet, die documenta setze sich „dadurch von anderen regelmäßigen internationalen Kunst-Ausstellungen, die sich aus den Weltausstellungsmodellen des 19. Jahrhunderts herleiten, durch ihre theoretische Basis und das Bewusstsein für die gesellschaftliche Notwendigkeit von Kunst ab“. Das gelte angeblich „heute noch genauso wie vor 50 Jahren“. Die documenta 13 werde ein „Kulturprojekt (…) aus einem Blick zurück“. Was bei den verschiedenen documenta-Ausgaben jeweils „als dringendes Anliegen" galt, soll diskutiert werden.

Werner Hahn

20:27

14 / 07 / 09 // 

Geschönte documenta-Geschichte? Documenta-„KUNST“-Notstand

Die Diskussion in Turin („d documenta“ – Konferenz) sollte sich NICHT mit der mutmaßlich unkritischen Selbstdarstellung der noch lebenden „Kuratoren“ (der sog. „künstlerischen LeiterInnen) zufrieden geben: M. Schneckenburger (d6, 1977 und d8, 1987), R. Fuchs, d7 (1982), J. Hoet, d IX (1992), C. David, d X (1997), O. Enwezor, d11 (2002) sowie R. M. Buergel, d12 (2007). Zur berechtigten massiv-öffentlichen Kritik an den jeweiligen documentas (samt Kuratoren) wird wohl nicht Stellung bezogen. GUT ist: Eingeladen wurde auch Walter GRASSKAMP, ein documenta-kritischer Professor für Kunstgeschichte an der Akademie der Bildenden Künste, München („zur documenta 1955, II. documenta 1959, documenta III 1964, 4. documenta 1968“). GRASSKAMP sagte – bezogen auf documentas -, es „kennt jeder, der sich ein paar Jahre im Kunstbetrieb umtut, die fließenden Übergänge zwischen Kollegialität und Kollaboration, zwischen Gefälligkeit und Geschäftstüchtigkeit, zwischen Gentlemen- und Gaunermethoden, an denen die Teilnehmer dieses Betriebs nolens volens teilhaben, gleichgültig ob es sich um Händler, Kritiker, Sammler, Ausstellungsmacher oder Künstler handelt“. Der zur Konferenz eingeladene Historiker registrierte, „gerade im Hinblick auf Galeristenverfilzung … die durch Dementis nicht vom Tisch zu wischen war“, dass „man die documenta als ein Modellfall für die Frage betrachten kann, wie Kunstgeschichte gemacht wird“. Es kann als erwiesen gelten: „Galeristen mischen nun mal massiv dabei mit, wenn Kunstgeschichte gemacht wird, das ist ein alter Hut“. Siehe mehr in Essays unter http://www.art-and-science.de/11.htm. Ebenda auch zur politischen Ausbeutung und weltanschaulichen Entmündigung der KUNST in der BRD (auf documentas), die als Folge einer „Kulturpolitik des schlechten Gewissens“ interpretiert werden kann. A.a.O. auch zum DEMOKRATISIERUNGs-Druck, wie er durch den „Fall documenta“ erklärt worden ist; Ermöglichen einer „Kulturpolitik des guten Gewissens“.

Eva Horstick-Schmitt Arteve

16:43

04 / 11 / 09 // 

Documenta 13

Nachdem ich den Artikel über das Museum Fridericianum und der künstlerischen Leiterin der Documenta 13 gelesen habe, ist mir eigentlich klar geworden, dass jede und jeder sich seiner eigenen Netzwerke bedient und diese fördert. OK soweit. Irgendwie muss man immer wissen wer mit wem schläft, um zu wissen wer es wird?! Oder? Das hat nichts mit der künftigen Leiterin zu tun, sondern ist das Gesetz des Lebens (Frage) ,so erscheint es mir als unbekannte Künstlerin, die versucht sich durch das Dickicht der Weltkunst selbst zu vermarkten ohne mit jemanden ins Bett zu kriechen;). Un wenn jemand kein Konzept hat finde ich das durchaus sehr sympathisch! Frau BAKARGIEV ist mutig genug das auch mitzuteilen. Klasse.