Debatte: Malbücher für Erwachsene

Malbuch voll, Kopf leer

Die Anti-Stress-Industrie hat in der Sparte der Runterkomm-Rituale ein neues Highlight zu bieten: Malbücher für Erwachsene. Sinnvolle Freizeitbeschäftigung oder doch nur bunter Zivilisationsschrott?
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"Runterkomm-Rituale": Malbücher für Erwachsene

Der Trend zur allumfassenden Entschleunigung hat in der Sparte der Runterkomm-Rituale ein neues Highlight zu bieten: Malbücher für Erwachsene Sind Sie gestresst? Selbst schuld! Unsere Welt hat doch genug zu bieten, um Belastung, Überarbeitung oder schlichtweg Müdigkeit sofort zu neutralisieren: Yoga, Zumba, Pilates, Slow Food, Raw Food, Häkeln, Nähen oder Stricken sind nur einige der Mittel, mit denen man auf der steten Suche nach der eigenen Mitte weiterkommen kann. Wer das alles ausprobiert hat und trotzdem noch nicht am Ende ist, hat Glück. Es gibt nämlich ein Weiteres, das totale emotionale Balance und tiefen inneren Frieden verspricht: Malbücher.

Ein durchaus teurer Spaß

Gemeint sind allerdings nicht diese Dinosaurier- oder Prinzessinnen-Billigdinger, mit denen wir unsere Kinder beschäftigen, sondern luxuriöse Versionen, die Titel haben wie "Die großen Meister", "Mein phantastischer Ozean" oder "Mein verzauberter Garten". Letzteres Exemplar hat die Malbuch-Euphorie unter Volljährigen ausgelöst. Seit "Secret Garden", wie das Wunderbuch mit englischem Originaltitel heißt, 2013 erschienen ist, haben es 11 Millionen Menschen auf der ganzen Welt gekauft. Die Urheberin, die 33-jährige Schottin Johanna Basford, wurde durch ihre Idee, Erwachsenen eines der ältesten Kinderspielzeuge als neuartige Seelenkur zu verkaufen, nicht nur reich, sondern auch in den Adelsstand erhoben. Die Queen ernannte sie dieses Jahr zum "Officer of the Order of the British Empire" – für ihr Verdienst um die Kunst. Basford ist nun eine echte "Dame".

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Stressbewältigung per Buntstift: zum Beispiel mit dem Erwachsenen-Malbuch "Die großen Meister"

Tatsächlich unterscheidet sich ihr Malbuch ein bisschen von denen für Kinder – allerdings nicht von den Motiven her. Auch bei Basford geht’s um Natur und Garten, wie in vielen Mädchen-Malbüchern, nur sind die Motive viel kleinteiliger in einzeln auszumalende Felder gegliedert. Ein Baum besteht nicht nur aus einem Stamm und einer Krone, sondern aus vielen, vielen, vielen schwarz umrandeten kleinen Blättern und knorrigen Rindenteilen, die es allesamt auszumalen gilt. Genau genommen ist also mehr drin als in einem Kindermalbuch: weil mehr zu tun ist. Ein anderer profitabler Nebeneffekt des Malbuch-Trends sind die teuren Accessoires, die man sich zur Vervollkommnung der neuen Leidenschaft zulegen kann, denn welcher um sein Seelenheil besorgte Normalverdiener würde sein "Achtsamkeits-Malbuch" (Originaltitel aus dem Verlag Droemer Knaur) mit den angekauten Filzern seiner Kinder traktieren wollen?! Da muss doch eher die Edelholz­schatulle her – von Faber-Castell zum Beispiel – mit Buntstiften in 120 Farbschattierungen für 330 Euro.

Nur: Wo malt man am besten? Zu Hause in dem ganzen Chaos? Nicht meditativ genug. In der Mittagspause im Büro? Zu wenig Zeit für echte Entschleunigung. Außerdem muss man ja auch etwas essen. Vielleicht nachmittags im Café? Wer dafür Zeit hat, braucht eigentlich gar kein Malbuch. Und wohin mit all den fertig ausgemalten Seiten? Einrahmen und an die Wand hängen? Und handelt es sich bei den Ergebnissen überhaupt um Kunst im eigent­lichen Sinn? Bestimmt nicht. Ist aber eigentlich auch egal. Hauptsache, die Gärten, Mandalas und Alten Meister sind bunt – und Kopf und Portemonnaie leer.

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Taryn Simon ist selbstbeherrscht, smart und fleißig. Und ein ideales Beispiel für den derzeit erfolgreichsten Künstlertypus: den Streber. Warum genau der heute als cool gilt, erklärt Autorin Annekathrin Kohout