Kritikerumfrage zum Kunstjahr 2016 – Teil 3

Entdeckung des Jahres

Ausstellung des Jahres, bester Newcomer, das größte Ärgernis – in unserer dreiteiligen Umfrage zum Jahresende erklären führende Kunstkritiker, was die Kunst 2016 bewegte. Hier verraten sie, welche Künstler für sie die Entdeckung des Jahres sind.
Entdeckung des Jahres

Teil 3: Welcher Künstler ist Ihre Entdeckung des Jahres?

Ein Jahresrückblick von und mit:

  • Kia Vahland, Kunstkritikerin der Süddeutschen Zeitung, München
  • Isabelle Graw, Herausgeberin der Zeitschrift Texte zur Kunst, Berlin
  • Hanno Rauterberg, Kulturredakteur der Wochenzeitung Die Zeit, Hamburg
  • Kolja Reichert, Kunstredakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
  • Ralf Schlüter, stellv. Chefredakteur von art – das Kunstmagazin, Hamburg
  • Philippe Dagen, Kulturredakteur der Tageszeitung Le Monde, Paris
  • Gesine Borcherdt, Kunstkritikerin bei Die Welt und Blau, Berlin
  • Jerry Saltz, Chefkritiker des New York Magazine
  • Jörg Heiser, Herausgeber der Zeitschrift Frieze, London und Berlin

Kia Vahland, Süddeutsche Zeitung

Geta Brătescu, die große alte Dame der rumänischen Konzeptkunst, ist gewiss keine Neuentdeckung. Doch ihre erste große Ausstellung in der Hamburger Kunsthalle hat in diesem Jahr noch einmal papierleicht vor Augen geführt, wie sich ein eigenständiges, unangepasstes Lebenswerk unter schwierigen politischen Umständen entfalten kann. Brătescus besondere Mischung aus Fragilität und Formbewusstsein, Verletzlichkeit und Hartnäckigkeit hat mich berührt.

Entdeckung des Jahres

War 2016 in der Kunsthalle Hamburg zu sehen: Geta Brǎtescus "Autoportret cenzurat [Zensiertes Selbstporträt]", 1978

Isabelle Graw, Texte zur Kunst

Die Entdeckung des Jahres 2016 ist für mich Morag Keil mit ihrer Ausstellung "passive aggressive" bei Eden Eden in Berlin. Anders als zahlreiche junge Künstlerinnen, die zu Beginn ihrer Karriere ihr ganzes Repertoire ausspielen, konzentrierte sich diese Ausstellung auf ein Video, das gleich auf mehreren Screens lief. Es zeigte geparkte Motorräder, die die Kamera sorgfältig abfährt und geradezu liebkost. Motorräder – bei Richard Prince noch Objekte des männlichen Begehrens – werden hier zum Fetisch einer Künstlerin erklärt. Diese Arbeit verweist aber auch auf die Wahlverwandtschaft zwischen Kunstwerken und Luxusgütern, die in derselben sozialen Sphäre zirkulieren, als Statusträger fungieren und ein vergleichbar haptisch-sexuelles Begehren auszulösen vermögen.

Entdeckung des Jahres

Bei Eden Eden in Berlin: Morag Keils "passive aggressive", Videostill, 2016

Hanno Rauterberg, Die Zeit

Petros Efstathiadis, ein griechischer Künstler, ein Bombenbastler, der fern auf dem Dorfe lebt und aus lauter Kram, den er findet, aus Seife, Kabeln, Luftpumpe, einem Taschenrechner, viele kleine, sehr verdächtig aussehende Dingcollagen anfertigt, die von globaler Angst erzählen, davon, dass alles um uns herum jederzeit in die Luft fliegen könnte - und die doch so heiter-absurd und alltäglich erscheinen, dass der Schrecken zurücktritt, für einen Moment der Kunst.

Entdeckung des Jahres

"bomb#6" aus der Reihe "Bombs" von Petros Efstathiadis

123rf.com / Montage
Bendzullas Netzschau mit den wichtigsten Artikeln und spannensten Debatten der Kunstwelt

Kolja Reichert, Frankfurter Allgemeine Zeitung

Laure Prouvost. Ihre von Anna Goetz kuratierte Schau im MMK3 war super: Die Werke "schlagen Leck", wie Pierre Huyghe sagen würde, und alle verwendeten Formen und Medien werden zu Protagonisten in verspulten, keinen Abschluss findenden Seifenopern-Piloten.

Entdeckung des Jahres

Installationsansicht von "Lick the Past" von Laure Prouvost im MMK3 in Frankfurt

Ralf Schlüter, art – Das Kunstmagazin

Die amerikanische Künstlerin Avery Singer, 1987 geboren, holt digitale Bildwelten in den Kunstraum und vermischt sie mit Stilelementen und Motiven der klassischen Moderne. Ihre Arbeiten wirken oft ein bisschen "overdone": zu groß, zu voll, zu anspielungsreich. Aber gerade dieser Überschuss an Energie macht auch ihre Qualität aus: Das Bedrängtwerden von Bildern, das wesentlich unser Gegenwartsgefühl prägt, ist zwischen Singers Riesenformaten geradezu körperlich spürbar. Dem Rezeptionsdruck begegnet man am besten, indem man sich etwas Zeit nimmt: Es lohnt sich!

Entdeckung des Jahres

Ausstellungsansicht von Avery Singers "Scenes", 2016 im Stedelijk Museum Amsterdam

Philippe Dagen, Le Monde

Emo de Medeiros, ein junger beninisch-französischer Künstler. In Dakar, bei der Biennale, zeigte er seltsame, weiße Helme mit Kauri-Muscheln, die in der klassischen afrikanischen Kunst benutzt wurden, zusammen mit Videos, die in den Helmen gezeigt wurden. Es gab auch einige große Gemälde zu sehen, die er aus zerschnittenem Stoff gefertigt hatte und die Körper und verschiedene Symbole zeigten. In Paris hatte er eine Ausstellung in der Backslash Gallery, bei der er gefälschte Götzenbilder im afrikanischen Stil realen dem Kult unserer Zeit, wie dem Geld und dem Handel, gegenüberstellte. Die Ausstellung spielte auch mit Masken und Tänzen und zog sich durch alle möglichen Kulturen und Länder. Medeiros Arbeit ist sehr einschneidend und satirisch.

Entdeckung des Jahres

Ausstellungsansicht aus der Pariser Backslash Galerie: Arbeiten von Emo de Medeiros

Gesine Borcherdt, Die Welt

Raphaela Vogel ist die Künstlerin der Stunde - spätestens seit ihrem Auftakt in der Berliner Galerie BQ Anfang des Jahres. Ihre Videoinstallationen sind immens brachial und hochgradig sensibel, total archaisch und futuristisch, bellizistisch und poetisch, ein Mix aus Maschine und weiblichem Körper. Die 28-jährige Städel-Absolventin hebelt mit ihren selbstgesteuerten Drohnenfilmen, untermalt von dröhnender Musik, das männliche "Blickregime" aus und baut dazu Skulpturen, die aussehen wie Relikte aus einem Science-Fiction-Set, entworfen von Matthew Barney. Es ist eine brüchige Welt, die sie hier vorführt - eine Dystopie voller unterschwelligem Humor, ein Zeitbild, aus ihr selbst heraus. Raphaela Vogel spricht eine eigene, neue Sprache. Sie klingt schmerzhaft und verführerisch. Und vor allem echt (noch bis 12. Februar 2017 im Kunstverein Münster zu sehen).

Entdeckung des Jahres

Ausstellungsansicht von Raphaela Vogels Schau "Ich gebe euch eine Verfassung" in der Galerie BQ Berlin.

Jerry Saltz, New York Magazine

Gute Nachrichten: All diese Zombieformalisten sind wieder zurück in ihre Ecken gekrochen, die spektakulären Sammlerfiguren, die ihre Preise in den Himmel schießen ließen, laufen jetzt um ihr Leben und versuchen diese langweiligen Abstraktionen wieder los zu werden. Wie ich vorhergesagt habe: Jetzt, wo der Markt für diese "geschmackvollen" Bilder von eifrigen Kunstgeschichtsstudenten wieder abflacht, haben ihre Gemälde keinen Grund mehr zu existieren – außer um ihren Produzenten irgendwelche Lehraufträge zu verschaffen. Im Jahr 2016 habe ich mehr und mehr Künstler gesehen, die endlich zu Freiheits-Maschinen geworden sind und ihrer eigenen Idee von Kunst gefolgt sind. Außerdem habe ich beobachtet, dass die meist männliche Angst vor Farbe endlich vorbei ist. Das Wunder der Farbe ist jetzt überall. Außerdem: kleinere Formate. Gigantische Bilder und Installationen wirken jetzt, als wären sie nur für Millionäre und Institutionen gemacht. Wozu gibt es dieses massive Zeug auch sonst, außer für große Museen und schlaue Kuratoren mit zu großem Budget?

Starter
Die Serie »Starter« präsentiert die besten Nachwuchskünstler im Kurzporträt

Jörg Heiser, Frieze

Mary Reid Kelleys Film "This is Offal" (Das sind Innereien), 2016, spielt im Leichenschauhaus. Die Hauptfigur ist eine Selbstmörderin, die in Reimen mit ihren sich verselbstständigenden Organen spricht. Ästhetisch ungefähr wie Tim Burton, nachdem er in einen großen Topf mit kalifornischem Konzeptkunst-Humor gefallen ist. Ihre Ausstellung zum I. Weltkrieg ist noch bis 19. Februar 2017 in der Kunsthalle Bremen zu sehen.

Entdeckung des Jahres

Derzeit in der Kunsthalle Bremen zu sehen: Mary Reid Kelleys "You make me Iliad", 2010,Videostill

Ausstellung des Jahres
Krisen, Kriege und böse Überraschungen – für die Politik war das Jahr 2016 beileibe kein gutes. Was kann die Kunst zu seiner Ehrenrettung beitragen? Die führenden Kunstkritiker mit ihren Ausstellungen des Jahres
Ärgernis des Jahres
In unserer traditionellen Umfrage erklären führende Kunstkritiker, welche Kunst sie 2016 beeindruckt hat – und welche Ausstellungen sie am meisten geärgert haben
Der große Jahresrückblick
Was war die Ausstellung des Jahres? Was die größte Enttäuschung? Wir haben die gefragt, die es wissen müssen: Die große art-Umfrage unter zehn führenden Kunstkritikern