Kritikerumfrage zum Kunstjahr 2016 – Teil 2

Ärgernis des Jahres

In unserer traditionellen Umfrage erklären führende Kunstkritiker, welche Entdeckungen sie gemacht haben und welche Ausstellungen und Künstler für sie die wichtigsten des Jahres sind. An dieser Stelle verraten sie uns, welche Ausstellung sie am meisten geärgert hat.
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Teil 2: Welche Ausstellung hat Sie am meisten geärgert?

Ein Jahresrückblick von und mit:

  • Philippe Dagen, Kulturredakteur der Tageszeitung Le Monde, Paris
  • Jörg Heiser, Herausgeber der Zeitschrift Frieze, London und Berlin
  • Isabelle Graw, Herausgeberin der Zeitschrift Texte zur Kunst, Berlin
  • Kia Vahland, Kunstkritikerin der Süddeutschen Zeitung, München
  • Hanno Rauterberg, Kulturredakteur der Wochenzeitung Die Zeit, Hamburg
  • Jerry Saltz, Chefkritiker des New York Magazine
  • Kolja Reichert, Kunstredakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
  • Ralf Schlüter, stellv. Chefredakteur von art – das Kunstmagazin, Hamburg
  • Gesine Borcherdt, Kunstkritikerin bei Die Welt und Blau, Berlin

Philippe Dagen, Le Monde

Die "Abstract Expressionism"-Ausstellung in der Royal Academy in London. Zahlreiche Meisterwerke von Pollock, Rothko, de Kooning und die ganze New Yorker Avantgarde, aber so schlecht gehängt, dass man hätte denken können, es handle sich um eine Verkaufsausstellung bei Sotheby's oder Christie's. Ein Sammler sagte mir später: "Ich war nicht nur enttäuscht, sondern ich fragte mich nach der Ausstellung, ob diese berühmten Künstler überhaupt gut sind" – das machte mich wütend.

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Ausstellungsansicht von "Abstract Expressionism" in der Londoner Royal Academy of Arts

Jörg Heiser, Frieze

"Am meisten geärgert" wäre vielleicht übertrieben, aber als sehr problematisch entpuppte sich "Soulèvements (Aufstände)", kuratiert von George-Didi Huberman im Pariser Jeu de Paume mit zahlreichen Zeitdokumenten und Kunstwerken. Der verdiente Kunsthistoriker nähert sich darin der Frage, was den Impuls der Revolte ausmacht, ganz philosophisch-deduktiv, indem er zunächst Vergleiche mit Wetter und Stürmen nachgeht, danach mit intensiven Gesten usw. Derweil sollen die humorigen Versuchsreihen des Schweizers Roman Signer die Idee von Energieentladung illustrieren. Die simplen Gesten zivilen Ungehorsams fehlen dagegen auffallend, etwa das einfache Hinsetzen von Rosa Parks im Bus oder das bloße Stehen von Erdem Gündüz auf öffentlichen Plätzen in Istanbul. Die Flüchtlingskrise an der Grenze bei Idomeni als statische Einstellung wie im klassischen ethnographischen Film aufzunehmen ist dann nur noch hilflos. Auf dem Cover des Katalogs ein bohemisch wirkender Sixties-Franzose von hinten, wie er gerade elegant einen Stein wirft – als hätte das 21. Jahrhundert noch nicht angefangen.

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Fotografie aus der Ausstellung "Soulèvements": Gilles Carons "Antikatholische Demonstration in Londonderry", 1969

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Der Wiener Philosoph Armen Avanessian begründete die zukunftsorientierte Denkrichtung des »Spekulativen Realismus« entscheidend mit. Bei der aktuellen Berlin Biennale ist er mit einem eigenen Projekt vertreten. Ein Gespräch

Isabelle Graw, Texte zur Kunst

Am meisten geärgert haben mich die Arbeiten von Helen Marten, die im Rahmen der Ausstellung der Turner-Prize-Kandidaten in der Tate Britain gezeigt wurden. Ihre anthropomorphen Assemblagen greifen zwar gekonnt auf jene Bildrhetoriken zurück, mit denen schon in Rauschenbergs "Combine Paintings" oder Genzkens "Mannequins" ein Lebensbezug suggeriert wurde. Auf vergleichbare Weise scheinen auch Martins Objekte ins Leben auszugreifen. Das Problem ist jedoch, dass ihre Arbeiten durch diese Reminiszenzen ans Kanonisierte so aussehen, wie Kunst heute (scheinbar) auszusehen hat. Sie sind weit entfernt davon, eine ästhetische (und programmatische) Setzung vorzunehmen, die irritiert und entsprechend Kontroversen auslöst. Von daher hat es mich schon enttäuscht, wenn auch nicht überrascht, dass die Jury ihre Arbeiten mit dem Turner Prize auszeichnete.

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Helen Marten vor ihrer Installation "Night-blooming Genera"

 

Kia Vahland, Süddeutsche Zeitung

Die jüngsten Aktionen des Zentrums für politische Schönheit erschienen mir in diesem Jahr eher sensationsheiß als durchdacht, etwa die Suggestion, ein Tiger könne Flüchtlinge fressen. Das ist weit entfernt von der Sensibilität und Wut eines Christoph Schlingensief, der zeitlebens immer darauf bedacht war, das Publikum mit seinem eigenen Unbehagen über sich selbst zu konfrontieren. Die neue Aktionskunst dagegen will lieber die eigenen Fans darin bestätigen, moralisch auf der richtigen Seite zu sein. Zu politischem Denken und Handeln führt dieser merkwürdige Überlegenheitsgestus nicht, nur zu einem diffusen Wohlbefinden des Rechthabens. Das aber verhindert offene Debatten, anstatt sie zu befördern.

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Für eine ihrer letzten Aktionen suchte das Zentrum für politische Schönheit Flüchtlinge, die sich in einer Arena fressen lassen – wie im alten Rom.

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Wenn Künstler wie Ai Weiwei offen gegen Misstände protestieren, hagelt es Verrisse. Die Kunst sei skandalisierend und laut. Aber was anderes soll politische Kunst denn sein? Eine Verteidigung

Hanno Rauterberg, Die Zeit

Grausam, wie gerade in der Mitte Berlins eine Jahrhundertchance vertan wird. Eine echte Pein, mir die vielen Pläne und Modelle für ein neues Museum auf dem Kulturforum anzuschauen (noch bis zum 8. Januar im Foyer der Gemäldegalerie zu sehen), entworfen von vielen berühmten Architekten – und dabei doch so gut wie nichts zu entdecken, was für diesen Ort behutsam und radikal, eigenwillig und rücksichtsvoll genug wäre. Warum am Ende der Entwurf von Herzog & de Meuron zum Sieger gekürt wurde, bleibt mir vollends unverständlich: Zu simpel, zu ausladend, zu introvertiert ist ihre Riesenlagerhalle, die man von mir aus irgendwo in Suburbia neben die Autobahn stellen soll, aber nicht hier, mitten hinein in den fließenden Raum, der heute furchtbar verkommen ist und doch ein Versprechen auf eine andere Stadt sein könnte. Wenn ich einen Wunsch frei hätte für 2017, dann diesen: Stoppt das Ding!

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Siegerentwurf von Herzog & de Meuron für das geplante Museum "Neue Nationalgalerie – Museum des 20. Jahrhunderts“

Jerry Saltz, New York Magazine

Mein Ärgernis des Jahres ist sehr persönlich – und ich bin mir sicher, dass ich da kleinlich bin. Ich finde wir leben in einer Zeit, in der Kuratoren ständig bemüht sind, Künstler der sechziger und siebziger Jahre auszustellen. Beinahe jeder aus dieser "Goldenen Ära", ob "übersehen" oder aus anderen Ländern, wird jetzt wieder ausgestellt. Ich liebe diese Periode, aber es ist wirklich Zeit, einmal die Seite umzublättern. Kuratoren müssen mit Künstlern aus ihrer eigenen Zeit abhängen, mit ihnen bis spät nachts aufbleiben, jeden Winkel nach guter Kunst durchsuchen, um ihrer eigenen Ära zu dienen. Auch wenn viele schlechte zeitgenössische Künstler gezeigt werden, können wir so zumindest unsere eigene Zeit bewerten. 

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Zur Zeit in einer großen Retrospektive in London zu sehen: Robert Rauschenbergs "Retroactive II", 1963

Kolja Reichert, Frankfurter Allgemeine Zeitung

"+ultra. Gestaltung schafft Wissen" im Berliner Martin-Gropius-Bau: Das Exzellenzcluster "Bild. Wissen. Gestaltung" berauschte sich an einer vagen Idee von Fortschritt, in einer didaktischen, aber grob gehängten Schau, und gab nicht nur präzise Begriffe preis, sondern auch jedes Kriterium für Kunst. Die diente hier nur als Illustration der Thesen und als atmosphärische Ruheinsel. Für eine Ausstellung über Gestaltung erstaunlich schlecht gestaltet.

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Aus der Ausstellung "+ultra. Gestaltung schafft Wissen": Installation von Jennifer Lyn Morone™ Inc. mit dem Titel "Embracing Extreme Capitalism", 2016 (Set-Fotografie)
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Er ist kein Freund der Kunst – für art muss er trotzdem ins Museum. Diesmal quält sich Leo Fischer mit einer Retrospektive des Performancekünstlers Ulay. Protokoll einer Tortur

Ralf Schlüter, art – das Kunstmagazin

Ich hatte mir viel von Christian Jankowskis Manifesta in Zürich versprochen; die Idee, der alltäglichen Arbeit von Menschen in einer Stadt künstlerisch nachzugehen, schien interessant. Vom Ergebnis war ich dann jedoch enttäuscht: Der Ausstellung fehlte es an inhaltlicher Fokussierung, an den vielen Spielorten hatte man dies und das erfahren, ohne dass sich alles zu einem Statement oder einem relevanten Erfahrungsraum zusammengesetzt hätte.

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80 Tonnen Klärschlamm: Mike Bouchets "Zürich Load", Ausstellungsansicht aus dem Löwenbräu-Areal im Rahmen der Manifesta

Gesine Borcherdt, Die Welt

Man konnte Stunden hier zubringen, den kuratorischen Aufwand, die logistische Glanzleistung und schauspielerische Meisterhaftigkeit aus tiefstem Herzen bewundern - und fragte sich am Ende trotzdem: Wo ist eigentlich der Künstler? Julian Rosefeldts kinematografisches Großevent "Manifesto" im Hamburger Bahnhof (noch bis 29. Januar 2017 im Sprengel Museum Hannover zu sehen) ließ in knapp zwei Drehwochen an spektakulären Orten Berlins den Superstar Cate Blanchett in 13 Rollen schlüpfen - den Obdachlosen, die Moderatorin, die Mutter - und ein Konglomerat aus 50 Künstlermanifesten vortragen, etwa von Filippo Tommaso Marinetti, Sol Lewitt oder Lars von Trier. Doch so radikal diese Texte sind: Die Ausstellung ist es nicht. Sie bedient die Big-Budget-Kultur der Kunstwelt, die sich einem breiten Publikum andienen will. Selbst wenn man so die Massen ins Museum zieht und sie für künstlerische Rebellion sensibilisiert: "Manifesto" ist Überwältigungskunst mit Infotainmentfaktor, in der der Künstler selbst verschwindet wie eine Souffleuse im Bühnenloch.

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Für Julian Rosefeldts "Manifesto" (2014/2015) schlüpfte Cate Blanchett in 13 verschiedene Rollen.

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Was war die Ausstellung des Jahres? Was die größte Enttäuschung? Wir haben die gefragt, die es wissen müssen: Die große art-Umfrage unter zehn führenden Kunstkritikern