Kritikerumfrage zum Kunstjahr 2016 – Teil 1

Ausstellung des Jahres

Krisen, Kriege und böse Überraschungen – für die Politik war das Jahr 2016 beileibe kein gutes. Was kann die Kunst zu seiner Ehrenrettung beitragen? In unserer traditionellen Umfrage erklären führende Kunstkritiker, welche Entdeckungen sie gemacht haben und welche Ausstellungen und Künstler für sie die wichtigsten des Jahres sind.
Ausstellung des Jahres

Teil 1: Welche Ausstellung war für Sie die wichtigste?

Ein Jahresrückblick von und mit:

  • Gesine Borcherdt, Kunstkritikerin bei Die Welt und Blau, Berlin
  • Hanno Rauterberg, Kulturredakteur der Wochenzeitung Die Zeit, Hamburg
  • Jörg Heiser, Herausgeber der Zeitschrift Frieze, London und Berlin
  • Jerry Saltz, Chefkritiker des New York Magazine
  • Isabelle Graw, Herausgeberin der Zeitschrift Texte zur Kunst, Berlin
  • Philippe Dagen, Kulturredakteur der Tageszeitung Le Monde, Paris
  • Kia Vahland, Kunstkritikerin der Süddeutschen Zeitung, München
  • Ralf Schlüter, stellv. Chefredakteur von art – das Kunstmagazin, Hamburg
  • Kolja Reichert, Kunstredakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung

 

Gesine Borcherdt, Die Welt

Die Retrospektive von Giorgia O’Keeffe im Kunstforum Wien (bis 26. März 2017) ist ein Augenöffner. Sie demonstriert, dass die Grande Dame Amerikas weit mehr war als die schlüpfrige Blumenmalerin, deren Motive heute Poster und Kaffeebecher zieren. O'Keeffe nahm schon in den Zwanzigern die Abstraktion der 50er-Jahre vorweg, stach die New Yorker Männerriege um ihren Mann Alfred Stieglitz aus und zog in die Wüste New Mexikos, weil sie hier die große Freiheit spürte, nach der in Big Apple alle suchten. Durch ihre Bilder weht ihr unabhängiger, weiter Geist - ihre Wolken, Hauswände und selbst die Blumen sind Sinnbilder einer mystischen Abstraktion, mit der sich diese radikale Individualistin allen Schubladen entzieht.

Ausstellung des Jahres

Georgia O’Keeffe: "Oriental Poppies", 1927

Hanno Rauterberg, Die Zeit

Eindrucksvoll, wie die Tate Modern in London mit ihrem Switch House die Nachkriegsmoderne neu in den Blick nimmt. Ungewohnt, manchmal auch gewöhnungsbedürftig, weil die üblichen Schablonen fallen, all die eingeübten Ismen und Leitbegriffe, und die Kuratoren eine andere Erzählung wagen, in der die Kunst aus Südamerika, dem Nahen Osten, dem asiatischen Raum ganz selbstverständlich dazugehört. So entschieden wie kein anderes Großmuseum hat sich die Tate vom allein westlichen Kanon gelöst, um andere, bislang nur selten oder nie gezeigte Künstlerinnen und Künstler in die Sammlung zu holen. Jetzt teilen sich die Helden des ach so freien Westens, Jackson Pollock oder Barnett Newman, einen Raum mit den ach so fernen Kulturen, mit Werken von Ibrahim El-Salahi aus dem Sudan oder Kulim Kim aus Südkorea. Nichts eint diese Künstler, wenn man sie stilgeschichtlich sortiert. Nichts verbindet sie, will man die Geschichte der Kunst als bloße Innovationsgeschichte erzählen. Und die methodischen Aporien dieser Dauerausstellung sind nicht zu übersehen. Dennoch lohnt sich die neue Offenheit, schon weil vieles, was bislang selbstverständlich schien, nun neu betrachtet werden will. Im Vergleich dazu sehen die allermeisten anderen Sammlungen der Gegenwart, die deutschen vorneweg, furchtbar kleingeistig aus.

Ausstellung des Jahres

Im neuen Switch House der Tate Modern zu sehen: "Capsules", 2000, vom brasilianischen Künstler Ricardo Basbaum

Jörg Heiser, Frieze

Am meisten beeindruckt hat mich "The Color Line" im Musée du Quai Branly. Die Ausstellungen des ethnographischen Museums in Paris wandern offenbar in der Regel nicht an andere Orte, was in diesem Fall ein besonderer Verlust ist. Die Schau erzählt die Geschichte der afro-amerikanischen Kunst seit Mitte des 19. Jahrhunderts bis in die jüngste Gegenwart. Literatur, Popkultur, Bildende Kunst, zusammengestellt ohne falsche Verklärung oder Sentimentalität, auch wenn "Rasse" als Auswahlkriterium natürlich immer zwiespältig bleibt. Die Zeitungsausschnitte aus den Dreißigerjahren zu Lynchmorden lassen einem gerade jetzt wieder den Atem stocken. Der (französischsprachige) Katalog ist ein Muss.

Ausstellung des Jahres

Faith Ringgold: "The Flag Is Bleeding" aus der Serie "American People Series", 1967

Kunst im Propaganda-Check
Laut Wahlprogramm will die AfD in Sachsen-Anhalt Museen darauf verpflichten, einen positiven Deutschland-Bezug zu fördern. Wir haben bekannte deutsche Kunstwerke einem Propaganda-Check unterzogen

Jerry Saltz, New York Magazine

Amerika ist blind geworden. Wir sprechen konfuses Zeug und das Land hat einen Knick bekommen. Doch das Ende eines Imperiums bringt immer auch Unglaubliches mit sich. Bald wird man die Dinge, die heute gemacht werden, als Zeugen einer vergangenen Ära betrachten. Rob Pruitt zum Beispiel machte jeden Tag von Obamas Amtszeit ein kleines Gemälde des Präsidenten, das sich meist auf ein Foto in der Zeitung bezieht ("The Obama Paintings"). Die Gemälde wurden Seite an Seite, vom Boden bis zur Decke in der New Yorker Galerie Gavin Brown installiert – 2.800 Stück. Sie sind eine unironische Liebeserklärung, ein Akt von Hingabe und Disziplin. Die Bilder wirken jetzt schon wie aus Glas, als würden sie durch irgendeine Falltür der Geschichte rutschen – weshalb ich sie übrigens noch viel mehr liebe. Wenn man sie zusammen erhalten und zeigen würde, dann würden sie perfekt in die zukünftige "Obama Presidential Library" passen, als Erinnerung daran, dass vor nicht allzu langer Zeit Macht und Schönheit zusammenpassten.

Ausstellung des Jahres

Rob Pruitt: "The Obama Paintings", Ausstellungsansicht aus der Galerie Gavin Brown 2016

Isabelle Graw, Texte zur Kunst

Für mich war Jana Eulers Ausstellung "Female Jesus Crying in Public" in der Berliner Galerie Neu die gelungenste Ausstellung des Jahres. Denn neben gemalten Bildern waren hier auch Flugzeugsitze präsentiert  worden, was von einer heterogenen Malereiauffassung ebenso zeugte wie vom Mobilitätsimperativ der neoliberalen Ökonomie. Eulers Bilder zeichnen sich durch einen geradezu postmodern anmutenden Stilpluralismus aus, wobei das Spektrum hier von sexualisierten Sternenbildern à la Dokoupil bis hin zum Verismus der Neuen Sachlichkeit reicht, wie er etwa im Porträt des weiblichen weinenden Jesus nachhallt. Mit diesem Verzicht auf eine durchgehend kohärente Bildsprache wird meines Erachtens vor allem demonstriert, dass es heute weniger auf das einzelne Bild als auf den sozialen und ökonomischen Zusammenhang ankommt, in den es eingelassen ist. Eulers Ausstellung liefert, anders gesagt, den Beleg dafür, dass sich Gemälde im 21. Jahrhundert nicht mehr als eine isolierte Realität betrachten lassen, weil das Wesentliche außerhalb von ihnen liegt.

Ausstellung des Jahres

Ausstellungsansicht von Jana Eulers "Female Jesus Crying in Public"

art - Das Kunstmagazin
Noch immer gilt er als Inbegriff des politischen Künstlers: Hans Haacke bewies mit seinen kritischen Arbeiten stets Haltung. Aber wie steht es um das politische Bewusstsein der jüngeren Künstlergeneration?

Philippe Dagen, Le Monde

Die "wichtigste" Ausstellung ist nicht immer gleichzeitig die "beste". Die beste, spannendste und brillanteste war zweifellos die Francis-Picabia-Retrospektive im Kunstmuseum Zürich – noch besser als ihr Pendant im New Yorker MoMA. Die wichtigste aber, von einem historischen und anthropologischen Standpunkt, war "Color Line" im Quai Branly Museum in Paris: die komplette Geschichte des Rassismus und der Segregation in den USA, gesehen durch die Leben von afro-amerikanischen Künstlern und Künstlerinnen.

Ausstellung des Jahres

Aus der Züricher Ausstellung: Francis Picabias "Udnie (Jeune fille américaine; danse)", 1913

Kia Vahland, Süddeutsche Zeitung

Die Ausstellung "Hinter dem Vorhang. Verhüllung und Enthüllung seit der Renaissance" im Düsseldorfer Museum Kunstpalast trifft ein Thema der Zeit, gerade weil sie sich nicht allein auf die aktuelle Diskussion um die muslimische Verschleierung kapriziert, sondern kulturgeschichtlich ausholt und sehr präzise an historischen Gemälden und Skulpturen erklärt, welchen Sinn Verhüllung und Entschleierung auch in unserer Kultur hatten und haben.

Ausstellung des Jahres

Tizian: "Bildnis des Filippo Archinto", 1558

Das Ende einer Illusion
Auf der Berlin Biennale sollten Kunst und Kapitalismus eine flirrend-vieldeutige Liaison eingehen. Die Wirklichkeit hat eher den Charme eines ausgedruckten Tumblr-Blogs. Wolfgang Ullrich über das Scheitern im Real Life

Ralf Schlüter, art – das Kunstmagazin

Die wichtigste Ausstellung 2016 war für mich die Berlin Biennale von DIS. Nicht weil die Qualität durchweg großartig gewesen wäre, sondern weil ein neuer Umgang mit Bildern, eine neue Herangehensweise an Kunst ("Post-Internet") erstmals auf ganz großer Bühne zu sehen war. Die Wahl der Spielorte war gut durchdacht und hat uns daran erinnert, dass auch digitale Bildwelten an realen Orten entstehen und rezipiert werden; der örtliche politische und soziale Kontext darf nicht ausgeblendet werden.

Ausstellung des Jahres

Installation auf der Berlin Biennale von Christopher Kulendran Thomas: "New Eelam", 2016

Kolja Reichert, Frankfurter Allgemeine Zeitung

Darf ich zwei nennen? "L’image volée" in der Fondazione Prada in Mailand und Kai Althoffs Retrospektive "und dann überlasst mich den Mauerseglern" im New Yorker MoMA. Beide waren von Künstlern kuratiert: in Mailand von Thomas Demand, in New York von Althoff selbst, und beide brachten die Formate Werk und Ausstellung ins Schweben. Dabei waren sie total unterschiedlich: In Mailand montierte Demand einen falschen Modigliani, eine Picasso-Parodie von Cy Twombly, Ingres’ Kopie von Raffaels Selbstbildnis oder von Bacon zerstörte Gemälde zu einem Kabinett der Uneigentlichkeit. Kai Althoff richtete dagegen im MoMA eine mystische Gegenwelt mit einer unvorstellbaren Menge meisterhafter, wunderlicher Gemälde, Fundstücke und Gebasteltem aus der Kindheit ein. Ein Spinnennetz, dessen Fäden noch immer an mir kleben.

Ausstellung des Jahres
 

Ausstellungsansicht von "L’image volée" in der Fondazione Prada

Entdeckung des Jahres
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Was war die Ausstellung des Jahres? Was die größte Enttäuschung? Wir haben die gefragt, die es wissen müssen: Die große art-Umfrage unter zehn führenden Kunstkritikern