Film über Egon Schiele

Schiele Light

Er löste Skandale aus, wechselte seine Liebhaberinnen wie eingetrocknete Pinsel und stand als "Kinderschänder" vor Gericht. Am Vorabend des Ersten Weltkriegs fing der Provokateur Egon Schiele die Dissonanzen seiner Zeit ein, in verzerrten weiblichen und männlichen Akten und in Selbstporträts, die auf morbide Todesgegenwart setzten, aber auch explizit den Sexus feierten. Ein Biopic züchtigt jetzt den mit nur 28 Jahren verstorbenen Wiener Modernen zum "Schiele Light".
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Noah Saavedra als Egon Schiele, der Film startet diese Woche in den deutschen Kinos

Die Besetzung des frühreifen Genies, das als 16-Jähriger Zutritt in die Wiener Akademie der Künste bekam und auf Anhieb von schillernden Mentoren vom Schlage eines Gustav Klimt gefördert wurde, passt immerhin. Noah Saavedra besitzt die schlanke Statur und auch die wie von selbst hochstehende Kurzhaarpracht des Originals, er kann unschuldig verführen, beherzt manipulieren und seinen Beruf mit einer nervösen Notwendigkeit angehen.

Wenn er sich selbst im Spiegel studiert, gerät keine seiner Posen zur peinlichen Bohème-Nummer. Nur wenn er ekstatisch zu tanzen beginnt, mit seiner Künstler-Clique beschwingt durch alte Schlossgemäuer radelt oder seinen Kunstbegriff in Worthülsen fasst, bleibt ein antiquiertes Pathos nicht aus.

Auch am Musenkabinett gibt es wenig auszusetzen. "Pratermensch" und dunkelhäutiges Varietémodell Moa, das bei dem jungenhaften Beau Zuflucht vor den Zumutungen eines Jobs als Tableau vivant findet, macht in Männerhosen eine vorbildlich exotische Figur. Die gerade in Mode gekommenen Fotografien weiblicher Hysterie imitiert sie mit Sinn für groteske Zuspitzungen, muss sich von unbeeindruckten Straßenkindern aber dennoch als Negerin beschimpfen lassen. Damit ist das freudianische Zeitkolorit bereits ausgeschöpft. Der Rest des Personals bewegt sich in den konventionellen Bahnen des Trivialromans, vom angedeuteten Inzest bis zum gefallenen Mädchen.

Die jüngere Schwester Gerti, die Schiele als Vormund vergeblich zu kontrollieren versucht, posiert ihm nackt aus geschwisterlicher Solidarität, gibt sich aber verdächtig eifersüchtig, als Gustav Klimt für Materialnachschub sorgt und die rothaarige Wally Neuzil für eine wilde Ehe auserkoren wird. Valerie Pachner spielt ihren Part der aus proletarischen Verhältnissen stammenden "Gefährtin" und kunsthistorische Poster-Ikone entwaffnend natürlich. Ihre Wally stellt vier Jahre lang ihren Körper und auch ihren Pragmatismus zur Verfügung, wenn sie bei profitgierigen Kunsthändlern um eine adäquate Bezahlung verkaufter Bilder kämpft und beim Missbrauchsprozess mit ihrer Falschaussage für Schieles Freispruch sorgt - wegen "Verbreitung unsittlicher Zeichnungen" muss er schließlich doch noch für vierundzwanzig Tage ins Gefängnis. Kein Wunder, dass ihr der Verrat des Beamtensohns, lieber eine gut betuchte Bürgerstochter zu heiraten, zusetzt. Sie rauft sich die Haare, heult und bettelt. Zurück in ihr altes Leben kann Wally nicht mehr. Sie stirbt an Scharlach als Krankenschwester an der Front in Dalmatien.

Liebe mit Abgrund:Egon Schiele und seine Muse Wally Neuzil
Wally war seine treue Begleiterin in dunklen Tagen – trotzdem verließ Egon Schiele sie, um eine Bürgerstochter zu heiraten. Die traurigschöne Geschichte einer Liebe und die Rolle von Wally Neuzil im Werk des Expressionisten

Das Geflecht aus amourösen Dramen rollt der hübsch fotografierte Film von Dieter Berner vom Ende her auf. Schiele siecht dahin, gepeinigt von der damals grassierenden Spanischen Grippe. Die Etappen seines Werdegangs ziehen an ihm in Rückblenden vorbei, die Vermögensvernichtung durch den Vater, der die Wertpapiere der Familie in einem Anfall von Raserei ins Feuer warf, die Jahre des Überlebenskampfes, das temporäre Ausweichen in ein Dorf im Wiener Wald, der erste Triumph in der Wiener Sezession. Als wäre diese wenig originelle Erzählweise nicht deprimierend genug, meint das Drehbuch ausgerechnet die schockierende Seite des Erotikers aussparen zu müssen.

Wo sind die unschönen, versehrten, deformierten, behaarten, auch alten Körper geblieben?

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Plakat zum Film

Masturbation? Fehlanzeige. Gespreizte Beine, erigierte Penisse und rot glänzende Vulvas kommen der Kamera nicht vor die Linse, weder lebensecht noch auf dem Papier, bis auf die um den Beischlaf kreisenden japanischen Drucke, die Schiele neugierig betrachtet, die aber im Vergleich zu seinen eigenen "Pornografien" harmlos erscheinen. Nicht, dass heute noch Bedarf an erregten Körperteilen bestünde. Aber muss denn ein keusch abgedunkelter flotter Dreier oder ein am Bildrand hurtig ausgeblendeter Blow-Job die gewagte Sittenlosigkeit des Bürgerschrecks illustrieren? Damit auch ein Mainstream-Publikum sich in der Sicherheit wiegen kann, es hier mit einem ganz normalen Womanizer zu tun zu haben?

Und wo sind die unschönen, versehrten, deformierten, behaarten, auch alten Körper geblieben? Die anatomisch sezierten Beinahe-Skelette von Männern, die schutzlos den Blicken ausgesetzt sind, in einer Epoche, in der die Frauen den zweifelhaften Vorzug genossen, die Vorlage für den idealen akademischen Körper abzugeben. Nichts an diesen von der Existenz beschwerten, ängstlichen, entsetzten Geschöpften ist erotisch. Woraus speist sich diese Sicht auf die Conditio humana? Was hat sie mit der Gesellschaft des damaligen Wiens zu tun? Selbst den wenigen Szenen vom gerade ausgebrochenen Kriegsgemetzel fehlt jede Erschütterung. Der junge wilde extreme Schiele sieht in diesem Light-Porträt leider erschreckend alt aus.

Egon Schiele - Tod und Mädchen

Filmstart: 17. November 2016,

Produktion: Österreich, Luxemburg 2016, 109 Minuten, FSK 12

Regie: Dieter Berner

Drehbuch: Hilde Berger, Dieter Berner

Kamera: Carsten Thiele

Schnitt: Robert Hentschel

Darsteller: Noah Saavedra, Maresi Riegner, Valerie Pachner, Larissa Aimée Breidbach, Marie Jung, Elisabeth Umlauft, Thomas Schubert, Daniel Sträßer, Cornelius Obonya u.a.

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