Die unwahrscheinliche Kunststadt

Ausgerechnet Bielefeld

Kaum eine Stadt ihrer Größe lockt mit so vielen innovativen Ausstellungen und Besuchen internationaler Künstler wie Bielefeld – warum ist das so? Alexandra Wach machte sich für uns auf den Weg nach Ostwestfalen-Lippe.
Ausgerechnet Bielefeld

Warum Rodins "Denker" ausgerechnet in Bielefeld sitzt? Weil hier die große Kunst zu Hause ist!

Yoko Ono war schon da. Sie lud 2008 im Rahmen ihrer europaweit größten Retrospektive dazu ein, sich in einem alten Leichenwagen durch die Oetker-Stadt kutschieren zu lassen. Das war keineswegs als Abgesang gemeint. Auch Gerhard Richter, Richard Serra, Louise Bourgeois, Jeff Koons und zuletzt Anohni machten früher oder später Station in Ostwestfalen-Lippe. Demnächst kommt Rem Koolhaas. Warum nur?

Alexandra Wach
Alexandra Wach ist freie Kunstkritikerin und Kulturjournalistin aus Köln. Neben Hörfunk schreibt sie für verschiedene Tageszeitungen, Zeitschriften und Kunstmagazine.

Es will schon etwas heißen, wenn sich eine Stadt eigens für ihren neuen Museumsbau August Rodins "Denker" anschafft. Man begegnet ihm gleich am Eingang zur 1968 erbauten Kunsthalle. Zerbricht sich die schwarze Figur vor der roten Sandsteinfassade etwa den Kopf darüber, wie sie aus dem mondänen Paris bloß in diese Peripherie der deutschen Kunstsinnigkeit hingeraten ist? Vielleicht lag es an Philip Johnson? Der amerikanische Architekt und Mitbegründer der Postmoderne erwählte ausgerechnet Bielefeld für seinen einzigen europäischen Museumsbau. Der hiesige Großunternehmer Rudolf August Oetker sicherte die Finanzierung. Die Ruinen des verlorenen Krieges sollten endlich verschwinden, die seit 1927 bestehende Sammlung der klassischen Moderne ein neues Zuhause finden.

Ausgerechnet Bielefeld

Die Bielefelder Kunsthalle mit Skulpturengarten

Seitdem zieht es nicht nur Denker, sondern auch jede Menge US-Künstler in den ikonischen Museumstempel, den Yoko Ono gar schwärmerisch als "das schönste Museum der Welt" bezeichnete. 1999 wurde es nach jahrzehntelangen Debatten um die nationalsozialistische Vergangenheit der "Puddingkönige" und die umstrittene Namensgebung nach dem NSDAP-Unterstützer Richard Kaselowsky privatisiert. Dass auch Philip Johnson in den dreißiger Jahren mit der Nazi-Ideologie liebäugelte, färbte nicht auf die Bewunderung seines Entwurfs ab. Immerhin studierte er bei Walter Gropius und Marcel Breuer und bereute später seine Haltung. "Das Gebäude verschafft uns tatsächlich einen Vertrauensvorschuss auch bei den Leihgebern", so der heutige Direktor Friedrich Meschede. "Anohni ist vor ihrer Abreise bis Mitternacht durch ihre Ausstellung gegangen und meinte, so etwas bekommt sie in ihrem Leben nicht wieder. Wir genießen hier eine große Freiheit über unsere Themen zu entscheiden, die können sehr speziell sein, weil hier nicht zuletzt im Umkreis von hundert Kilometern mit Konkurrenz nicht zu rechnen ist".

Spritzen und schmieren
Der deutsch-amerikanische Maler Hans Hofmann gilt als einer der wichtigsten Vertreter des Abstrakten Expressionismus. Hierzulande ist er aber vielen noch unbekannt. Das soll eine aktuelle Ausstellung ändern

Ein kunsthistorisches Institut an der Universität wird zwar erst seit kurzer Zeit aufgebaut, aber es gibt immerhin eine Galerie wie Samuelis Baumgarte, die im Programm Namen wie Tony Cragg, Jim Dine oder Tony Oursler führt. "Und es gibt eine Stammgemeinde, darunter alle Mitglieder des Kunstvereins und viele in der Region ansässige Unternehmer, die sich international über Kunst informieren und auf der Höhe der Zeit sind", betont Meschede. "Sie kommen mit Gästen mehrfach in die Ausstellungen, es gibt also ein interessiertes Publikum vor Ort, das auch Kritik übt, wie zuletzt über die Malerei von Maria Lassnig etwa. Die Projekte, die ich ansteuere, zeichnen sich oft dadurch aus, dass ich die Phänomene noch nicht verstehe. So kam 2015 die Ausstellung 'Serendipity. Vom Glück des Findens. Luhmann, Rückriem, Sasse' zustande. Oder Sou Fujimoto und Anohni. Ich denke, wir haben hier nur eine Chance mit einem konzeptionellen Ansatz, mit zugespitzten, prononcierten Themen, um sich von dem vermeintlichen Mainstream abzusetzen, der in den größeren Städten natürlich viel stärker von einem Kunstmarkt geprägt ist und von Erwartungen an große Namen.“   

Ein Kunstverein als Sprungbrett in die A-Liga

Ganz verzichtet man auf diese natürlich nicht. Die aktuelle Ausstellung "Creation in Form and Color: Hans Hofmann" erinnert an den Vater des Abstrakten Expressionismus, der Jackson Pollock oder Sam Francis beeinflusst hatte. Entstanden ist die mit jüngst entdeckten Arbeiten aufwartende Schau in Zusammenarbeit mit dem Berkeley Art Museum and Pacific Film Archive der University of California (BAMPFA). Im März folgt ein weiteres historisches US-Gipfeltreffen. Eine Ausstellung thematisiert den Austausch von Philip Johnson und Alfred H. Barr, des ersten Direktors des MoMA in New York. Beide besuchten das Bauhaus und ließen sich von seiner Struktur inspirieren. Johnson gründete am MoMA das Department of Architecture and Design - es war das erste seiner Art. Kein Wunder also, dass die Ausstellungsarchitektur zu dieser erhellenden Begegnung kein geringerer beisteuert als Star-Architekt Rem Koolhaas.

Ausgerechnet Bielefeld

Gebäude des Kunstvereins in Bielefeld

Durchschreitet man den offenen Skulpturgarten der Kunsthalle, der direkt am etwas verloren wirkenden Bismarck-Denkmal in die Fußgängerzone führt, winkt rechts ein Adelshof aus dem 16. Jahrhundert, wo der Kunstverein sein Quartier bezogen hat. Der Kontrast der Architektur könnte nicht größer sein, der Wille zu überregional auffallenden Themenstellungen und vielversprechenden Jung-Künstlern auf der Schwelle zur etablierten Position blüht aber auch hier. Wenn sich Künstler nicht als Auftraggeber von Architektur outen, oder Flucht und Migration in den Mittelpunkt ihrer Reflexion stellen, üben sie sich hier in einer erstaunlich zuverlässigen Qualität für ihren Sprung in die A-Liga. Geschafft haben es bereits Cécile B. Evans, Christian Falnaes, Benedikt Hipp, Ryan Trecartin oder Elizabeth Price. Demnächst verschlägt es mit Shilpa Gupta eine biennalenerfahrene Künstlerin aus Indien nach Bielefeld. Mehr Global-Glamour geht nicht.

art - Das Kunstmagazin
Funktioniert Kunst zur Flüchtlingskrise wirklich nur, wenn Sie die mediale Erregungsspirale bedient? Im Bielefelder Kunstverein stellt die Gruppenschau »Asylum« unter Beweis, dass künstlerischer Protest auch ganz leise geht