Museum Brandhorst

München

Schönheitskomplex
Blick von der Pinakothek der Moderne: Das neue Brandhorst-Museum bildet den Abschluss des Kunstareals zur Türkenstraße (Foto: Stefan Müller-Naumann)

SCHÖNHEITSKOMPLEX

Endlich eröffnet das neue Museum Brandhorst in München: ein schmucker Palast für Spitzenwerke der Gegenwartskunst des Privatsammlers Udo Brandhorst – und ein umstrittenes Projekt zur Erweiterung des staatlichen Pinakothekenareals. Einen aktuellen Bericht zur Eröffnung finden Sie ab dem 21. Mai auf art Online.
// BIRGIT SONNA, MÜNCHEN

Die ersten Keramikstäbe wurden aus der bunt schillernden Gitterfassade bereits herausgebrochen. Das neue Museum im Münchner Pinakothekenviertel zog vor seiner Eröffnung durch sein farbenfrohes Gepräge jede Menge Bauzaungäste an – und vereinzelt eben auch brachiale Souvenirjäger. Das Aufsehen in der Maxvorstadt um das außen poppige Museum Brandhorst wird sich mit der Zeit legen, wenn das Haus am 21. Mai nach einiger Verzögerung für das Publikum zugänglich wird.

Dann erst erschließt sich die von dem Berliner Architekturbüro Sauerbruch Hutton erbaute und aus Schallschutzgründen mit 36000 Keramikstäben verkleidete Schatztruhe eines Privatsammlers in seiner ganzen Delikatesse. Dann zeigt sich aber auch, wie die nicht nur wegen der Extrawünsche des Stifters etwas umstrittene Kollektion der Gegenwartskunst sich auf Dauer im Verbund mit den Pinakotheken behaupten wird.

Udo Brandhorst, ein vor Jahren aus Köln zugezogener Sammler, hat den an Kunst nach 1945 eher unterversorgten Bayerischen Staatsgemäldesammlungen ein willkommenes Präsent gemacht. Rund 700 Arbeiten sind heute in der ursprünglich mit seiner bereits gestorbenen Frau Anette zusammengetragenen Privatsammlung zur Kunst der Nachkriegsmoderne vorhanden. Über Cy Twombly und Andy Warhol hinaus kann der 70-jährige Stifter auf relativ dichte Sammlungskomplexe von Christopher Wool, Mike Kelley, Robert Gober, Damien Hirst verweisen. Schöne Schlaglichter werden auch auf Werkphasen von Katharina Fritsch, Bruce Nauman, Eric Fischl und Franz West geworfen. Von Letzterem hat Brandhorst jene herrlich ungeschlachte siebenteilige Skulpturenfamilie aus Pappmaché und Alu erworben, die unter dem Titel "Das Fragile an seiner Kloake" (2007) auf der Biennale in Venedig an körperliche Urbedürfnisse appellierte. In einem schmalen Raum sind die teils als Sitzmöbel benutzbaren lackierten Riesenwürste des Österreichers jetzt bei der Erstpräsentation in bedrängender Dichte postiert.

120 Millionen Euro bringt Brandhorst an Stiftungskapital mit

Dass der Staat als Gegengabe für die Überlassung privater Kunstschätze ein museales Gehäuse liefert und dieses auch personell unterhält, ist so ungewöhnlich nicht. Man kennt ähnliche Kontrakte vom Museum Berggruen in Berlin oder dem Museum Buchheim am Starnberger See. Weitgehend fremd ist allerdings, dass Brandhorst hier nicht nur ein Denkmal gesetzt wird, sondern dieser nun auch zusammen mit seinem von der Stiftung bezahlten Direktor Armin Zweite quasi unumschränkt regieren darf. Darauf angesprochen, warf Udo Brandhorst früher gerne markige Gegenfragen in den Raum: "Glauben Sie, dass die öffentliche Hand besser sammelt als die Privatsammler?" Damit hat er sich nicht unbedingt Freunde gemacht, zumal die Sammlung unter seinem Namen nun Teil eines der wichtigsten Museumsquartiere der Welt geworden ist. Der Tonfall hat sich unterdessen verändert. So bekundete Brandhorst im art-Interview, dass es natürlich darum gehe "ein neues Terrain sowohl für das Museum Brandhorst als auch für die Pinakothek der Moderne zu sondieren". Armin Zweite, der von den Kunstsammlungen Nordrhein-Westfalen nach München wechselte, bestätigt: "Wir können keinen eigenen Stiefel fahren. Dadurch, dass das Museum Brandhorst ohnehin schon so ein Alleinstellungsmerkmal hat, dadurch dass es ein eigener Bau mit einer eigenen Identität ist, werden wir uns bei Erwerbungen, bei Ausstellungen und Publikationen umsehen, was der Partner macht."

Respektable 120 Millionen Euro bringt Brandhorst an Stiftungskapital mit. Wenn die Finanzkrise nicht weiter ihre dunklen Kreise zieht, darf man mit einem Zinsertrag und damit Ankaufsetat von zwei Millionen rechnen. Die Zahlen erklären, warum Konservatoren gewissermaßen einen Kniefall vor dem rheinischen "Kunstsegen" machten. Brandhorsts Etat erlaubt Erwerbungen, die sich die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen gemeinhin nur im Traum ausmalen dürfen. Seinerzeit, als die Sammlung 2000 erstmals in München vorgestellt wurde, war in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" von einem "Danaergeschenk" die Rede. Das ist natürlich Unsinn. Welches Museum wäre rückwirkend in der Lage, aus eigenen Stücken eine Installation von Mike Kelley wie die mit obskurem Schmuddelkram angefüllte Hütte "The Keep" von 1998 zu erwerben?

"Es ist ein sehr statisches Haus"

Kaum eine Twombly-Ausstellung kommt heute ohne Leihgaben von Brandhorst aus. Er hat auch den in Schwefel-, Blut- und Schwarztönen auflodernden "Lepanto-Zyklus" (2001) von Cy Twombly gekauft. Dem abstrakten Schlachtenopus ist im ersten Geschoss des Museums ein eigens gekurvter Raum gewidmet, der allerdings fast ein wenig zu klein für die zwölfteilige Bildsequenz wirkt. Und auch wenn man den späten Warhol nicht liebt, so ist doch auch hier mit ein paar schönen Bildern zu rechnen: Mit den ironisch informell gehaltenen "Oxidation Paintings" etwa, metallisch beschichteten Bildtafeln, auf die Warhol und seine Assistenten urinierten. Und es ist noch ein frühes Popjuwel hinzugekommen: "Besonders stolz bin ich auf den Erwerb einer großen Arbeit von Andy Warhol mit dem Titel 'Mustard Race Riot' von 1963", frohlockt Brandhorst.

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1 Leserkommentar vorhanden

werner hahn

00:34

29 / 05 / 09 // 

Staatstragendes BRANDHORST-Museum: Kein großherziges SAMMLER-Geschenk!

„art“-UserInnen möchte ich einen Beitrag ZEIT ONLINE (Community), empfehlen. Hier wird sehr kritisch das BRANDHORST-Haus beurteilt: HAHN, Werner (2009): Staatstragendes BRANDHORST-Museum: Monument staatlich subventionierter Kunst-Lenkung? In: ZEIT Online v. 28.05.2009. Das BRANDHORST-Haus will unbedingt AUTONOM sein, betreibt ein eigenes Café, einen eigenen Buchladen etc.. Vieles, was BRANDHORST hat, habe auch die Pinakothek der Moderne betonten Kunstkritiker, obgleich Armin ZWEITE versuche gegenzusteuern und künftig Doppelungen zu vermeiden. ABER: Man könne der bayerischen Landesregierung die KRITIK nicht ersparen, so Hanno RAUTERBACH in DIE ZEIT Nr. 20: „Sie wurde geblendet von großen Künstlernamen und hohen Stiftungseinlagen, sie hat sich ihre Museumshoheit abhandeln lassen. Sie ist der Herr des neuen Hauses, der Herr IM Hause ist sie nicht. Was gezeigt und gekauft wird, entscheidet einzig die Stiftung, und das heißt Brandhorst. Selbst der Generaldirektor darf beim Ankaufsetat nicht mitreden, obwohl dieser immerhin 2 Millionen Euro beträgt und die Pinakotheken nur über klägliche 65000 verfügen. Der wahre Preis für das neue Museum ist also gewaltig. Die Macht der staatlichen Museen wird aufgeweicht. Künftig darf auch ein anderer darüber entscheiden, welche Kunst museumswürdig ist und welche nicht.“ Die FAZ sieht die neue Museums-Gründung ebenfalls kritisch: Bei aller Festfreude und trotz vielversprechender Entwicklungen würden Fragen und Skepsis bleiben: „Die Sammlung pocht auf Eigenständigkeit, die sie eher zur Konkurrentin als zur Partnerin zu machen droht. Ihre Macht bezieht sie aus einem Stiftungsvermögen von hundertzwanzig Millionen Euro, das, vorausgesetzt, es übersteht den Finanzcrash ohne Blessuren, Erträge abwirft, von denen Bayerns Museen nicht einmal träumen können. Zugute kommt das Geld aber nur der Brandhorst-Sammlung als Ankaufsetat, während sich der Freistaat sämtliche Personal- und Unterhaltskosten aufhalsen ließ.“ (FAZ am 25.05.;Brita SACHS.)

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