Debatte: Kunst und Flüchtlinge

Scheiß auf subtil!

Wenn Künstler wie Ai Weiwei oder das Zentrum für politische Schönheit gegen Misstände protestieren, wie im Fall der europäischen Flüchtlingspolitik, hagelt es regelmäßig Verrisse – auch hier bei art. Die Kunst sei skandalisierend, zu aggressiv und zu laut. Aber was anderes soll politische Kunst denn sein? Eine Verteidigung von Raimar Stange.
Scheiß auf subtil!

Mit dieser Installation aus Schwimmwesten am Konzerthaus am Gendarmenmarkt in Berlin machte der chinesische Künstler Ai Weiwei auf das Schicksal der vielen Flüchtlinge aufmerksam, die auf ihrem Weg nach Europa ertrunken sind.

Selten ist sich das Feuilleton so einig wie jetzt angesichts sogenannter "Flüchtlingskunst". Politische Kunst, die sich engagiert mit der Flüchtlingsproblematik auseinandersetzt, wird von ihr durchgängig auf das Heftigste kritisiert – bezeichnenderweise mit den immer gleichen Begründungen und den immer selben "Feindbildern".

Gebetsmühlenartig werden Projekte von Ai Weiwei, Olafur Eliasson oder dem Zentrum für politische Schönheit dann mit einem argumentatorischen Dreiklang disqualifiziert: 1. Politische Kunst dürfe nicht  "drastisch" und "tönend" (Kia Vahland, Süddeutsche Zeitung) sein, nicht "lautstark" (Alexandra Wach, art) oder gar "skandalisierend" (Hanno Rauterberg, Die Zeit) und somit ein "Spektakel" (Wolfgang Ullrich, perlentaucher.de); 2. Politische Kunst dürfe keine "realen Menschenschicksale gegen die Untiefen ... der Realpolitik ausspielen" (Wach) und sich nicht "auf den Rücken der Flüchtlinge bereichern" (Ullrich) – denn: "Geht es da wirklich um die Flüchtlinge?" (Dirk Schümer, Die Welt) oder nur um die "eigene Geltung" (Vahland) der Künstler?; und 3. Politische Kunst müsse "komplex" (Kolja Reichert, Frankfurter Allgemeine Zeitung) sein, "subtil" (Vahland) und "ambivalent" (Wach), statt "propagandistisch" zu "vereinfachen" umso zu wissen "was richtig und was falsch ist" (Rauterberg).

Raimar Stange
Raimar Stange ist freier Kurator und Kunstkritiker aus Berlin. Er schreibt für verschiedene Zeitschriften und Kunstmagazine. 2003 erhielt er den Preis des ADKV für Kunstkritik.

Was auf dem ersten Blick durchaus vernünftig erscheint, erweist sich auf den zweiten als ziemlich absurd. Politischer Kunst wird nämlich so fast alles verboten, was eigentlich ihr Wesen ausmacht: Sie darf nicht aggressiv, wütend und medienwirksam auftreten; sie darf nicht (erfolgreich) über und mit Menschen arbeiten; und vor allem soll sie keine eindeutigen Meinungen formulieren und keine Bewertung von real-existierender Politik vornehmen. Nimmt man all dieses zusammen, dann sieht man worum es diesen Kritikern der "Flüchtlingskunst" letztlich geht: Sie wollen die politische Kunst zu ihrer zahnlosen Softversion domestizieren, die brav, unauffällig und ganz ohne zu "menscheln", politische Themen "sensibel" diskutiert. Laut zu widersprechen oder sich gar aktiv fordernd in die Untiefen der Realpolitik zu begeben – das ist der Kunst offenbar untersagt. Der Kritiker Kolja Reichert bringt es auf den Punkt, wenn er betont, dass die Kunst "einen Wert an sich hat" und nicht "viral und nachhaltig" zu sein brauche – also autonome Kunst-Kunst zu sein hat.

Dass wichtige Teile der Moderne den Auszug aus dem White Cube versucht haben, scheint vergessen

Und wo hat diese leisetretende Politikkunst ihren Platz? Die Antwort, auch da ist man sich selbstverständlich einig, ist klar: im hehren Kunstbetrieb, in "Kunstausstellungen" (Vahland) bzw. "hinter der Galeristen-Tür" (Wach), vor allem aber nicht im "wahren, schrecklichen, unerbittlichem Leben" (Rauterberg), wo die Aktionen von Ai Weiwei und dem Zentrum für politische Schönheit stattfinden. Dass wichtige Teile der modernen Kunst aus guten Gründen den Auszug aus dem White Cube versucht haben, man denke nur an den Konstruktivismus und den Situationismus, ist im Feuilleton offenbar vergessen worden. Auch dass man mitten im "richtigen Leben" nicht nur über dieses (immer auch falsche) Leben künstlerisch arbeiten kann, sondern vor allem auch dagegen.

Scheiß auf subtil!

Für eine ihrer letzten Aktionen suchte das Zentrum für politische Schönheit Flüchtlinge, die sich in einer Arena fressen lassen – wie im alten Rom.

Komplexität als Ausrede für intellektuellen Relativismus

Auch die von allen genannten Kritikern ausdrücklich geschätzte Komplexität unterstreicht, dass diese soften "Leisetreter" – Duden: jemand … der keine Zivilcourage hat – an einem also überhaupt nicht interessiert sind: an der dringend notwendigen "Widerständigkeit", die doch gerade wesentlich ist für politische Kunst. Komplexität, so hat es der Kurator und Dramaturg Florian Malzacher einmal klug ausgeführt, diene heute "oft als Ausrede für intellektuellen Relativismus". Unsere postmoderne Lebenssituation sei scheinbar so komplex geworden, dass keine Wahrheit und keine darauf basierende Form des Gerechten mehr denkbar seien. Die Folge sei eine "homöopathische Vorstellung vom Politischen im westlichen Mittelklassen-Diskurs", die jedwede Form von sozial engagierter Kunst als zu einfach und zu populistisch diffamiere. Und die so eine tatsächliche Kritik am Status Quo konsequent verhindert.

Passenderweise deckt sich diese "Mittelklasse-Vorstellung" vom Politischen denn auch mit der Idee des Politischen, wie sie derzeit die sogenannte Post-Internet Art formuliert. So behauptete das New Yorker Künstlerkolletiv "DIS" für die gerade zu Ende gegangene und von ihm kuratierte 9. Berlin Biennale das Wort "Paradessenz" als Schlüsselbegriff. Wofür er steht? Dafür, dass die reale und gleichzeitig virtuelle Existenz im Computer-Zeitalter als so paradox erscheine, dass keine Kritik an ihr mehr möglich sei.

Ist politischer Aktivismus naiv?
Der Wiener Philosoph Armen Avanessian begründete die zukunftsorientierte Denkrichtung des »Spekulativen Realismus« entscheidend mit. Bei der aktuellen Berlin Biennale ist er mit einem eigenen Projekt vertreten. Ein Gespräch
Das Ende einer Illusion
Auf der Berlin Biennale sollten Kunst und Kapitalismus eine flirrend-vieldeutige Liaison eingehen. Die Wirklichkeit hat eher den Charme eines ausgedruckten Tumblr-Blogs. Wolfgang Ullrich über das Scheitern im Real Life