Mauerkunst

Berlin

Kunst unter Wasserdampf
Dmitry Vrubel: "God! Help me survive amid this mortal love", 1989 (Foto: "East Side Gallery", 2005; Victorgrigas)

KUNST UNTER WASSERDAMPF

Anlässlich des 20. Jahrestages des Mauerfalls im November soll die "East Side Gallery" in Berlin saniert werden. Die Bilder, die Künstler 1990 auf die Reste der Mauer malten, sollen dafür entfernt und anschließend neu aufgemalt werden. Jetzt protestieren die Künstler – und gründen erste Gegeninitiativen.
// SANDRA DANICKE

"Langsam reicht es", ruft Barbara Greul Aschanta, und Kollege Bodo Sperling fügt hinzu, man könne sich schließlich nicht schon wieder über den Tisch ziehen lassen. Seite an Seite malten die Frankfurter Künstler 1990 großformatige Bilder auf die Reste der Berliner Mauer. 116 Künstler aus 21 Ländern taten es ihnen gleich und bemalten das 1316 Meter lange Reststück der Mauer entlang der Mühlenstraße im Stadtteil Friedrichshain mit ihren Visionen und Kommentaren zum Umbruch 1989/90. Damals entstand die größte Open-Air-Galerie der Welt, die unter dem Titel East Side Gallery noch heute eine Touristenattraktion ist. Dabei bröckelt hier längst der Beton, die Bilder sind größtenteils in erbärmlichem Zustand, viele zudem mit Graffiti überpinselt.

Zum 20. Jahrestag des Mauerfalls im November soll jedoch alles wieder wie damals aussehen, für zirka 2 Millionen Euro soll die East Side Gallery komplett saniert werden. Doch um welchen Preis? "Alles muss weg", erklärte Kani Alavi, Vorsitzender der Künstlerinitiative East Side Gallery, die sich um den Erhalt des unter Denkmalschutz stehenden Gesamtkunstwerks kümmert, unlängst auf "Spiegel Online". Um die Substanz zu schützen, müssten alle Farbreste mit 80 Grad heißem Wasserdampf entfernt werden. Anschließend werde der Beton ausgebessert, und schließlich – so der Plan – sollen die ursprünglichen Künstler ihre, durch die Prozedur komplett entfernten, Bilder neu aufmalen. "Wir werden gar nicht erst gefragt, ob wir der Vernichtung unserer Arbeiten zustimmen", empören sich Greul Aschanta und Sperling, zumal bereits Fakten geschaffen wurden. So wurde unter anderem der "Bruderkuss", jenes berühmte Bild des Moskauer Malers Dmitri Vrubel, das Honecker und Breschnew in zärtlicher Umarmung zeigt, ohne Wissen des Malers entfernt. "Es ist unglaublich. Wo ist mein Werk?", entrüstete Vrubel sich unlängst und fügte hinzu, er könne ja wohl nicht das gleiche Bild noch einmal malen.

"Seit zwanzig Jahren fühlen wir uns verarscht"

Allein der neue glatte Untergrund biete doch ganz andere Voraussetzungen für die Werke als 1990, erläutert Bodo Sperling und schimpft: "Das Ganze soll 'ne Plastikgeschichte werden." Besonders wütend macht ihn und diverse Kollegen die Tatsache, dass den Künstlern für ihre Bemühungen lediglich eine Aufwandsentschädigung von je 3000 Euro angeboten wurde, wenngleich eine knappe Million von der Lottostiftung Berlin allein für die Instandsetzung der Gemälde bereitgestellt worden sei. Ein Finanzierungsplan des Bauträgers S.T.E.R.N. GmbH, der ihm zugespielt worden sei, verzeichne jedoch vollkommen unsinnige Ausgaben wie 100 000 Euro für Gerüste, die keiner der Künstler benötige, oder 64 000 Euro für die "Betreuung der Künstler". Überdies seien "die veranschlagten Mittel zur Beschaffung der Farben mit 128 520 Euro circa 100 000 zu hoch bemessen", glaubt Sperling.

"Im Grunde fühlen wir uns schon seit zwanzig Jahren verarscht", erklärt Barbara Greul Aschanta die aufgestaute Wut. All die Jahre sei mit Marketingprodukten wie Büchern, Kalendern, Postern etc., die auf ihren Arbeiten basierten, Geld gescheffelt worden. Bloß die Künstler hätten, trotz ursprünglich anderer Zusagen, nie einen Cent davon gesehen. Bereits 1991 habe Mauerkünstler Jim Avignon sein Werk deshalb mit dem Wort "Moneymachine" übermalt. Ihre alten Bilder abermals zu malen, das käme für sie allenfalls für einen deutlich höheren Betrag als 3000 Euro infrage, so Greul Aschanta und Sperling. Aus diesem Grund hat Bodo Sperling jetzt eine Initiative gegründet, die das Ziel verfolgt, die Mittel der Lottostiftung ausschließlich den beteiligten Künstlern zur Wiederherstellung ihrer Bilder zugutekommen zu lassen. Die Unterzeichner, mittlerweile 14 Künstler aus Deutschland und der Sowjetunion, "fordern ihr Recht auf Freiheit der Kunst ein. Dazu gehört, eventuell den Bilduntergrund im Original zu bewahren. Die Künstler", so heißt es in der Erklärung weiter, "sollen die Möglichkeit haben, ihre Bilder selbst zu restaurieren". Überdies fordern Sperlings Mitstreiter eine Honorierung der Arbeitsleistung von 15 000 Euro pro Bildwerk, schließlich stelle die East Side Gallery einen nicht unerheblichen Wirtschaftsfaktor für Berlin dar. "Für 3000 Euro", so Greul Aschanta, "stelle ich meinen Hintern jedenfalls nicht noch mal an die Mauer".

Kommentieren Sie diesen Artikel

8 Leserkommentare vorhanden

***

12:04

08 / 04 / 09 // 

Re:

"(...) das 1316 Kilometer lange Reststück (...)"

telepanic

12:04

08 / 04 / 09 // 

"O2 Arena" vs. East Side Gallery

Ein beträchtliches Stück der Mauer fiel bereits dem Bau der O2-Arena zum Opfer. Die dort klaffende Lücke gewährt einen Blick von der Spree auf die Reklamefassade der Arena und wird von einer gigantischen O2 Werbetafel überragt. Vielleicht böte sich die Reinigung der Mauer dazu an, sie im Anschluss komplett mit Werbung anstatt Kunstwerken zu versehen.

rene

15:44

08 / 04 / 09 // 

Sowjetunion?

14 Künstler aus Deutschland und der Sowjetunion... :-) Ist das jetzt Ostalgie? Meint das jetzt ehm. Ostblock, Russland, GUS oder woher stammen die Künstler? Ich finde man sollte neue Künstle rann lassen oder zumindest neue Werke enstehen lassen... das war eine Aktion im Feeling der Zeit, das nachzuäffen ist einfach dumm und hat als Idee warscheinlich nur das schnöde Geld. Und dafür sind mir meine Steuergelder dann doch zu schade.

Bodo Sperling

15:37

02 / 08 / 09 // 

Gründerinitiative East Side

GRÜNDERINITIATIVE EAST SIDE Das 985 Meter lange Reststück der Berliner Mauer zwischen der Oberbaumbrücke und dem Ostbahnhof bildet heute die "East Side Gallery". Im März 1990 waren das Vorstandsmitglied Barbara Greul Aschanta und Bodo Sperling als Sprecher des Bundesverband Bildender Künstler BBK Frankfurt a/M. damit beauftragt, die beiden Deutschen Künstlerverbände "BBK und dem Verband Bildender Künstler der DDR zu vereinen. Die damaligen DDR-Künstlerkollegen standen plötzlich ohne Aufträge und Zukunft da, es sollten Perspektiven aufgezeigt werden. Im März 1990 wurde als erste gemeinsame Aktion der beiden Verbände durch Barbara Greul Aschanta, Bodo Sperling, und dem Sprecher des Verband Bildender Künstler der DDR Jörg Kubitzki sowie David Monty , die "East Side Gallery" gegründet. Es bildet quasi das erste Gesamtdeutsche Gesamtkunstwerk nach dem Mauerfall. Die East Side Gallery steht seit 1991 unter Denkmalschutz. 2009 jährt sich der Fall der Mauer zum 20. Mal. Bis Oktober 2009 sollen die mittlerweile zerschlissenen Bilder, und die beschädigte Mauer restauriert werden. Hierzu sind Mittel von 1.189.000. -€ für die Betonsanierung bewilligt. Für die 118 Künstler stehen weitere 985.000.- € der Lottostiftung Berlin zu Verfügung. Das zuständige Bezirksamt von Berlin Friedrichshain-Kreuzberg hat die Verteilung der Mittel und die gesamte Koordinierung in die Hände der S.T.E.R.N. GmbH zur sanften Stadtentwicklung gelegt. (Wahrscheinlich ohne Ausschreibung) Laut Vereinbarung zwischen der S.T.E.R.N. GmbH und den einzelnen 118 Künstlern sollen die Bilder neu gemalt werden. Für diese Arbeit wird den Künstlern eine Aufwandsentschädigung von 3.000. -€, die Übernahme von Fahrtkosten die Unterkunft und ein Verpflefungsgeld angeboten. Die Zahlung eines Honorars ist nicht vorgesehen, obwohl die Mittel dafür vorhanden sind. Statt dessen werden die für die Wiederherstellung der Bilder bewilligten 985.000. -€ Mittel dubios zweckentfremdet. Wir sind im Besitz von original Unterlagen der

Bodo Sperling

15:40

02 / 08 / 09 // 

Gründerinitiative East Side

S.T.E.R.N. GmbH, aus denen hervor geht, dass der Verbleib des grössten Teils der Gelder zweckentfremdet wird. Deshalb haben wir den Landesrechnungshof mit der Überprüfung beauftragt. Einzelne Positionen der Dokumente "Kosten und Finanzierung" wurden von uns gegen gerechnet. Das Ergebnis war, dass etwa 1.200.000. -€ nicht nachvollziebar sind. Im März 2008 gründete Bodo Sperling die "Gründerinitiative East Side". Seit März 2008 versuchen wir mit den Beteiligten; Bezirksbürgermeister Dr.Schulz, Friedrichshain-Kreuzberg, der S.T.E.R.N. GmbH, Gespräche zu führen, über diese finanziellen und umganglichen Verwerfungen. Leider bekamen wir bis Heute keine Antwort von Herrn Dr. Schulz oder anderen Veantwortlichen. Unsere Bitte an Herrn Schulz uns die Künstlerliste auszuhändigen, die Bodo Sperling 1990 dem Bezirksamt Friedrichshain zu Verfügung stellte, wird bis heute verweigert. Es soll der Kontakt unter den Künstlern verhindert werden. Diese Vermutung nährt sich aus dem Fakt, dass die Malaktion immer nur maximal vier Künstler zur selben Zeit zulässt. Die gesammte Malaktion wird von Herrn Kani Alavi, der 1997 den Verein "Künstlerinitiative East Side Gallery" gegründet hat, überwacht. Alavi kontrolliert ob die Künstler lienientreu 1 zu 1 ihre Bilder kopieren. Vorgesehen und zugesagt war ursprünglich die Restaurierung der noch zum Teil vorhandenen Bilder. Mittlerweile hat man den größten Teil der Bilder einfach abgestrahlt, und so verhindert, dass die unter Denkmalschutz befindlichen Bilder fachgerecht restauriert werden. Bislang konnte Bodo Sperling lediglich erreichen, dass der Denkmalschutz auch nach der Restaurierung schriftliche Bestätigung durch das Amt für Denkmalschutz erfuhr. Die S.T.E.R.N. GmbH für sanfte Stadtentwicklung droht nun den nicht willigen Künstlern an, deren Werke durch andere Personen neu nachmalen zu lassen, auch entgegen dem erklärten Willen der Künstler. In die gleiche Kerbe schlägt auch der Leiter des Büro der Senatskanzlei für Kulturelle Angelegenheiten

Bodo Sperling

15:49

02 / 08 / 09 // 

Gründerinitiative East Side

Herr Klemke. Herr Klemke beruft sich dabei auf "Treu und Glauben", was nach Auffassung der Justiziarin Frau Dr. Schierholz, VG Bild-Kunst Bonn und Herrn Prof. Dr. Peter Raue, juristisch unhaltbar ist. Sollte sich der Senat nicht besinnen, und die Bilder dennoch ohne Einwilligung der Urheber nachmalen zu lassen, würde dies eine Flut von Urheberklagen nach sich ziehen. Unsere Forderung von 15.000. - € stellt einen fiktiven Betrag da, der aus der in den letzten 20 Jahren entgangenen Gewinnbeteiligung an der Gesamtvermarktung in mehrstelliger Millionenhöhe der East Side Gallery durch das Land Berlin resultiert, und der sich aus der Höhe der zu Verfügung stehenden Mittel für die Sanierung der East Side Gallery von 2.174.000. - € ergibt. In der Hauptsache unserer Kritik steht der Angriff auf die Künstlerische Freiheit. Wir sind nicht Zierwerk eines Systems der Intransparenz, dass sich weigert auf die Fragen der Bürger zu antworten, sondern wir sind freie Künstler, die mit ihrer Arbeit Perspektiven aufzeigen wollen. Wenn von uns verlangt wird, ungeachtet unserer eigenen künstlerischen Entwicklung, unsere Arbeiten von vor 19 Jahren noch einmal 1 zu 1 nach zu malen, dann muss dies auch angemessen honoriert werden. Es stellt sich die Frage wer sich hier auf unsere Kosten bereichert. Zitat Helmut Schermayer von der projektsteuernden S.T.E.R.N. GmbH am 03 November 2008 in einem persönlichen Gespräch mit mir: " Ob die Künstler malen oder nicht interessiert mich nicht, wir haben unser Geld " Es ist Konsens unter den Künstlern der Gründerinitiative East Side, unsere Bilder gegebenenfalls nicht wieder auf die Mauer zu malen, sollten unserer Forderung kein annehmbares Angebot folgen. Die theoretische Möglichkeit etwa andere Bilder auf die Mauer malen zu lassen schreckt uns nicht. Dies stünde auch a priori im krassen Gegensatz zum Auftrag der Denkmalbehörden, die die East Side Gallery in ihrer Gesamtheit, also Bilder und Mauer 1992 unter Denkmalschutz gestellt hat, und für deren Erhalt sie verantwo

Bodo Sperling

15:58

02 / 08 / 09 // 

Gründerinitiative East Side

verantwortlich zeichnet. (Quelle: Landesdenkmalamt von Berlin, Frau S. Schulz) Ein medienpolitisch delikater Fehltritt des Berliner Senates könnte meiner Einschätzung nach vermieden werden, wenn sich die Verantwortlichen darüber im klaren wären, dass die Panoramafreiheit gerade nicht für die Vervielfältigungen an einem Bauwerk (§ 59 Abs. II UrhG) gilt. Der Paragraf verhindert, dass öffentlich sichtbare Werke auf dieselbe Weise nachgebildet werden, so dass die Nachbildungen ohne die Zustimmung der Urheber die Originale ersetzen kann – so Dreier/Schulze-Dreier, Kommentar zum Urheberrecht, § 59 Rn 9. Praktisch würde dies das Veröffentlichungsverbot für alle Print-TV Medien bedeuten. Es wäre dann fortan nicht mehr erlaubt, die Bilder zu filmen, oder zu fotografieren, (§59 Rn 9 UrhG) und anschliessend zu veröffentlichen, was mit an Sicherheit zu Irritationen auch bei ausländischen Journalisten führen würde. Die rüde Vorgehensweise und die offensichtlichen Verstöße gegen das Urheberrecht, sowie die Aufforderung zur Verletzung geltenden Rechtes durch den Senat, der S.T.E.R.N. GmbH und Kani Alavi, veranlassen uns, derzeit 13 Unterzeichner der Vollmacht für Bodo Sperling zum Sprecher der Gründerinitiative East Side, sowie Dimitri Vrubel,Moskau,Maler des Bruderkuss (gemeinsame Pressekonferenz Berlin 29.04.2009) , der uns unterstützt, und weitere sympathisierende Künstler, zur Verweigerung unsere Bilder erneut zu malen. Wir fordern für jedes Bild ein Honorar von 15.000. - €. und die für die Künstler gespendeten Mittel von 985.000..€ auf die Künstler auf zu teilen, damit diese in Eigenregie und Verantwortung ihre Arbeiten erneut malen können. Die Bilder unter den gegebenen Bedingungen neu zu malen würde für uns bedeuten, dass wir Künstler die Intransparente Haltung der Verantwortlichen im Bezirksamt, im Berliner Senat und der S.T.E.R.N. GmbH tolerieren, und auf die von uns eingeforderte intellektuelle Redlichkeit zu verzichten. Es geht aber auch um den Protest, dass die Arbeiten de

Bodo Sperling

15:59

02 / 08 / 09 // 

Gründerinitiative East Side

der Künstler von 1990 einfach durch die S.T.E.R.N. GmbH zerstört wurden, mit all ihren Graffitis und Kommentaren. Eine Totalkopie wie jetzt gewünscht stellt einen eklatanten Verstoss gegen das Urheberrecht dar, denn es war von vielen Künstlern gewünscht, im angemessenen Rahmen, diese Kommentierungen als Bestandteil ihrer Arbeiten zu werten. Viele Künstler der Gründerinitiative würden Heute gerne andere Bilder auf die Mauer malen, dies ist aber aus Gründen des Denkmalschutzes nicht möglich, deshalb ist von der "Gründerinitiative East Side" angedacht, die Westseite der East Side Gallery in einem Wettbewerb alle drei Jahre von Künstlern aus aller Welt mit zeitgenössischer Kunst neu gestalten zu lassen. Damit wäre die Reflexion der Gegenwart auf diese monströse Mauer gegeben. GRÜNDERINITIATIVE EAST SIDE Bodo Sperling bo8000@googlemail.com http://gruenderinitiativeeastside.blogspot.com/

Abo