Debatte um politische Künstler

Wer ist der neue Hans Haacke?

Noch immer gilt er als Inbegriff des politischen Künstlers: der 80-jährige Hans Haacke bewies mit seinen kritischen Arbeiten stets Haltung – dafür legte er sich im Zweifel auch mit den Mächtigen des Kunstbetriebs an. Aber wie steht es um das politische Bewusstsein der jüngeren Künstlergeneration? Wie viel haacksche Empörung reicht aus, um unserer verwirrend ausfransenden Gegenwart beizukommen?

Der Grandseigneur der Gesellschaftskritik hat zuletzt mit seinem auf dem Trafalgar Square herrenlos den Aktienkursen trotzenden "Gift Horse" der britischen Finanzwelt die skelettierte Rote Karte gezeigt. Die Metaphorik war überdeutlich, was den damaligen Londoner Bürgermeister Boris Johnson lediglich dazu veranlasste, mit einer Geste der Gelassenheit auf das unartige Benehmen des notorisch herumnörgelnden Deutschen zu reagieren.

Das war mal anders. Gleich mit seiner ersten Ausstellung in einem amerikanischen Museum gelang Hans Haacke 1971 eine Preziose der politischen Konzeptkunst. Thomas Messer, Direktor des New Yorker Guggenheim-Museums, ließ sechs Wochen vor Eröffnung den Auftritt platzen. Dabei hatte sich der Unruhestifter so viel Mühe gegeben. Seine wandfüllende Foto- und Textdokumentation visualisierte die kriminellen Verstrickungen der New Yorker Immobilienspekulanten. Unter ihnen auch einige spendable Freunde des Guggenheim-Museums. Statt Selbstkritik zu üben, witterte Messer eine "fremde Substanz" am Werk, die "in den Organismus des Kunstmuseums eindringe". Fortan war Haacke in den amerikanischen Kunstinstitutionen 15 Jahre lang eine Persona non grata.

Alexandra Wach
Alexandra Wach ist freie Kunstkritikerin und Kulturjournalistin aus Köln. Neben Hörfunk schreibt sie für verschiedene Tageszeitungen, Zeitschriften und Kunstmagazine.

In Deutschland sorgten gut vernetzte Kombattanten dafür, dass der Erregungspegel nicht abfiel. Mal recherchierte Haacke den Aktivitäten des Kunstfreundes und Adenauer-Bankiers Hermann J. Abs in der NS-Zeit hinterher, mal legte er den deutschen Pavillon auf der Biennale in Venedig in geschichtsgeladene Schutt und Asche, oder verursachte mit seiner Installation "Der Bevölkerung" im Bundestag hitzige Debatten.

Seine politisch eindeutigen Lektionen ließen selten Fragen offen. Ein Klassiker ist Haacke trotzdem geworden. Daran ließ auch kürzlich das Podiumsgespräch im Museum Ludwig in Köln keinen Zweifel. Es fand aus Anlass des 40-jährigen Jubiläums des Hauses statt. Haackes Plakatserie "Der Pralinenmeister" von 1981, das die Erbschaftssteuervorteile des Kunstsammlers Peter Ludwig genüsslich seziert, ist natürlich Teil der dazugehörigen Ausstellung. Seine politische Ästhetik ist längst so museal, dass man im gänzlich retrospektiven Gespräch gar nicht erst versuchte, dem in die Jahre gekommenen Bürgerschreck ein Statement zur Lage der globalisierten Welt zu entlocken. Auch die Frage nach seinen Erben fand keine Beachtung.

Wie sollte man sich den Polit-Künstler heute vorstellen?

Aber wie sollte man sich heute einen Polit-Künstler vorstellen, der mit der Zeit geht? Den letzten bemerkenswerten Aufruhr löste ausgerechnet ein Satiriker aus. Jan Böhmermann schaffte mit einem pubertären Anschlag auf den guten Geschmack das, wofür Dissidenten vom Schlage eines Ai Weiwei oder des Kunstkollektivs Pussy Riots erst ganzen Körpereinsatz leisten mussten, um ähnlich grenzübergreifend in die Schlagzeilen zu geraten. Sie reizten ihre autoritären Regime so lange, bis diese sich nicht anders zu helfen wussten als die Störenfriede per Inhaftierung aus dem Verkehr zu ziehen. Genutzt hat diese medienwirksame Nobilitierung zum Staatsfeind wenig. Der Markenkern der aufsässigen Künstler ist stabiler denn je. Das gilt auch für die Causa Böhmermann. Sein Duell mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan hat ihm mehr genützt als geschadet und seinen Verleger Helge Malchow gar dazu verleitet, den Satire-Unfall zu einer "politischen Intervention mit künstlerischen Mitteln" zu verklären. Geht's ein wenig leiser?

Legt man das Werk von Hans Haacke als Messlatte für eine zeitgemäße politische Kunst an, drängt sich nicht etwa das Zentrum für politische Schönheit auf. Auch diese Gruppe um Philipp Ruch ist süchtig nach öffentlicher Aufmerksamkeit und sucht den größtmöglichen Schockeffekt auf einer Bühne, die reale Menschenschicksale gegen die Untiefen der nur langsam reagierenden Realpolitik ausspielt. Systemimmanente Analyse sucht man vergeblich. Lautstärke killt hier die enthüllende Substanz, die vor allem den frühen Haacke zu einem gefürchteten Institutionskritiker kürte.             

Wer ist der neue Hans Haacke?

Künstler Philipp Ruch veröffentlichte das politische Manifest: "Wenn nicht wir, wer dann?"

Die 1975 geborene Taryn Simon ist da schon weiter. Sie recherchiert für ihre Projekte ausgiebig, stellt unbequeme Zusammenhänge auf und bündelt die Ergebnisse in kategorisierenden Text-Grafiken. Die US-Amerikanerin hat ihren Haacke vorbildlich verinnerlicht. Und doch lässt sie sich zeitgleich vom Kunstmarkt-König Larry Gagosian vertreten als endete das kritische Bewusstsein spätestens an der meist bietenden Galeristen-Tür.                                                   

Ähnlich ambivalent, aber umso näher am virtuellen Zeitgeist, bewegt sich der sieben Jahre jüngere Simon Denny. In seinen den Server-Look meisterlich imitierenden Installationen spannt der Neuseeländer den Bogen von den Geheimdiensten der Gegenwart bis zu Befragungen von nationalen Identitäten. Wenn er Dokumente des Whistleblowers Edward Snowden ausstellt, wie 2013 auf der Biennale von Venedig, dann ernten seine Power-Point-Präsentationen nicht etwa ein wutentbranntes Raunen. Denny riskiert nichts und gehört in seiner Generation doch zu den wenigen Exemplaren einer posthaackeschen Spezies, die sich zwar beinahe autistisch in Details der Machtrepräsentation verrennt, aber immerhin neugierig genug ist, um Akteure im Hintergrund, wie etwa einen NSA-Grafikdesigner und späteren Kreativchef des Militärgeheimdienstes Defense Intelligence Agency, nach den Prämissen seiner Arbeit zu befragen.

Das kritische Bewusstsein endet an der Galeristen-Tür

Denny, der in seinem Outfit eher einem Investmentbanker auf Urlaub ähnelt als einem linken Moralapostel, schätzt als prototypischer Bildhauer seiner Epoche den Glamour von Maschinenoberflächen und Displays. Er verwendet beinahe parodistisch die Startup-Grammatik, vergisst dabei aber nie Situationen zu erschaffen, die der schönen neuen Nerd-Welt einen altmodisch skeptischen Kratzer des Zweifels verpassen.

Wer ist der neue Hans Haacke?

Vitrine aus Simon Dennys Installation "Secret Power", die er auf der letzten Venedig Biennale für den Neuseeländischen Pavillon im Saal der Biblioteca Marciana präsentierte.

Wer mischt hier wirklich die Karten und wie frei sind diese smarten Revolutionäre in ihren Entscheidungen? Helfen Investoren bei technologischen Entdeckungen, oder beeinflussen sie nicht viel mehr die Richtung, um ihr Kapital zu vermehren? Was passiert, wenn sich Kommunikationstechnologien und Infrastrukturen verselbständigen, gar von Hackern gekapert werden? Dennys Vorgehen multipliziert entlang von ausgiebigen Erklärtafeln geradezu die Informationsflut und fordert den Betrachter auf dran zu bleiben, wenn ihm sein analoges Leben lieb ist.      

Faszination ist gut, Kontrolle ist besser, schreit es aus all den Digi-Altären heraus, die Citizen Denny, der sich wahlweise gerne auch als Fan-Künstler tituliert, zu einem Kompendium der aktuellen Netzökonomie komprimiert. Da lässt es sich verschmerzen, dass seine Distanz zum Objekt seiner Studien mehr als porös ist und man nie weiß, ob der Renegat in ihm doch nicht ein verkappter Konvertit ist, für den das Humane eine irrelevante Größe ist. Schließlich lauert hinter jedem seiner Hochglanzbühnen ein kalkulierter Abgrund. Betreten muss man sie ganz ohne die beruhigende Anleitung des widerspruchsfreien Polit-Künstlers alter Façon.

Zentrum für politische Schönheit
Eine neue Generation von Kunstaktivisten erobert den öffentlichen Raum – unsere Reihe stellt sie vor. Heute spricht Philipp Ruch vom Berliner Zentrum für politische Schönheit über deutschen Kleingeist und dystopische Zeitreisen