Wolfgang Ullrich über die Berlin Biennale 2016

Das Ende einer Illusion

Es gibt Formen von Kunst, die sind wunderbar, solange sie Idee bleiben. Auf der Berlin Biennale sollten Kunst und Kapitalismus eine flirrend-vieldeutige Liaison eingehen. Die Wirklichkeit hat eher den Charme eines ausgedruckten Tumblr-Blogs. Wolfgang Ullrich über das Scheitern im Real Life.
Das Ende einer Illusion

Einer der sogenannten "Key Visuals" der 9. Berlin Biennale: "Narrative Devices", 2016, featuring Tilman Hornig, Video Still, produziert von Iconoclast

Die Berlin Biennale hat bei mir eine Katerstimmung ausgelöst. Da es sich dabei um eine eher untypische Reaktion auf den von vielen gelobten, von anderen mit leichtem Schaudern wahrgenommenen Parcours des New Yorker Kuratorenteams DIS zu handeln scheint, bin ich eine Erklärung schuldig. Tatsächlich hatte ich den Eindruck, unsanft aus einer Illusion aufzuwachen, in der ich seit den frühen Nullerjahren gelebt hatte. Es war dies die Illusion einer Welt, in der die Kunst sich nicht länger behaupten muss, indem sie ganz anders als alles andere ist, sondern in der sie sich mit den intelligentesten und gewitztesten ästhetischen Entwicklungen von Werbung, Konsumprodukten, Corporate Design und Massenmedien kurzschließen kann, um umgekehrt deren Möglichkeiten zu erweitern. Möglich wird so eine freie, in höchstem Maße inspirierende Kultur, in der kein gestalterischer Effekt, wo auch immer er zuerst auftaucht, anderswo unbemerkt bleibt und in der Berührungsängste zwischen einzelnen Metiers keine Rolle spielen, ja man sogar Spaß hat (sich zumindest nicht rechtfertigen muss), wenn man sich als Künstler für ein Start-up-Unternehmen engagiert oder als Designer in einem Kunstverein ausstellt.

Wolfgang Ullrich
Wolfgang Ullrich war Professor für Kunstwissenschaft und Medientheorie an der HfG in Karlsruhe. Er ist Autor zahlreicher Bücher und lebt in Leipzig.

In diese Illusion hatten (nicht nur) mich der Markenkult und die Inszenierungspraktiken der New Economy, das plötzliche Interesse vieler Künstler für Formen des Unternehmerischen, aber auch Spielarten von Cultural Hacking oder die ersten Versuche alternativer Dienstleistungen im Internet versetzt. Außerdem gab es Bücher, in denen diese Phänomene aufgegriffen und phantasievoll weitergedacht wurden, die also schon ganz selbstverständlich von einer Welt berichteten, die so sorgfältig ästhetisiert war, dass das Leben heiterer, leichter und geistiger als je zuvor zu sein versprach.

Eines dieser Bücher stammt von Alex Shakar, es erschien 2001 unter dem Titel "The Savage Girl", die ein Jahr später publizierte deutsche Übersetzung hieß "Der letzte Schrei". Die Hauptfigur, Ursula, ist eigentlich Künstlerin, hat aber bei einer Trendagentur angeheuert und ist damit beschäftigt, Beobachtungen des Alltags so weit zu überhöhen, dass sich daraus Trends machen lassen. Für die Kuratoren der Berlin Biennale scheint Shakars Buch ebenfalls wichtig gewesen zu sein. In einem Text auf ihrer Website berufen sie sich nämlich auf einen Begriff, der von Shakar stammt und nach 2001 eine kurze Karriere erlebte. Es ist der Begriff 'Paradessenz', zusammengesetzt aus 'Paradox' und 'Essenz', aber auch mit einem starken Anklang an 'Paradies'. Dieser Begriff soll die Erfahrung fassen, dass etwas aus gegensätzlichen Elementen bestehen, entsprechend sehr komplex und daher geradezu magisch aufgeladen, surreal in der Schwebe sein kann. Eben damit passt Paradessentes besonders gut in jene Welt, in der herkömmliche Kategorien und Grenzziehungen ausgedient haben. Das Kuratorenteam von DIS nimmt für sich in Anspruch, Orte und Werke gefunden zu haben, die solche Paradessenzen besser als andere verkörpern, angesichts derer es also nicht ungewöhnlich erscheint, "das Virtuelle als das Wirkliche, Nationen als Marken, Menschen als Daten, Kultur als Kapital, Wellness als Politik" zu erfahren.

Das postironische Bewusstsein verwischt die Grenzen zwischen Ironie und Ernst

Shakar (von DIS nicht namentlich erwähnt) nennt in seinem Roman Konsumprodukte wie Kaffee, der "Anregung und Entspannung" bereiten soll, als Beispiele für Paradessenzen. Eiscreme steht gleichermaßen für Eros und Unschuld, und beim Design von Stars achtet man darauf, dass diese cool und schutzbedürftig, hart und sensibel zugleich in Erscheinung treten. Doch grundsätzlicher zeichnen Paradessenzen für Shakar einen Zeitgeist aus, den er in einem anderen Begriff zusammenfasst: Postironie. Diese folge auf die Postmoderne, in der bekanntlich alles ironisiert worden sei, um sich cool und überlegen zu geben. Schließlich sei man der vielen ironischen Zweifel selbst überdrüssig geworden. Das postironische Bewusstsein, so Shakar, "verwischt die Grenzen zwischen Ironie und Ernst in einer Weise, die uns herkömmlichen Ironikern kaum noch verständlich ist, und schafft einen Bewusstseinszustand, in dem kritische und unkritische Reaktionen ununterscheidbar sind. Postironie strebt nicht danach zu entzaubern, sondern zu verwirren, sie will Gegensätze nicht verschmelzen, sondern aussetzen, und alle Möglichkeiten zugleich offen halten."

Was ist Postkritik?
Der derzeitige Hype um die Post-Internet Art, erfüllt viele mit Unbehagen. Das muss er gar nicht, sagt Autor Thomas Edlinger und begrüßt eine neue, postkritische Haltung

Dass sich das Bedürfnis nach einer Position, in der alles ausgesetzt und offen gehalten ist, am besten in Paradessenzen befriedigen lässt, wurde in Theorie und Literatur auch in den Jahren nach 2001 wiederholt nahegelegt. 2010 publizierten die Kulturphilosophen Robin van den Akker und Timotheus Vermeulen ihren Aufsatz "Anmerkungen zur Metamoderne" und prägten damit einen Begriff, der zu dem der Postironie nahezu synonym ist und seinerseits eine Phase benennen soll, die auf die (unironische) Moderne und die (vollironische) Postmoderne folgt, zwischen beider Mentalität "oszilliert" und so "zwischen Hoffnung und Melancholie, [...] Empathie und Apathie, Einheit und Vielheit, Totalität und Fragmentierung, Reinheit und Ambiguität" pendelt. Die Formel von der "Sowohl-weder-Dynamik" bringt den paradoxen – paradessenten – Charakter der Metamoderne auf den Punkt, in der also ebenfalls jene Illusion genährt wird, es könnte eine Welt geben, die ebenso frei von Fanatismus und Disziplinen wie von Beliebigkeit und Anarchie ist.

Eine Welt, in der alles ein wenig verschoben und in Schwebe gebracht ist

Im selben Jahr erschien der erste Roman von Leif Randt, "Leuchtspielhaus", dem es in großartiger Weise gelingt, die Stimmung einer solchen Welt zu beschreiben. Zum größeren Teil spielt der Roman in einem Londoner Frisörsalon, der seinen Kunden "Vintage hair" anbietet. Eine rätselhafte, immer verborgen bleibende Künstlerin, Bea, hinterlässt allenthalben Zeichen und Werke, bis man schließlich in jeder Veränderung im Stadtraum eine Botschaft von ihr erkennen zu können glaubt; bei Vernissage-Partys "wirft ein Diaprojektor leicht verschwommene Fotos" auf eine Backsteinfassade, und die Art und Weise, wie die Menschen in diesem Roman sprechen, gekleidet sind, ihr Geld verdienen und ausgeben, ist ebenfalls dadurch gekennzeichnet, dass herkömmliche Typen und Muster durcheinander geraten und eine Welt entsteht, in der alles ein wenig verschoben, entgrenzt, in luzide Schwebe gebracht ist.

Narrative Devices

Und nun also die Berlin Biennale. Fast alle Arbeiten, die dort zu sehen sind, ebenso sämtliche Statements der Kuratoren könnten direkt aus den Romanen von Shakar und Randt stammen. Da gibt es etwa die im Außenbereich der Akademie der Künste installierten Fitnessgeräte von Nik Kosmas, über den die Kuratoren mitteilen, er sei "ursprünglich Vollzeitkünstler" gewesen, widme sich nun aber "seinem Fitness- und Ernährungsbusiness, das sich aus seiner künstlerischen Arbeit heraus entwickelt hat". Die Besucherinnen und Besucher können hier unter Anleitung von Trainern Workout-Programme absolvieren. Ein paar Meter entfernt präsentiert der liberianisch-amerikanische Modedesigner Telfar Clemens sein Label TELFAR, mit dem er für die Berlin Biennale Uniformen für das Aufsichtspersonal, aber auch ein T-Shirt entworfen hat, das die Besucherinnen und Besucher vor Ort kaufen können. Der Künstler-Designer "taucht in seinen eigenen Werbekampagnen auf und positioniert sich dabei irgendwo zwischen Maskottchen und Lockvogel", heißt es auf der Website, die zudem die "Ästhetik der Verkaufspräsentation" zum Thema macht.

Die Idee von Kunst, für die DIS wirbt, verträgt sich nicht mit der Schwerkraft

Doch trotz all der Paradessenzen, die an den fünf Standorten der Berlin Biennale vorgeführt werden, entsteht kein Flow und keine postironisch-spirituelle Atmosphäre. Jegliche Hoffnung, nun sei endlich in der wirklichen Welt angekommen, was seit Shakar und Randt als Fiktion existiert und dort so befreiend, ermutigend, beglückend gewirkt hat, endet in jener Katerstimmung. Denn die Arbeiten und Inszenierungen halten den eigenen Ansprüchen nicht stand – und das nicht, weil sie zu einfältig oder unoriginell wären, sondern weil sie, in all ihrer Materialität, ziemlich plump, oft ein bisschen gebastelt, improvisiert, kulissenhaft, auf jeden Fall aber schwer und verdammt profan daherkommen. Fast immer hatte ich das Gefühl, ich sei ihnen zu nah gekommen, blicke gleichsam schon indezent hinter die Oberfläche und werde deshalb desillusioniert. Vielleicht entstünde dieser Eindruck sogar, wenn alles so perfekt ausgeführt wäre wie auf den teuersten Messeständen eines Automobilkonzerns, er konnte sich aber umso mehr steigern, da auf der Berlin Biennale, wie bei jeder anderen Biennale, natürlich allenthalben gespart werden muss und deshalb vieles in ernüchternd konventionellen Spielarten gebaut und präsentiert wird.

Wer Bücher wie die von Shaker und Randt nicht kennt, mag diese Biennale für einen verheißungsvollen Schritt in eine neue Richtung halten, doch wer sie kennt, kann sie nur als Ende einer Illusion erleben. Immerhin ist auch das eine Erkenntnis: Offenbar gibt es Formen von Kunst, die sind wunderbar, solange sie eine Idee bleiben. Sie bieten dann Stoff für die Phantasie, bleiben so leicht, so clean, so beweglich, so flirrend-vieldeutig wie Bilder vor dem inneren Auge. Vielleicht können auch noch in paradessenten Kombinationen auf einem Tumblr-Blog auftauchende Bilder ähnlich stark wirken wie ein Roman, aber schon wenn man begänne, sie alle auszudrucken, wäre das zu viel. Die Idee von Kunst, für die DIS in Berlin wirbt, verträgt sich nicht mit Materialeigenschaften und Schwerkraft. Sie muss im strengsten Sinn Utopie bleiben: etwas, das an keinem Ort real werden darf, weil es sonst ganz verschwindet.

Stören statt moralisieren
Oberflächlich oder subtil? Anlässlich der 9. Berlin Biennale wurde so kontrovers diskutiert wie lange nicht. Die Schau sorgte für Debatten: Ralf Schlüter vertritt die Pro-Fraktion
Berlin Biennale 2016
Aktuelle Artikel und Interviews zur 9. Berlin Biennale, dazu Bilder, Hintergrundberichte und ein Blick auf die Highlights aus den letzten Jahren